Grünstadt
Seltener Einblick: So arbeitet die Müllabfuhr (mit Bildergalerie)
Ganz langsam schiebt sich das Müllsammelfahrzeug durch den Parcours, der auf dem Parkplatz des Abfallwirtschaftszentrums (AWZ) in Grünstadt aufgebaut ist. Es gilt, zwischen die Pylonenreihen hindurch zu manövrieren und mit dem rechten Vorderreifen über einen am Boden befestigten Luftballon zu fahren. Knapp wird er verfehlt. Also Rückwärtsgang rein und korrigieren. Als der Ballon beim zweiten Anlauf zerplatzt, nickt Steffen Gebhart und ersetzt ihn sogleich durch einen neuen, während der Lkw weiterrollt. Der Inhaber der Fahrschule Schuster aus Neustadt, die auf Busse, Laster und Traktoren spezialisiert ist, erläutert, dass im Führerhaus sechs Spiegel plus zwei Kameras beachtet werden müssen. „Das dauert lange, bis ein Mensch die Blickführung verinnerlicht hat.“
Einblicke in die Arbeit der Müllabfuhr
Beim Tag der offenen Tür des 2016 eröffneten AWZ des Abfallwirtschaftsbetriebs (AWB) des Landkreises Bad Dürkheim dürfen Besucher mal ans Steuer der großen Brummis. „Wir wollen der Bevölkerung demonstrieren, wie schwierig es ist, die schweren Wagen durch enge Gassen zu bugsieren“, erklärt Gebhart. Mit lautem Piepen der Einparkhilfe wird der Lkw rückwärts an den Rand gelenkt, abgestellt und Anja Grothusen klettert heraus. „Der fährt sich nicht so sanft wie ein Pkw. Und es ist eine Menge an Konzentration notwendig“, meint sie. „Ich wusste ja schon, was die Müllwerker leisten“, sagt die Mitarbeiterin des Landesamts für Umwelt, „aber die Praxis ist noch mal etwas ganz anderes.“
Vis-à-vis lehnt Thorsten Wetz am Führerhaus seines eActros von Daimler Truck. „Der geht ab“, sagt er schmunzelnd, Steigungen seien mit der 816 PS starken Maschine kein Thema mehr. Im Einsatz ist der Stromer, der 21 Tonnen zuladen kann, für die Zentrale Abfallwirtschaft Kaiserslautern (ZAK). „Seit September 2025 bin ich mit ihm bereits 50.000 Kilometer gefahren: vom Standort Mehlingen mit Rest- und Sperrmüll zum Müllheizkraftwerk in Ludwigshafen und auf dem Rückweg nehme ich Bioabfall aus Grünstadt mit nach Kaiserslautern“, berichtet Wetz. Ein weiterer rein elektrischer Sattelschlepper sei schon geordert. Der Auflieger ist mit einem Walking Floor ausgestattet, erzählt er. Mit einer Fernbedienung kann er die hydraulisch beweglichen Bodenlamellen aktivieren. Dieser Schubboden ermöglicht das waagerechte Be- und Entladen von Schüttgut und Paletten „ohne einen Kippvorgang, der immer eine Unfallgefahr birgt“, erläutert Wetz.
Gäste können Sonderfahrzeuge kennenlernen
Bernd Lache macht eine Besuchergruppe auf ein anderes E-Mobil aufmerksam: ein Lastwagen vom Typ Scania R450E. Das sei eines der beiden Containerfahrzeuge des AWZ, erläutert der ehemalige Technische Leiter des Betriebs. Zum Tanken des Akkus mit einer Kapazität von 624 Kilowattstunden (kWh) reiche dank einer Schnellladestation mit 400 kWh auf dem Firmengelände die Mittagspause. Warum der zweite Container-Lkw dann noch mit Diesel fährt, begründet er mit zu schwachen Stromnetzen in Deutschland.
Auch die 20 Müllsammelautos seien noch Verbrenner. Bei denen habe das noch einen anderen Grund: Sie bräuchten für das Nutzen von Schüttung und Presse etwa die Hälfte der Energie der Antriebsbatterie. Ob das AWZ eine eigene Werkstatt habe, möchte ein Teilnehmer der Führung wissen. „Nein“, sagt Lache, „wir haben einen Vollwartungsvertrag, reparieren nur Kleinigkeiten selbst vor Ort.“ Aber es stünden immer zwei Ersatzfahrzeuge bereit. Die Anzahl der Transporte sei um ein Drittel gesunken, seit sperriges Gut mit der stacheligen, 2000 Kilogramm schweren Walze des Rollpackers verdichtet werde.
Falsche Entsorgung wird zum Problem
In der früheren Rottehalle des einstigen Biokompostwerks an diesem Standort lagern jetzt jährlich rund 8000 Tonnen Altpapier. „Das ist ein sehr wichtiges Recyclingmaterial“, betont Lache. Doch leider fänden sich darin immer wieder Fremdstoffe. „Wir hatten schon Essensreste, Grünabfälle und sogar einen toten Hund“, so der Techniker. Ganz fatal sei es, dass viele Bürger Lithium-Ionen-Akkus nicht der korrekten Entsorgung zuführten. Würden die in den Fahrzeugen oder Wiederverwertungsanlagen beschädigt, komme es zu Bränden mit Schäden in Millionen-Höhe. Dabei sei Lithium ein sehr wertvoller Rohstoff. Inzwischen gebe es hierzulande eine erste Firma, die das Leichtmetall aus alten Batterien zurückgewinnt.
Ein knappes Gut seien auch Baumaterialien. „Deshalb trennen wir hier in reinen und damit wiederverwertbaren Bauschutt und unreinen, der etwa mit Bimsstein oder asbesthaltigem Putz gemischt ist“, sagt Lache und deutet auf die Boxen im Wertstoffhof, auf dessen Dach neuerdings eine Photovoltaikanlage mit 100 Kilowattpeak Spitzenleistung thront. Die Stromerzeugung helfe, die Abfallgebühren zu reduzieren.
Trennung bei manchen Stoffen sehr wichtig
35 Stoffe werden auf dem Wertstoffhof angenommen. Was unbedingt getrennt entsorgt werden sollte, seien Rigipsplatten. „90 Prozent des Gipses entsteht bei der Reinigung schwefelhaltiger Kohle. Da die Kohlekraftwerke aber bis spätestens 2038 abgeschaltet sind, kriegen wir ein Problem“, sagt er.
Im hochmodernen, erst vor wenigen Monaten eröffneten Betriebsgebäude zeigen Upcycling-Künstler, was sich aus Müll noch alles anfertigen lässt. Bürokauffrau Maja Gneupel fertigt Deko-Artikel aus Altholz und Buchstaben. Letztere sind aus Kunststoff auf Maisstärke-Basis und im 3D-Drucker entstanden. Von ihr wurden sie noch bemalt. Förderschullehrer Niko Vakalakis hat im Makerspace in Ludwigshafen das Werkzeug gefunden, um ausrangierten Schildern als Tabletts ein zweites Leben geben zu können. Tom Bummel, IT-Fachmann aus Altrip, verarbeitet unter anderem Zangen, Rebstöcke und kaputte Musikinstrumente zu Lampen oder Kerzenständern.