Landau
Verdis „Traviata“ mit entwaffnend schönem Gesang
Das Bühnengeschehen war absolut tumultfrei mit fünf Protagonisten und einem Klavier statt Orchester. Das Bühnenbild von Mien Bogaert ermöglichte mit viel Mobiliar an Stühlen, Tischen, Bar und Leuchtsäulen Umbauten in offener Szene und überhaupt Bewegung. Ansonsten vermittelte die Inszenierung von Regisseurin Silvia Aurea De Stefano eher Düsternis, wenn man von Violettas Glitzerfummeln absieht. Warum indes eine Nebelkanone unablässig Schwaden aussandte, bleibt ein Rätsel.
Natürlich – das kann man nicht ausblenden – schmerzte der Verzicht auf die großen Chorszenen. Zum einen inhaltlich, denn mit der rührenden Geschichte um die reine Liebe einer Kurtisane brach Verdi ein gesellschaftspolitisches Tabu – adelte er damit doch den Sumpf und stellte die Bigotterie der Oberschicht im Rausch überbordender Ballszenen aus. Schon Alexandre Dumas Romanvorlage „Die Kameliendame“ stand in Frankreich im Kreuzfeuer öffentlicher Kritik.
Ein Klavier ersetzt kein Orchester
Zum anderen fehlten die fantastisch mitreißenden Chorszenen einfach musikalisch: vor allem die herrliche Palette an orchestralen Farben, die in einer auch noch so geschickten Klavierbearbeitung nicht abzubilden sind. Wobei Andrés Juncos vom Flügel seitlich auf der Bühne hochkonzentriert, absolut schlackenfrei, einfühlend und dynamisch stets im Einklang mit den Singenden begleitete.
Die grundsätzlichen Einschränkungen einmal ausgeblendet, bietet das Kammerspiel aber den Vorzug eines tieferen Blicks in die Seelenlandschaften seiner Protagonisten. Ohne schillerndes Beiwerk und in reiner Konzentration auf die tragische Verstrickung der drei Menschen fordert es die Sänger – auch als Schauspieler – erheblich mehr als herkömmliche Inszenierungen. Spätestens die Sterbeszene glorifizierte die Kraft des Weiblichen: Violetta entschwindet sozusagen himmelwärts. Die Männer im Spiel haben wieder einmal zu spät begriffen, stehen am Ende dumm, einsam und ratlos herum.
Inszenierung reich an Höhepunkten
Die Inszenierung lotet tief. Gerade das erste Bild des zweiten Akts – Violetta lebt jenseits der Pariser Glitzerwelt seit Monaten mit ihrem Geliebten Alfredo ein schlichtes Hausfrauendasein auf dem Lande – geht unter die Haut. Aufwühlend, der Höhepunkt des Abends, war das verbale Drama zwischen Violetta und Germont, Alfredos Vater, als dessen Ergebnis die an Tuberkulose erkrankte Kurtisane ihren Geliebten freigibt mit der Lüge, sie liebe einen anderen.
Dabei waren Glanzlichter reich gesät. Verdis Musik ist einfach unbeschreiblich hinreißend, so reich an Ohrwürmern. Und an diesem Abend wurde entwaffnend schön gesungen. Allen voran brillierte Britta Glaser mit einem bildschönen Koloratursopran, der die aufschäumenden Höheregister geradezu lustvoll ausstellte, nicht zuletzt aber auch die subtilen, die zerbrechlichen Nuancen, die schmerzvoll schwebenden Pianos atemberaubend eindringlich auskostete.
Der große Applaus war verdient
Ihr zur Seite stand mit Michael Ha als Alfredo ein Tenor mit kraftvoll strahlendem Belcanto. Zu Anfang waren die Höhen noch etwas angestemmt, doch seine stimmliche Brillanz kam zunehmend freier und nachdrücklicher zur Geltung. Eindrucksvoll, mit edel verwaltetem, sehr markigem Bariton, agierte der auch darstellerisch prägnante Julian Arsenault als Giorgio Germont. Solgert Bervoix (Mezzosopran) als Flora und Shokri Francis Raoof (Bariton), der den Douphol und im Schlussbild Dottore Grenvil gab, ergänzten die kleine Truppe perfekt. Der große Applaus war verdient.