Rheinpfalz
Sturzflug: Wie Stadtplaner für Wildtiere mitdenken
In den Städten gibt es weniger und weniger Spatzen. Sie leiden, wie der Mensch, unter Wohnungsnot – weil alles immer voller, dichter, aufgeräumter wird. Damit Vogel, Igel oder Zwergfledermaus auch künftig bei uns leben können, braucht es eine tierfreundliche Architektur.
Wohnraummangel ist ein großes Problem“, sagt Wolfgang Weisser, Professor an der Technischen Universität in München – der deutschen Stadt, die für Wohnungsnot steht wie keine zweite. Für viele alte Stadtbewohner, so Weisser, werde der Platz knapp. „Deswegen helfen Nistkästen oft.“ Weisser ist Biologe, Inhaber eines Lehrstuhls für Terrestrische Ökologie. Er sorgt sich um Städter, die sonst kaum jemand auf dem Schirm hat: Wildtiere, die den Menschen Gesellschaft leisten. Steigende Mieten und Immobilienpreise haben nämlich nicht nur für uns böse Folgen. Auch Tiere leiden darunter, indirekt. Denn die gängigen Lösungen für die Menschenwelt, Nachverdichtung und Neubaugebiete, führen zu Wohnungsnot in der Tierwelt. Das ist kein kleines Problem, denn teilweise sind die deutschen Städte inzwischen artenreicher als das Umland. In Berlin beispielsweise hat man über 20.000 Tier- und Pflanzenspezies gezählt, das ist gut ein Drittel der nationalen Artenvielfalt. Was nicht nur daran liegt, dass Städte wie ökologische Inseln inmitten der dünger- und pestizidberegneten Monokulturen der Landwirtschaft liegen. Es hat auch damit zu tun, dass urbane Gebiete einen Flickenteppich aus unterschiedlichsten Biotopen bilden: Gärten und Teiche, Mauern und Dachstühle, Trocken- und Feuchtareale. So viel Abwechslung auf so kleinem Raum ist außerhalb kaum zu haben.
Füchse denken gar nicht mehr daran, eine Gans zu stehlen
Hinzu kommt: Auch Kost und Logis sind nicht zu verachten. Spatzen, Schwalben oder Mauersegler nisten schon immer gern an Gebäuden. Igel und Wildschweine wissen das Futter zu schätzen, das die 17 Millionen Gärten bieten, die es landauf, landab gibt – und die immerhin etwa 2 Prozent der Fläche in der Bundesrepublik bedecken. Füchse machen mit den wehrlosen Essensresten des Menschen derart leicht Beute, dass sie gar nicht mehr daran denken, mühsam eine Gans zu stehlen. Viele Tiere haben die Städte zu ihrem Lebensraum gemacht. Einige von ihnen wie Wanderfalken oder Zwergfledermäuse leben sogar häufiger unter den Menschen als auf dem Land. Doch dieser Lebensraum verändert sich durch den Bauboom der letzten Jahre rapide. Brachen und Grünflächen verschwinden, statt Büschen und Bäumen wachsen überall Häuser himmelwärts. „Mit der Verdichtung geschieht eine unglaubliche Vernichtung des Grünraums, den wir noch in der Stadt hatten“, bekräftigt Weisser. „Für Tiere wichtige Freiflächen werden komplett abgeräumt.“
Alles geleckt, alles zugebaut - in München gibt es nur noch ein kleines Spatzenvolk
Welche Folgen das hat, zeigt sich gerade am Spatz, einem der leidenschaftlichsten Städter. Einst war er aus dem Straßenbild nicht wegzudenken. Doch moderne Gebäude haben kaum noch Hohlräume, die sich als Nistplatz eignen würden – und bei vielen älteren Häusern werden durch die energetische Sanierung die Fassaden versiegelt, um Wärmeverluste zu vermeiden. „Bei den Haussperlingen gibt es europaweit einen Rückgang in den urbanen Räumen“, sagt Thomas Hauck, Landschaftsarchitekt an der Universität Kassel. Neben der Verdichtung trügen daran auch „sehr penible Pflegemaßnahmen“ eine Mitschuld, meint Hauck. Ein Spatz braucht mehr als einen Brutplatz und ein paar Brosamen. Er benötigt beispielsweise Wasser- und Staubbäder, um seine Parasiten in Schach zu halten – also Pfützen und unversiegelte Flächen, die vom Menschen als unschön empfunden werden. Weil heutzutage alles geleckt sein muss, verschwinden Zufluchtsorte zunehmend. Deshalb wird das planvolle Mitdenken von Wildtieren und ihren Bedürfnissen bei der Stadtplanung umso wichtiger, betonen Wolfgang Weisser und Thomas Hauck. Vor gut fünf Jahren haben sie ein Forschungsprojekt gegründet, das Tiere als Teil der Stadt versteht und sie systematisch in die Planung von Häusern, Gärten und Parks, letztlich ganzen Städten einbeziehen soll. „Animal-Aided Design“, kurz AAD, haben sie ihr Programm genannt – tierunterstützendes Entwerfen.
