Karlsruhe
Triumphale Rückkehr: Mother Tongue bringen das Substage zum Brodeln
Als ein Konzert, das bis dahin schon von einer außergewöhnlichen Qualität und Stimmung geprägt ist, zu Ende scheint, passiert Denkwürdiges. Die Zuschauer strömen schon in Richtung Ausgang, über die Boxen im Karlsruher Substage läuft „Ace Of Spades“ von Motorhead als Rausschmeißer, als Mother Tongue noch einmal auf die Bühne kommen. „Sind wir ehrlich: Wer weiß, ob wir jemals zurückkehren werden“, sagt Gitarrist Bryan Tulao. „Also haben wir entschieden, den Moment mit euch zusammen zu genießen.“ Es gibt einen spontanen zweiten Zugabenblock, und hier spürt jetzt jeder unter den 500 Menschen im Saal, dass er Teil eines ganz besonderen Abends ist. Der von einer ganz besonderen Band inszeniert wird.
Als Mother Tongue Anfang der 90er Jahre auf der Bildfläche erschienen, galten sie als das mögliche nächste große Ding. Die Grungeexplosion aus Seattle mit Nirvana, Pearl Jam oder Soundgarden hatte die Rockwelt einmal von rechts auf links gedreht, als die Band aus Los Angeles 1994 ihr Debüt auf den Markt warf. Eine Platte für die Ewigkeit, ein in jeder Sekunde zwingender Zombie aus Alternative Rock, psychotischem Blues und Funk. So etwas hatte man noch nie gehört. Vor allem live entfaltete sich die volle, intensive Wucht dieses kleinen Meisterwerks.
Aber kommerziell war das Album ein Flop. In ihrer Heimat USA interessierte sich kaum jemand für Mother Tongue. Nische statt großer Träume, der Frust über den ausbleibenden Erfolg mündete in die Auflösung 1996. Nur in Deutschland hatte sich die Band, unter anderem auf einer Tour als Support von The Cult, schnell eine treue Fanbasis erspielt. Das Comeback mit „Streetlight“ Anfang der 2000er Jahre, Mother Tongue waren mittlerweile beim deutschen Indie-Label Noisolution untergekommen, wurde von legendären Touren hierzulande befeuert.
An ihre lange Verbindung mit dem Substage erinnert auch Sänger und Bassist Davo Gould am Freitagabend. Bei einer Show in Karlsruhe spielte sich die Band einmal komplett in einen Rausch, das Konzert endete erst nach fast drei Stunden. Am Freitag gerät das Programm kompakter, aber nicht weniger intensiv.
Gould nutzt die Gelegenheit, zu Beginn des Abends sein neues Zwei-Mann-Projekt Werewolf Etiquette vorzustellen, das er gemeinsam mit dem Original-Mother-Tongue-Schlagzeuger Geoff Haba ins Leben gerufen hat. Der erste Eindruck überzeugt: Es groovt, und es rockt.
Neun Jahre ist es her, dass Mother Tongue zuletzt in Deutschland aufgetreten sind. Zwei geplante Tourneen mussten aufgrund der Corona-Pandemie wieder abgesagt werden. Die Wiedersehensfreude ist dementsprechend auf beiden Seiten groß. Ohne große Anlaufzeit brodelt es direkt auf und vor der Bühne, „Helicopter Moon“, „Dark Side Baby“ oder „Nightmare“ haben nichts von ihrer hypnotischen Zugkraft verloren.
Gründungsmitglied Haba kehrt ans Schlagzeug zurück
Gegen Mitte des Sets gibt es eine große Überraschung. Gründungsmitglied Haba trommelt bei drei Songs vom Debütalbum, nach dem er die Band verlassen hatte. „Damage“, „Burn Baby“ und „Broken“ bekommen somit auch eine historische Note. Sänger Gould stellt währenddessen klar, warum sie noch einmal in ihre zweite Heimat gekommen sind. Es gehe darum, die Gemeinschaft mit ihren Fans zu bestärken, den Menschen in Deutschland zu zeigen, dass es da noch eine andere USA gibt als die von Donald Trump. Exemplarisch dafür steht „Crmbl“, einer der Höhepunkte des Abends, das minutenlang mitgesungen wird. Die Welt mag bröckeln, das deutsche Wort für „crumble“, aber genau dann muss man zusammenhalten.
Als nach dem thematisch ähnlich gelagerten (und im Substage fast ekstatisch abgefeierten) „F.T.W.“ Schluss scheint, überlegen es sich Mother Tongue noch einmal anders und spielen mit „Trouble Came“, „In The Nighttime“ und „Modern Man“ drei weitere Songs. Jetzt ist es endgültig eine triumphale Rückkehr. „Wir lieben euch“, sagt Gould. An diesen wunderbaren Abend werden sich alle, die dabei waren, lange zurückerinnern.