Rheinpfalz Vom Schädelstück zum „Dvinosauria“
Zu der Zeit, als es anstelle des Remigiusberges noch einen tropischen See gab, und als Kusel noch auf der Höhe des Äquators lag – das war vor sage und schreibe drei Millionen Jahren – hat nachweislich ein Wesen gelebt, das diese unbeschreiblich lange Periode überdauert hat, wenn auch nur in Knochen. Den „Trypanognathus remigiusbergensis“ hat Sebastian Voigt am Mittwoch im Urweltmuseum Geoskop auf Burg Lichtenberg vorgestellt. Der Vortrag fand im Rahmen der Aktion „Die Pfalz liest für den Dom“ statt.
Steter Tropfen höhlt den Stein. Das kann man teilweise wörtlich verstehen – denn hätte RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Klaudia Gilcher neben ihrem journalistischen Interesse für das Thema nicht dieses ausgeprägte Paläontologen-Gen entwickelt, dank dem sie oft stundenlang durch den Rammelsbacher Steinbruch streifte, so hätte sie „das neue Familienmitglied“, wie Sebastian Voigt den Sensationsfund zu Beginn seines Vortrags betitelte, auch nicht aufspüren können. Unter Paläontologie versteht man die Wissenschaft, die sich mit den Lebewesen vergangener Erdzeitalter beschäftigt. „Der Fund bestand bloß in einem Schädelstück“, verriet Voigt den rund 50 anwesenden Zuhörern, die sich im Museum eingefunden hatten und gespannt dem 90-minütigen Referat des Paläontologen lauschten. „Und es lag einfach da am Abhang; Klaudia Gilcher hat nicht danach graben müssen.“ Doch genau dieses Stück von einem Saurierschädel hat 2014, im Jahr seines Funds, ganz schön für Furore gesorgt. Denn wenig später hat sich ein Team aus Forschern und Helfern mit entsprechender Genehmigung in der Tasche daran gemacht, noch vor Weihnachten mehr Reste des „Trypanognathus remigiusbergensis“ im Steinbruch zu finden und diese zu bergen. „Das Fossil geriet schließlich in die Hände eines Experten aus Stuttgart, der den Schädel präparierte“, berichtete Voigt. Rainer Schoch sei jedoch der Auffassung gewesen, in dem freigelegten, mit einer Gipsmanschette gestützten Gesteinsstück seien keine weiteren Reste des Tiers zu finden. „Daraufhin haben wir Präparatorin Regine Weißmann aus Odernheim am Glan hinzugezogen, die weitere Skelettteile freilegen konnte.“ Was auf dem Foto, das Voigt den Gästen zeigte, anmutete wie die knochigen Reste eines Mittagessens, das hatte man zuvor in einer Vitrine nebenan fein säuberlich aufbereitet: Dank dieser partiellen Skelett-Rekonstruktion lässt sich die Anatomie des Kuseler Ursauriers nun auch für Laien viel besser erfassen. „Sein flacher Schädel weist in jedem Fall darauf hin, dass es sich um ein Amphibium handelt“, erklärte der Geoskop-Leiter Voigt. Durch einen Blick in die Erdgeschichte habe man den Zeugen des Zeitalterübergangs zwischen Karbon und Perm zunächst der vielgestaltigen Gruppe „Temnospondyli“ zuordnen können. Erst später sei eine genauere Klassifizierung möglich gewesen: „ Er gehört zu den ,Dvinosauria’, eine wesentlich überschaubarere Untergruppe von ungefähr 20 Arten.“ Der „Trypanognathus remigiusbergensis“ sei der einzige bekannte Vertreter seiner Art, momentan also einmalig auf der Erde. „Verwandte von ihm fand man jedoch überall auf der Welt“, wusste der Paläontologe zu berichten: „In Grönland, Brasilien, Texas, Südafrika und an der nördlichen Dwina, ein etwa 750 Kilometer langer Fluss in Russland.“ Voigt charakterisierte den Kuseler Ursaurier als einen Bewohner von Seeufern, Schlamm und Flachgewässern. Dass er mit seinen Fangzähnen, mit denen er es paradoxerweise geschafft hat, seinen eigenen Kiefer zu durchstoßen, auch an Land Beute gejagt hat, sei aber nicht auszuschließen. Der Remigiusberg-Saurier hat übrigens nicht nur die Wissenschaft bereichert: Durch die Einbettung des Vortrags in die Aktion „Die Pfalz liest für den Dom“ konnten am Mittwochabend auch Spenden für den Speyerer Kaiserdom gesammelt werden.