Pilotprojekt Animal-Aided Design
AAD soll Architekten, Landschafts-, Verkehrs- und Stadtplanern helfen, Gebäude, Grundstücke und Gärten zu entwerfen, die nicht nur hübsch aussehen, sondern möglichst viele ökologische Nischen bieten. Dafür haben Weisser und Hauck mit ihren Teams Artenporträts angelegt: Steckbriefe, was bestimmte Tiere alles benötigen – im Lauf eines Jahres und im Lauf eines Lebens. Denn Nistkästen helfen zwar, sind aber für sich allein genommen nutzlos. Beispiel Rotkehlchen: Die Jungen, die im Frühjahr geschlüpft sind, brauchen Raupen und Larven. Wenn sie größer werden, fressen sie auch ausgewachsene Insekten mit harter Chitinhaut. Und die erwachsenen Rotkehlchen picken ab dem Sommer Beeren und Früchte. Beispiel Haussperling: „Spatzen sind schreckhaft“, erklärt Weisser. Die müssten bei der Brut alles Lebensnotwendige in einem Umkreis von circa 50 bis 100 Metern finden, „auch Schutzgehölze“. Die es in vielen Städten aber kaum noch gebe. Mit der Folge, dass momentan etwa in der Münchner Innenstadt gerade noch eine Spatzenkolonie lebe. Das Hilfsprojekt AAD möchte nicht nur Lebensräume für Wildtiere erhalten, die es bereits gibt, sondern traut sich auch zu, neue zu schaffen. „Wir überlegen uns: Wie kann man Räume in der Stadt so gestalten, dass sie für bestimmte Tiere wertvoll werden?“, erläutert Hauck. „Das hat es bisher in der Stadtplanung nicht gegeben.“
"Es reicht nicht mehr, so wie früher, nur mit Pflanzen zu planen"
Das sei aber notwendig geworden, ergänzt Weisser: „Es reicht nicht mehr, so wie früher, nur mit Pflanzen zu planen – und sich darauf zu verlassen, dass dann die Tiere einfach irgendwie passieren. Unsere Städte sind heute so durchgeplant, die Räume so spärlich, dass wir für Tiere mitplanen müssen. Sonst haben wir irgendwann einfach keine Tiere mehr in der Stadt.“ Inzwischen haben die AAD-Forschungsgruppen der TU München und der Universität Kassel, die vom Bundesamt für Naturschutz und vom bayerischen Umweltministerium unterstützt werden, erste Testläufe mit einigen Arten gefahren. Bei einem Nachverdichtungsprojekt in München-Laim etwa, wo auf einer ehemaligen Grünanlage Wohnungen und ein Kindergarten entstanden sind, hat man beim Hochbau, bei der Grünplanung und bei der Dachbegrünung für Grünspecht, Haussperling, Igel und Zwergfledermaus mitgedacht. Gerade die Dachbegrünung ist ein wichtiger Faktor: 15 Zentimeter oder höher, bietet sie verschiedenen Pflanzen und Insekten Platz, die wiederum Spatz und Grünspecht als Nahrung dienen. Auch die Kita hat Platz gelassen für die Tiere: Im Geräteschuppen wurden Igelschubladen eingerichtet. Solche Überwinterungsplätze werden immer rarer; für den Igel als Winterschläfer sind sie aber überlebensnotwendig. Doch gerade das Beispiel Kindergarten zeigt, wie schwierig es ist, den Tieren in der Stadt Überlebenschancen zu bieten. Die Schulbehörde war besorgt, dass der Igel eine Gesundheitsgefahr für die Kinder darstellen könnte. Also musste so konstruiert werden, dass sich Igel und Kinder nicht ins Gehege kommen. Welche wichtige Rolle solche Aspekte spielen, war den Wissenschaftlern anfangs nicht klar. Inzwischen haben sie daraus gelernt. „Man darf im städtischen Kontext einfach nicht vergessen, dass es solche Sorgen gibt“, sagt Weisser. „Und dass man denen Rechnung tragen muss.“
Wer nicht weiß, dass das Areal tierfreundlich bebaut wurde, bekommt davon nicht unbedingt etwas mit
Das Münchner Pilotprojekt zeige, dass sich der Naturerhalt prinzipiell bei jedem Bauvorhaben in Deutschland umsetzen lasse, betont Weisser: „Auf einem großen Teil der vormals offenen Fläche steht nun ein Gebäude und darunter befindet sich eine Tiefgarage. Weniger Platz geht fast gar nicht. Und trotzdem war es relativ schmerzfrei möglich, einige Tierarten zu integrieren.“ Wer nicht weiß, dass das Areal tierfreundlich bebaut wurde, bekommt davon nicht unbedingt etwas mit. Es gibt keine verwilderte Ecke, die sich auf den ersten Blick als Biotop zu erkennen gibt. Selbst Freunden der geleckten Optik kommt man so entgegen. Tierfreundlich Gebäude hochzuziehen sei möglich mit geringem technischem und finanziellem Aufwand, versichert Hauck – dann zumindest, wenn man das Ganze von Anfang an in die Planung einbeziehe: „Es geht bei AAD einfach um eine porösere Stadt. Mehr Grün zwischendrin. Mehr Nistplätze an den Fassaden. Mehr Nahrungsquellen.“ Und es geht, ganz grundlegend, um eine andere Ausbildung der Architekten. „Die meisten haben zum Beispiel von vogelsicherem Glas keine Ahnung. Deshalb sterben in Deutschland schätzungsweise 18 Millionen Vögel im Jahr durch Vogelschlag“, rechnet Hauck vor. Weil sie die Scheiben nicht sehen. Oder weil die Fenster spiegeln, sodass darin Trugbilder von Bäumen auftauchen, die die Vögel als Landeplätze ansteuern.
Stadt kann nicht zur Arche für alle vergraulten Tiere werden
Wer beim Bauen im Auge behält, dass Städte nicht allein in Menschenhand sind, kann solche Unfälle verhindern helfen. Auf eines allerdings sollte man nicht hoffen, schränkt Wolfgang Weisser ein: darauf, die Stadt zu einer Arche für all jene Tierarten ausbauen zu können, die außerhalb wegen der Spritzmittel oder wegen der eintönigen Felder nicht mehr zurande kommen. „Das wäre Quatsch. Sie können Naturschutz nicht dadurch betreiben, dass Sie alle Arten in die Stadt holen.“