Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel SWR Vokalensemble in der Georgskirche

In Kandel: das SWR Vokalensemble unter Marcus Creed.
In Kandel: das SWR Vokalensemble unter Marcus Creed.

Unter seinem Ehrendirigenten Marcus Creed bot das SWR Vokalensemble Stuttgart in der Kandeler St. Georgskirche ein spektakuläres Konzerterlebnis.

Zwei, die lange und erfolgreich gemeinsam Bühnen, Studios, Funkhäuser und Konzertstätten auf der ganzen Welt bespielt hatten, begegneten sich mit diesem Projekt wieder einmal: Der britische Dirigent Marcus Creed und das SWR Vokalensemble, an dessen Pult er bis 2020 ganze 17 Jahren die musikalischen Weichen gestellt hatte – eine Zeitspanne, in der auch der vielfach und immer wieder gerne kolportierte Spruch vom SWR Kammerensemble als „dem Rolls-Royce unter den deutschen Rundfunkchöre“ Verbreitung fand. Er ist der erste Ehrendirigent in der Geschichte des Chores.

Und Creed hatte für das Gastspiel in der proppenvollen St. Georgskirche Kandel unter dem Titel „Silence und Music. Madrigale und Partsongs“ eine Werkfolge mitgebracht, die einerseits tatsächlich „very british“ durchwirkt war, nicht zuletzt aber auch in den Fokus rückte, wozu Rundfunkchöre wie kaum ein anderes vokales Medium bestellt sind: sich dem Unerforschten, dem wenig Geläufigen und vor allem dem zeitgenössischen Chorschaffen mit hohem professionellen Anspruch zu widmen.

Tief in existenziellen Gräben

Es war ein Programm, das tief in existenzielle Gräben stieg, zwischen Melancholie, Todessehnsucht, Liebesschmerz und ebenso gewaltigem wie still beseeltem Naturerleben pendelte. Edward Elgar, Ralph Vaughan Williams, nicht zuletzt Carles Villiers Stanford – noch sämtlich der Tradition der geselligen Partsongs verpflichtet - ließen dazu im ersten Teil den sprichwörtlichen „Blue Bird“ singen und die Blaue Blume der Poesie gleich mit erblühen. Aus dem elisabethanisch barocken Madrigalkabinett schauten Thomas Vautor und Orlando Gibbons vorbei und als Prolog zum Standford’schen „Blauen Vogel“ führte Judith Bingham 1952 in die abgründige Stille einer enttäuschten und im See der Gefühle ertränkten Liebe - hinreißend und extrem berührend interpretiert durch die Alt-Solistin Wiebke Wighardt und das sanft akkompagnierende Vokalensemble.

Teil zwei schuf Raum für Zeitgenössisches zum Themenspektrum, so Jonathan Harvey mit seinem 2010 komponierten „Song of June“, Edward Cowie und Richard Rodney Bennett, der in seinem dreiteiligen „Sea Change“ alle denkbaren vokalen Eskapaden geradezu orgiastisch abfeierte. Da wurde geclustert, geschrien, gezischt und gejauchzt nach Herzenslust, aber: Alles nach einer aufs Penibelste feinjustierten Choreographie.

Schier unendliche Fülle an Ausdrucksmitteln

Wie dieses Faszinosum angemessen beschreiben? Es war dieses grandiose Pendeln zwischen dem scheinbar Leichten, dem duftigen, feinen Klang, und der mächtigen, Arena tauglichen Stimmgewalt; und vor allem die schier unendliche Fülle an Ausdrucksmitteln dazwischen. Es war auch die aufs Äußerste verfügbare Konzentration, die Disziplin, etwa beim kaum merklichen Benutzen der Stimmgabel, die intonatorische Feinjustierung, das Gespür für minimalste Nuance genau in der passenden Sekunde und letztlich die kongeniale schwingungsgleiche Verschmelzung von 24 souveränen Solisten; eigentlich ein Widerspruch in sich – aber da gelingt sie doch, die Quadratur des Kreises.

Speziell mit Edward Cowies „Lyre Bird Motet“ – für die drei eloquenten „Vögel“, die Sopransolistinnen Johanna Zimmer, Wakako Nakaso und Kirsten Drope ein spektakulär virtuoser Hochseilakt – und Bennetts „Sea Change“ konnte das Ensemble das gewaltige Arsenal an stimmlicher Artistik, rhythmischer Trittsicherheit und lupenreiner Artikulation weidlich beackern.

Den eignen Atem zum Anhalten gebracht

Aber vielleicht faszinierte letztlich am nachhaltigsten doch das Stille, das Verhaltene im Fluss der Darbietung; ein sacht, allmählich und in äußerster Besonnenheit verebbende Pianissimo, was unwillkürlich auch den eignen Atem zum Anhalten brachte. Und für einen markanten Moment die reale Welt aufzuheben schien.

Marcus Creed moderierte die Werkfolge charmant und mit einer sympathischen Prise britischen Humors gewürzt. Und manövrierte sein prächtig disponiertes Ensemble mit pointierter Diktion durch die Klippen des ambitionierten Programms. „Goodnight“ von Richard Bennett (Solisten: Steffen Kruse, Tenor, Bernhard Hartmann, Bass) ließ den Abend etwas verhaltener, fast schmerzhaft schön ausklingen.

Termin

Das SWR Vokalensemble singt unter der Leitung von Yuval Weinberg am Mittwoch, 13. Mai, um 20 Uhr im Dom zu Speyer im Rahmen der Schwetzinger SWR Festspiele. Ritual & Ekstase ist das Konzert überschrieben. Werke von Joby Talbot („Roncesvalles“ aus: „Path of Miracles“), Samuel Barber („Agnus Dei“), Eran Dinur („Ne’ila“), dem hundertjährigen György Kurtág („Omaggio a Luigi Nono“ op. 16), Jay Schwartz (Neues Werk für Chor a cappella als Uraufführung) und Georgy Sviridov („Having beheld a wondrous birth“ aus: „Hymns and Prayers“) erklingen. Infos und Karten unter www.swr.de

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