Karlsruhe
Städtische Galerie zeigt Künstlerinnen der Moderne
Die Ausstellung „So viel Anfang! Künstlerinnen der Moderne und ihr Werk nach 1945“ könnte auch heißen „So viel zu entdecken!“. In der Städtischen Galerie Karlsruhe sind 140 Werke von 15 Künstlerinnen zu sehen, entstanden zwischen 1945 und 1971. So unterschiedlich die Künstlerinnen waren, die älteste 1877 geboren, die jüngste 1907, eines hatten sie gemeinsam: die Machtübernahme der Nationalsoziasten und der Zweite Weltkrieg brachten ihre Karrieren an ein Ende. Nach 1945 fingen sie neu an, fast immer auch in einem neuen Stil.
Vieles davon war lange nicht mehr oder noch gar nie öffentlich zu sehen. Was in der Ausstellung hängt, fand sich oft im Depot, in der Städtischen Galerie und in privaten Sammlungen und Nachlässen. Jeder der 15 Künstlerinnen ist ein eigenes Kapitel in der Schau gewidmet. Von der vermutlich bekanntesten, Gabriele Münter, stammen abstrakte Improvisationen. Münter selbst nannte sie so. Sie malte diese leicht aufs Papier hingeworfenen Farbtupfer neben gegenständlichen Blumenstillleben.
Abstraktion war nach 1945 der angesagte Stil in der Kunst. Bis auf Lotte Laserstein, die im schwedischen Exil durch impressionistisch anmutende Porträts ihren Lebensunterhalt verdiente, versuchten sich alle der ausgestellten Künstlerinnen in der Abstraktion. Die meisten konnten aber nicht an ihre Erfolge während der Weimarer Republik anknüpfen. Jeanne Mammen, die als meisterhafte Zeichnerin die wilden Zwanziger eingefangen hatte, experimentierte nach dem Krieg mit abstrakten Collagen. Da kann sich schon mal ein altes Telefonkabel über die Leinwand winden. Auf der Suche nach leuchtenderen Farben entdeckte Mammen die bunten Einwickelpapierchen für Süßigkeiten. Wer genau hinschaut, sieht, dass diese Papierchen für die Glanzpunkte in ihren Collagen sorgen.
Hanna Nagel, die Namensgeberin des Kunstpreises der Stadt Karlsruhe, ging in eine andere Richtung. Inspiriert durch den Klavierzyklus der 24 Préludes von Frédéric Chopin, zeichnete sie einen sehr persönlichen Zyklus. Die Frau im Mittelpunkt jeder Zeichnung stellt sie selbst dar, in einer wunderbar märchenhaften, verrätselten Situation. Es geht um Liebe und Tod, zauberhaft ausgeführt.
Margaret Camilla Leiteritz studierte am Bauhaus. Kaum hatte sie ihr Studium abgeschlossen, wurde das Bauhaus geschlossen. Leiteritz ging nach Dresden, arbeitete als Bibliothekarin, überlebte den Bombenhagel, ging nach dem Krieg an die Technische Hochschule Karlsruhe und leitete dort eine Bibliothek für Naturwissenschaften. Die naturwissenschaftlichen Diagramme inspirierten sie zu spannenden abstrakten Werken wie „Lichtpunkte“. Vor dunkelblauem Grund leuchten Kreise, Quadrate und Dreiecke in hellen Farben. Auf einem anderen Gemälde schwingt sich eine weiße Linie in einem eleganten Bogen über die hellblaue Grundierung. Die Gemälde von Leiteritz gehören zu den Entdeckungen dieser Schau, denn die Künstlerin hat zu Lebzeiten kaum ausgestellt.
Alle Gemälde, Collagen, Zeichnungen und Grafiken dieser Schau sind nicht denkbar ohne die aufregenden, teilweise auch tragischen Lebensläufe der Künstlerinnen. Ida Kerkovius bestritt ihren Lebensunterhalt nach 1933 überwiegend mit Teppichweben, was sie im Bauhaus gelernt hatte. Ihre Bilder galten als entartete Kunst. 1944 trafen Bomben ihr Atelier in Stuttgart, fast alle ihre frühen Arbeiten waren verloren. Kerkovius gelang es, nach 1945 eine zweite Karriere zu starten, auch dank ihrer Entwürfe für Glasfenster.
Über den in starken Farben gemalten Bildern von Maria von Heider-Schweinitz scheint eine Düsternis zu liegen. Die Künstlerin verlor im Zweiten Weltkrieg und den Jahren danach ihre ganze Familie. Heute kennen nur wenige ihren Namen und ihre Kunst, wie bei so vielen der 15 Künstlerinnen in dieser Ausstellung. Höchste Zeit, dieses bisher unterbelichtete Kapitel der Kunstgeschichte zu entdecken.
Die Ausstellung
„So viel Anfang! Künstlerinnen der Moderne und ihr Werk nach 1945“ bis 18. Februar in der Städtischen Galerie Karlsruhe: Mittwoch bis Freitag 10-18 Uhr, Samstag und Sonntag 11-18 Uhr, staedtische-galerie.de