Rheinpfalz Tafel mit Müllproblem
«Mannheim.» „Das glaub’ ich nicht“, zeigt sich der Mannheimer Bundestagsabgeordnete überrascht. Nikolas Löbel steht im Verkaufsladen der Tafel im Stadtteil Waldhof und schüttelt den Kopf. „Doch, die Zahl ist richtig“, bestätigt der Leiter der segensreichen Einrichtung, Karl-Heinz Moll, bei einem Hintergrundgespräch. Stein des Anstoßes sind die monatlichen Abfallgebühren. Gut und gern 1500 Euro muss der Träger der Tafel, die Caritas, dafür auf den Tisch blättern, damit die Fachfirma Refood die nicht mehr verwendbaren Lebensmittel entsorgt. Moll wird präziser: Fast die Hälfte der täglich bei Bäckereien, Supermärkten und anderen Lebensmittelhändlern abgeholten Kisten wandert sofort in die Biotonnen. „Die Sachen sind schon beim Eingang nicht mehr verwertbar“, bedauert der Chef. Was von den in zwei Dutzend Geschäften abgeholten Waren für die Bedürftigen übrig bleibt, wird für ein Drittel des Filialpreises verkauft. 85 Prozent davon sind Obst und Gemüse, der Rest andere Nahrungsmittel. Und die Nachfrage wächst, denn die Tafel Waldhof hilft dort, wo sich Staat und Kommune zurückgezogen haben. Und der Treffpunkt, der werktäglich von 10.30 bis 13.30 geöffnet ist, dient letztlich den Discountern als Alibi. Sie werden auf diese Weise ihre nicht mehr verkaufbaren Artikel ohne schlechtes Gewissen los. Die Tafel erweist sich hier als Teil des Wirtschaftskreislaufes. Die Kunden profitieren vom guten Preis und die Filialen sparen sich die kostspielige Entsorgung. Eigentlich eine Win-win-Situation, wenn da nicht die hohen Müllgebühren wären, die nun an der Mannheimer Caritas hängen bleiben. Ungefähr 600 Menschen mit geringem Einkommen gehören zum Stamm der Tafelkunden des Stadtteils, 240 davon haben einen deutschen Pass. Über 10.000 Besucher werden im Jahr gezählt. Dazu gehören in erster Linie Großfamilien, Alleinerziehende, Rentner und Arbeitslose. Kommt es vor Ort zu Konflikten, was durchaus passiere, aber bislang nicht zum Problem geworden sei, regle man dies unmittelbar oder über Regelungen beim Anstehen oder beim Einlass ins Geschäft, erklärt Karl-Heinz Moll. Um überhaupt bezugsberechtigt zu sein, genügen in der Regel behördliche Bescheide wie Leistungsbewilligungen nach „Hartz IV“. Wer einen entsprechenden befristeten Ausweis ausgestellt bekommt, ist offiziell Tafel-Kunde. Dass der Laden läuft, dafür sorgen insgesamt 40 freiwillige Helfer, die hinter der Theke, in der Sortierhalle und als ehrenamtliche Fahrer aktiv sind. Konflikte und Platzgerangel in langen Warteschlangen wie in Essen hat Karl-Heinz Moll bislang nicht festgestellt. Die Stadt im Ruhrpott hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt, weil die dortige Tafel auf unbestimmte Zeit nur noch Kunden mit deutschem Pass vorbehalten sein soll. Die vielen Migranten, die mit der sogenannten Flüchtlingskrise ins Land gekommen sind, sollen die Stammklientel der Einrichtung verdrängt haben. Ein Teil von ihnen soll immer wieder durch ungebührliches Verhalten aufgefallen sein. In Mannheim gibt es dieses Problem aus einem einfachen Grund nicht. „Asylbewerber in der Erstaufnahmestelle bekommen für unser Haus keinen Berechtigungsschein, denn sie erhalten vom Staat Vollversorgung“, erklärt Moll. Weitere Tafeln gibt es in der Neckarstadt, Rheinau und Schönau. Sie versorgen etwa 2100 Menschen und sind in Trägerschaft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Das DRK unterstützt sie mit finanziellen Mitteln, Räumen, Personal und Verwaltung. Zudem übernimmt die Organisation als regionales Logistik-Zentrum die Aufgabe der Verteilung von großen Lebensmittel- oder Materialspenden. Doch auch diese Tafelläden in Mannheim leiden unter den hohen Spezialmüllkosten für nicht mehr verwertbare Lebensmittel. Und eine kostengünstigere Alternative zur Spezialfirma zeichnet sich vorerst nicht ab. Die kommunale Abfallbeseitigungsgesellschaft ist wegen der großen Mengen rein technisch gar nicht in der Lage, den „Essensmüll“ der Tafeln vorschriftsmäßig zu entsorgen. Weil der Müll nicht aus privaten Haushalten stammt, ist dieser laut Stadt „von der Entsorgungspflicht durch den öffentlichen Entsorgungsträger ausgeschlossen“. Die Auswahl des Privatentsorgers stehe den Tafeln frei, so die Stadt weiter. Der neue CDU-Bundestagsabgeordnete Löbel will das Thema mit nach Berlin und in die Mannheimer Kommunalpolitik nehmen.