Kultur Südpfalz Vom Brot der Sprache abgebissen

Dichter und eindringlicher hätte keine Gedenkveranstaltung und wachrüttelnder keine Mahnwache gelingen können, als diese eine Stunde im Haus am Westbahnhof in Landau, in der die Cellistin Isabel Eichenlaub und der Rezitator Burkhart Denger mit Werken von Dichtern im Exil an Zeiten erinnerten, in denen Menschen aus Deutschland fliehen mussten, um Leib und Leben zu retten.
„Aufenthaltsvisum? Mein lieber Freund, sparen Sie Mühe Zeit und Worte. Wir haben uns endgültig eingezäunt. Bei uns sind genügend von ihrer Sorte. Europa wimmelt an allen Kanten von Emigranten.“ Dies ist der Anfang eines Gedichtes, das der Journalist Hans Reinow 1938 aus der eigenen Erfahrung verfasst hat. 1933 floh der Sozialdemokrat ins Exil nach Dänemark, nach seiner Rückkehr 1947 nahm er wesentlichen Anteil an der Entwicklung des bundesdeutschen Pressewesens. Was Dichter, Denker und Komponisten im erzwungenen Exil in Worten und Tönen niederschrieben, war Inhalt des Abends unter dem Motto „Werft eure Herzen über alle Grenzen – Ernste Gesänge aus dem Exil“. Gebannt lauschten die Besucher Worten und Tönen und zogen in Gedanken Parallelen zwischen Menschen, die im Gewirr zweier Weltkriege aus ihrer Heimat vertrieben wurden und jenen Flüchtlingen, die in diesen Tagen gen Westen pilgern, in der Hoffnung, in einem europäischen Staat Asyl und Frieden zu finden. Mit dynamischer Stimme und bedacht akzentuiert präsentierte Burkhart Denger die Gedichte. Sinnbildlich biss der Rezitator tatsächlich „Vom Brot der Sprache“ ab, bevor er, im Wortsinn mit vollem Munde und doch jede Silbe deutlich modellierend, Verse von Hans Sahl über das Vergessen seiner Heimatsprache zelebrierte. Laut und härter vorgetragene Gedanken von Bertolt Brecht „über die Bezeichnung Emigranten“, die er durch „Vertriebene“ oder „Verbannte“ ersetzte, weil der Entschluss zu fliehen kein frei gefasster war, regten die Zuhörer zum Nachdenken an. Mascha Kalekos zärtlich melancholische Großstadtlyrik berührte die Herzen: „Ich war schon sechs, als ich immer noch dachte, dass, wenn die Kriege aus sind, Friede sei“. Die ruhige Stimme und leise Töne auf dem Cello als prädestiniertes Streichinstrument, menschliche Stimmungen auszudrücken, sowie wenige, sehr bedachte Bewegungen fesselten das Publikum, das ob der andächtigen Atmosphäre im Raum kaum zu atmen wagte. Isabel Eichenlaub verstand es, manchmal nur mit wenigen Bogenstrichen die Wirkung jener Gedanken zu vertiefen, die Rose Ausländer, Siegfried Einstein, Walter Mehring, Else Lasker-Schüler oder Hilde Domin in der Fremde einst zu Papier brachten. Die „Ernsten Gesänge“ in acht Strophen, die Hanns Eisler 1962 für ein Streichorchester komponierte, hat Isabel Eichenlaub für den solistischen Einsatz des Violoncellos bearbeitet. Kein Jubilieren, keine wunderbaren Melodien sind dabei entstanden, sondern kurze Sequenzen, die, jetzt gezupft, dann gestrichen Traurigkeit, Verzweiflung und Asyl als bedrückende Eindrücke ausdrücken, selbst die Hoffnung auf ein Leben ohne Angst kommt sehr verhalten daher. Hindemith widmete die Cellistin mit der Interpretation seiner Sonate für Violoncello und der „Meditation“. Den Bogen ins Heute spannte der Rezitator, als er Passagen aus dem Roman „Drei Starke Frauen“ von Maire NDiaye las, das von Fluchtwegen durch die afrikanische Wüste bis an die Grenzzäune Europas erzählt. Info Die musikalische Lesung gibt es noch einmal am Donnerstag, 19. November 2015, 19 Uhr, im Ökumenischen Bildungszentrum Sanctclara, B5,19, Mannheim. (srs)