Karlsruhe
Theaterstück für Kinder taucht in Welt von Migranten ein
Zwischen türkischer Vergangenheit und deutscher Wirklichkeit eine neue Identität zu finden, ist nicht leicht. Am Beispiel der Kinder Lale und Lilo hat Önder dieses Thema in ihrem Theaterstück (für Kinder ab elf Jahre) bearbeitet.
Die Geschwister sind besorgt. Sie spüren, wie ihre Eltern bedrückt sind, und bemerken seltsame Vorgänge im Haus. Zwar leben sie in Deutschland, aber über ihnen schweben Schatten der türkischen Zustände von Unterdrückung und Gefahr. Ihre Mutter, eine politisch engagierte Journalistin, war in ihrer Heimat von Verfolgung bedroht und ist traumatisiert.
Mysteriöse Vögel, poetische Metaphern der alten Polizeigewalt, erscheinen wie Sendboten der Unfreiheit vor Fenstern ihrer Wohnung – und der Vater bemüht sich panisch darum, alle Symbole des Unheils zu tilgen und die Familie in Sicherheit zu wiegen.
Die Macht der Sprache
In dieser Situation wächst in den Kindern das Gefühl einer Bedrückung. Sprache, so ahnen sie, kann ein Mittel der Ausgrenzung und Ängstigung sein. Da bietet sich als Rettung die Macht der Phantasie an. Sie erscheint in Gestalt eines sprechenden Sofas, auf dem ein magischer „Herr Couch“ sie auf eine Reise in die Vergangenheit mitnimmt. Wie ein moderner west-östlicher Divan fliegt das Sofa sie an verdrängte Orte ihrer Geschichte. Dabei gewinnen sie nicht nur Erinnerungen, sondern auch Worte zurück, die ihnen den Weg zur Befreiung weisen. Am Ende findet sich die Familie in entspannter Harmonie und gestärkter Zuversicht.
Diese etwas versponnene Geschichte einer Therapie durch Rückbesinnung wird von der Autorin in Andeutungen und Bildern mehr beschworen als erzählt, und auch die allzu putzige Einstudierung von Asena Yesim Lappas, deren Stückentwicklung „dragfruit“ in Karlsruhe bereits zu sehen war, trägt zur Entschlüsselung des Geschehens durch szenische Mittel nicht wesentlich bei. Die wunderlichen Vorgänge der Handlung wie die Zeit- und Rollensprünge, Umstellungen und bewussten Fehlstellen der knapp einstündigen Aufführung erzeugen eine diffuse Atmosphäre, die auch die karge Bühne und bizarren Kostüme von Sarah Elena Kratzl nur wenig beleben.
Konzept überzeugt, Rollenbesetzung nicht ganz
Was bleibt, ist der Eindruck einer mit Zauberei und kindlicher Intuition befeuerten Integration, wie sie in der Wirklichkeit von Migranten schwerlich vorkommt. Önders Stück setzt das Prinzip einer naiven Wunschwelt gegen die nicht ganz so positive soziale und politische Realität für die neuen wie alten Zuwanderer. Als dramaturgisches Instrument in einem Jugendstück mit aktuellem Anspruch ist das gewiss nicht falsch, und insofern hat dieses Werk, wie die Resonanz zeigt, am Theater für ein junges, womöglich gar interkulturelles Publikum durchaus seine Berechtigung.
Problematisch sind in Aufführungen wie dieser oft die Fragen der (oft sogar gender-widrigen) Besetzung von Kinder-Rollen mit erwachsenen Darstellern. Diese notorische Differenz zu überbrücken gelingt im Karlsruher Ensemble vor allem bei dem aufgekratzten, pubertierenden Knaben Lilo, dem die versierte Sophie von Grudzinski mit professioneller Begabung vergnügliches, schlüssiges Profil verleiht. Wie sie die Drolligkeit des quirligen Gernegroß zu ganz besonders „kerliger“ Kessheit aufbauscht und das kräftige Gebaren des bewunderten „Herrn Couch“ mimisch zu kopieren sucht, ist als Paradestück von amüsantem Reiz, mit dem die Darstellerin bei aller Vielseitigkeit auch komisches Talent beweist.
Daneben entwirft Laman Leane Israfilova die etwas reifere Schwester Lale als besonneneres Gegenstück, und Nikita Buldyrski bewältigt mit ergänzenden Akzenten die Doppelrolle des „Herrn Couch“, der die Kinder als erträumte Leitfigur auf ihre Reise zu sich selbst führt, sowie des nüchternen, biederen Vaters, mit dem am Ende so etwas wie Normalität in der verunsicherten Familie einkehrt.
Info
Weitere Vorstellungen in der Karlsruher „Insel“ am 16. (als Doppelvorstellung) und 17. Juni sowie am 9., 10. und 22. Juli.