Rheinpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel St. Wendel: Fußballer feiern „Rekord für die Ewigkeit“

Kaputt, aber glücklich: Dirk Stiwitz (Wallhalben), der Initiator und Motor des Rekordspiels.  Foto: Hamm
Kaputt, aber glücklich: Dirk Stiwitz (Wallhalben), der Initiator und Motor des Rekordspiels.

Lange Gesichter im Mutterland des Fußballsports: Die Dauerkicker aus dem britischen Worthing sind auf Rang zwei zurückgefallen. Das längste Spiel der Welt-Fußballgeschichte ist in Winterbach abgepfiffen worden. Was nach dem Rekordkick auf Kunstgrün noch fehlt, ist die Bestätigung am grünen Tisch. Die Guinness-Buch-Hüter bestreiten die Verlängerung.

Bewegende Momente auf und rund um die angestammte Spielwiese der Sportfreunde Winterbach. Abpfiff, Kollaps, Freudentränen. Jubel und Konfetti-Flimmern, Beifall, Hymne und La-Ola-Wellen. Es ist vollbracht: 36 Fußball-Verrückte – und viele, viele Helfer – vom „Thank God it’s Friday – Event Club“ (TGIF-EC) aus Wallhalben und der SF Winterbach haben den Wahnsinns-Kick bewältigt. Haben unglaubliche 168 Stunden am Stück das Bällchen laufen lassen, haben gepasst, geflankt und vollendet (wir berichteten ausführlich).

Bis Ende Mai lag das Sportfreunde-Areal ganz am Rande des St. Wendeler Stadtteils eher im Schatten des Fußball-Interesses. Teams aus Bliesen und Linxweiler, Theley Zwo und die Alliierten aus Hoof und Osterbrücken rücken im Liga-Alltag der Bezirksliga St. Wendel an, um sich mit den SF-Kickern zu messen. Da tröpfeln die Zuschauer eher spärlich. Und nun? Seit Anfang Juni schaut „ganz Fußball-Deutschland“ mit zunehmendem Interesse ins Wendalinus-Land. Funk und Fernsehen, Presseagenturen, Zeitungen haben Beobachter entsandt. Folge: Die Fußball-„Welt“ kennt jetzt Winterbach – und weiß nun zumindest in etwa, was sich dort zwischen 29. Mai und 5. Juni abgespielt hat.

Mehr als nur in etwa wissen es die zahlreichen Zaungäste, die sich während der einen Woche am Platz herumgetrieben haben. „Um die 4000, 5000 dürften’s schon gewesen sein“, sagt Thomas Handle. Der Sportfreunde-Pressewart hat während der Fußballfesttage auch nur wenige Mützen voll Schlaf bekommen, sauste als Verantwortlicher fürs Programm rund um den Rasen ständig umher.

Immer mal wieder richtig Gas gegeben

Sogar noch am Abend vorm Abpfiff schüttelte Handle ungläubig den Kopf. „Das ist unfassbar, wie die immer noch mal Gas geben können.“ Verständlicherweise plätscherte die Mammut-Partie über weite Strecken dahin. Die Formulierungen „Tempo aus dem Spiel nehmen“ hat in Winterbach eine völlig neue Bedeutung erlangt.

Bekanntlich besteht eine Fußball-Mannschaft aus elf Spielern plus Ersatzleuten. Weniger geläufig ist: Das Fußball-Regelwerk verlangt auch eine Mindest-Spielerzahl. Sieben pro Team müssen auf dem Platz stehen. Mithin ist ein Match sieben gegen sieben regulär. Und genau dies haben die Rekordkicker auch genutzt. So lässt sich denn erklären, dass manch Besucher „nur“ 14 Mann und den Schiedsrichter gesehen haben mag, während der Rest zwar in Trikots, aber womöglich in Badelatschen um den Platz herumlungerte. Immer mal wieder aber jagten dann doch wieder elf gegen elf. Klar auch, dass breite Kader nötig waren beim Schicht-Kicken. Je 18 Akteure zählten die Teams.

Schrecksekunde tags vorm Abpfiff

Nur wenige der Kicker fielen aus. Kurios der Abgang von Stehaufmännchen Kevin Eichner aus Wallhalben. Der hatte sich am Dienstagabend das Knie verdreht und vor Schmerzen geschrien. Der Schrecksekunde folgte bald Erleichterung. Obwohl sichtlich fertig, genehmigte sich Eichner einen stärkenden Schluck aus der Bierflasche. Unter Applaus wurde er vom Platz abtransportiert und winkte dem Publikum zum Abschied. Halluzinierend ob schmerzstillender Mittel, schickte der benebelte Eichner Selfies aus dem Rettungswagen. Bei Spielschluss war er schon wieder mittendrin, hatte sich auf Krücken hergeschleppt, um beim allgemeinen Freudentaumel mitzutaumeln.

Noch ist nicht bekannt, welche kleinen Rekorde am Rande zu verzeichnen sind. Rekordverdächtig sicherlich die Laufleistung von Erik Börgers: Der Marathon-Mann – gebürtig aus Haldern, heute in Mayen daheim – hat in dieser Irrwitz-Partie mehr als 230 Kilometer heruntergespult. „Im September lauf’ ich meinen ersten Marathon. Training beginnt im Juli“, erzählte Börgers – am Dienstagabend nach sechs Tagen Dauerkick noch so frisch wie ein Winterbacher Montagmorgen wirkend.

Der Montagmorgen am 3. Juni hat dem Sportplatz mehr Zuschauer beschert als ein „normales“ Heimspiel zur besten Zeit. Viele hatten auf dem Weg zur Arbeit noch einen Abstecher gemacht oder waren gar von der Nachtschicht direkt hingefahren, um den Magischen Moment mitzuerleben. Um 7 Uhr ist der Rekord – aufgestellt vor drei Jahren im britischen Worthing – in Winterbach gepurzelt. Fortan hatten TGIF-EC Wallhalben Bonus-Stunden angesammelt. 168 Stunden, das entspricht 112 Fußballspielen am Stück: Wer will das noch toppen?

Jetzt „Guinness-Hüter“ am Ball

Fehlt nur noch zweierlei. Zum einen das amtliche Endergebnis. Das in den Medien kursierende 1402:1402, das trifft’s nämlich nur fast, das dürfte eine symbolische Rundung gewesen sein. Die Botschaft war klar und richtig: Verlierer gab’s hier nicht. Und etwas viel Wichtigeres als der Endstand steht noch aus: der Stempel der Guinness-Rekordhüter. Die Prüfung aber wird noch ein Weilchen dauern. Doch diese „Verlängerung“ kann die fabelhaften Fußball-Boys von Wallhalben und Winterbach wohl gleich gar nicht mehr schrecken.

Spieler und Schiedsrichter feiern am Mittwoch im saarländischen Winterbach den Abpfiff des 168 Stunden dauernden Wahnsinns-Spiel
Spieler und Schiedsrichter feiern am Mittwoch im saarländischen Winterbach den Abpfiff des 168 Stunden dauernden Wahnsinns-Spiels.
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