Kultur Südpfalz
Siebeldingen: Herxheimer Chawwerusch probt auf dem Geilweilerhof sein Sommerstück
Mit dem Chawwerusch-Stück „Heimwärts in die Fremde“ auf dem Geilweilerhof feiert der Landkreis Südliche Weinstraße seinen 50. Geburtstag. Gastregisseurin Heike Beutel und Kostümbildnerin Barbara Kratt sind begeistert vom idyllischen Schauplatz . Warum sie kein zusätzliches Moralin in der authentischen Lebensgeschichte möchten.
Mitten im stattlichen Innenhof des Geilweilerhofs hoch über Siebeldingen macht seit einigen Tagen ein Landauer Station. Nein, dabei handelt es sich nicht um einen pfälzisch babbelnden, den edlen Tropfen der Region zugeneigten Weinverkoster, sondern um eine viersitzige Kutsche, deren Bauart nach ihrem Entstehungsort benannt wurde. Im offenen Gespann sitzen zwei Damen, die sich in angeregtem Plauderton mit einem außenstehenden Begleiter unterhalten. Das ist nun nicht etwa der Kutscher, sondern Ben Hergl vom Herxheimer Chawwerusch-Theater, das das Fünf-Personen-Stück „Heimwärts in die Fremde“ von Walter Menzlaw inszeniert – 24 Jahre nach seiner Uraufführung und in erweitertem Rahmen mit Laienschauspielern und Livemusik.
Regie und Kostümbild liegen jetzt in fremden Händen. Die beiden Damen in der Kutsche führen die Zügel: Heike Beutel, freie Regisseurin, Autorin und Dozentin an der Arturo Schauspielschule Köln, und Barbara Krott, unter anderem Mitbegründerin und Leiterin des interkulturellen Wupper Theaters in Wuppertal. Die beiden kennen und schätzen sich seit Jahrzehnten. Sie bilden immer wieder ein erfolgreiches Doppel bei freien Theateraufträgen.
Menzlaws Bühnenwerk „Heimwärts in die Fremde“ hat den beiden auf Anhieb gefallen. Vage Fragen des Chawwerusch-Teams, ob man den Plot etwas umschreiben und „heutiger“ machen solle, hat Heike Beutel glattweg abgelehnt. Denn sie ist davon überzeugt: Die im 19. Jahrhundert verankerte, authentische Lebensgeschichte der jungen Eva Rosina Frank aus Jockgrim, die aus armen Verhältnissen stammt, als Magd von ihrem Bauern geschwängert wird, ihr Kind verliert, nach Amerika auswandert, dort erfolgreich agiert, aber Fremdenhass spürt und wieder zurück in die pfälzische Heimat kommt, „funktioniert heute genauso“.
Alles, was seither gesellschaftlich und politisch passiert ist, ja sogar was die Menschen aktuell von den Flüchtlingsströmen bis zur Trumpschen America-First-Politik beschäftigt, sei in diesem Stück schon verankert und könne nun ganz ohne zusätzliches Moralin miteinander vernetzt werden. Etwa durch die Ausweitung des Ensembles auf eine interkulturelle Gruppe, durch die von Ben Hergl eigens komponierte, sowohl pfälzisches Brauchtum, als auch amerikanischen Swing und sogar arabische Färbungen aufnehmende Musik und nicht zuletzt durch den fantastischen Schauplatz des Geilweilerhofs mit seinen historischen Gebäuden, großzügigen Grünflächen und dem imposanten Glashaus, das in der Inszenierung die Kulisse für Amerika abgibt.
Dreh- und Angelpunkt freilich ist der Text, und von dem ist Heike Beutel so begeistert ist, dass sie ihm sogar Horváth-Format bescheinigt. „Es gibt viele kleine Szenen, in denen mit ganz wenigen Worten ganz viel gesagt wird“, lobt sie den Autor. „Das ist kein Fingerzeig-Theater, da ist Entwicklung drin, es gibt auch Witz und nichts wirkt gestellt. Alles, was man hier zu viel macht, verwässert und verschlechtert“, meint die Gastregisseurin und ist deshalb überglücklich, dass sie auf Minimierung und Konzentrierung setzen kann.
Verlassen könne sie sich dabei auf die Professionalität der Chawwerusch-Leute und ganz besonders auf die Intensität und Natürlichkeit der jungen Hauptdarsteller Laura Kaiser (Eva) und Yannick Rey (Franz). Bühne und Kostüme sind deshalb „ganz auf die Schauspieler und das Spiel konzentriert“, sagt Barbara Kroll über ihr Konzept. „Eine Kulisse ist gar nicht nötig, es handelt sich eher um eine Raumdefinition. Und es gibt ein paar Gegenstände, die zeichenhaft sind.“
Ähnlich verhält es sich mit den Kostümen. Sie sind nicht Spiegelbild des 19. Jahrhunderts, sondern unterstreichen vielmehr auf einfache, aber detailverliebte Weise den jeweiligen Charakter der Protagonisten. So hat Mr. Taylor als Fan südamerikanischer Indianer eine „merkwürdige Feder an seinem Hut“ und der in seinem tiefsten Herzen romantische Lenz ist vorwiegend in die Farbe Blau gehüllt. Das Vergissmeinnicht an seinem Hut spannt den zarten Bogen zur deutschen Romantik. Der reiche Bauer hingegen, dem alle nach dem Mund reden, trägt Frack, denn der Kostümbildnerin geht es auch darum, „Klassenunterschiede deutlich zu machen“.
So dürfen die Zuschauer als Evas Wegbegleiter auf ihrer zwiespältigen Reise „Heimwärts in die Fremde“ viel Sinniges und Sinnliches erwarten. Leider gibt es für keinen der elf Aufführungstermine mehr Karten.