Kultur Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Schweighofen: Ein Besuch bei Billy Bernhard im Chaussée Theater, das 20 Jahre alt wird

„Ich bin kein Stadtmensch. Ich brauche Raum zum Leben und zum Arbeiten“, sagt Billy Bernhard, der in Schweighofen mit seinen Hüh
»Ich bin kein Stadtmensch. Ich brauche Raum zum Leben und zum Arbeiten«, sagt Billy Bernhard, der in Schweighofen mit seinen Hühnern, Rose Übermut, dem Fuchs, der den Verstand verlor, und künftig auch mit dem arg geschundenen Pferd wohnt.

Werkstattgespräch: Hinter dem Chaussée Theater in Schweighofen steckt Billy Bernhard. Seit 20 Jahren gibt es sein Figurentheater, und schon davor war der Mann mit der Melone als Puppenspieler und Pantomime unterwegs. Durch ganz Europa hat ihn seine „sehr erfüllende“ Leidenschaft geführt, und überall hat er „ganz wunderbare Menschen“ kennengelernt.

Das Chaussée Theater in der Hauptstraße 67 in Schweighofen macht nur mit einem kleinen Messingschild auf sich aufmerksam. Daneben eine Klingel mit der Aufschrift „Ding Dong“. Doch das alte Holztor ist ohnehin offen. Begrüßt wird man von einem breiten Lachen des Hausherrn und vom munteren Gegacker seiner Hühner. „Ich bin kein Stadtmensch“, sagt Billy Bernhard und schmunzelt. „Ich brauche Raum zum Leben und zum Arbeiten.“

Wir machen es uns in der Küche gemütlich. Hier wird noch mit einem Bollerofen geheizt. Ein paar witzige kleine Figuren auf dem großen Holztisch verraten das Kind im Manne des Gastgebers. Einige Jahre hat der gebürtige Westfale auf Wanderschaft verbracht, aber ein „Camping-Typ“ sei er nicht. So war es irgendwann an der Zeit, sesshaft zu werden und das Straßentheater gegen ein Leben mit Tourneeplan für buchbare Gastspiele und gelegentliche Festivalauftritte einzutauschen.

Trotz des festen Domizils ist das immer noch Leidenschaft pur und ganz und gar im Einklang mit Billys schwärmerischer Natur. Einen „vernünftigen Beruf“, nämlich Elektriker, hat der sechsfache Opa, der damals noch Karl-Heinz gerufen wurde, übrigens auch mal gelernt. Aber diese Azubi-Gesellen-Meister-Hierarchie war nicht so sein Ding. „Das war eine schreckliche Zeit. Ich hab’s fast nicht ausgehalten“, erinnert sich der Wahlpfälzer noch lebhaft an seinen ersten Brotberuf.

Mit Musik ging es da schon besser, die hat er – „vom Rockfieber gepackt“ – nebenher eh schon immer gemacht. Bis zum Profimusiker hat es trotz hoffnungsvoller Anfänge in einer durchaus ernstzunehmenden Band aber doch nicht gereicht. Sei’s drum. Heute kommt ihm sein Talent fürs Komponieren und Musizieren bei seinen Theaterprojekten und für Auftragsarbeiten zugute. Im eigenen Musikstudio kommen Akkordeon, Keyboard und Ukulele zum Einsatz.

Von der Miederwarenfabrik in Köln zum eigenen Theater

Weniger geradlinig – zumindest nach bürgerlichen Maßstäben – war Billy Bernhards Berufsfindung. Manche Wege sind eben verschlungen. In diesem Fall vom Elektriker zum Feinmechaniker in einer Miederwarenfabrik in Köln, „dann ein paar Semester Kunstakademie in Düsseldorf“ – stets begleitet von einer unbändigen Fantasie, die sich nachts beim Malen von Figuren entlud und tagsüber mit der Sehnsucht, was Schauspielerisches zu machen, auflud. Bis irgendwann die Initialzündung fürs Puppentheater kam.

„Das ist es! Das hat mich richtig geflasht! Ich war besessen. Hab Tag und Nacht gearbeitet. Das war echt der Hammer. Ich hab’ eine große Bühne gebaut, Puppen erschaffen, das Management aufgestellt.“ Und schwupps war es da: das Soester Marionettentheater.

An das erste Stück erinnert sich Billy Bernhard noch ganz genau. Es hieß „Das Gespenst und der Dichter“ und war die Bearbeitung einer polnischen Ballade. Und von nun an gab’s kein Halten mehr. „Es entwickelte sich immer so weiter, mit wechselnden Partnern und immer variationsreicherem Spiel. Irgendwann hab’ ich angefangen, offen zu spielen. Das bedeutet, dass man den Spieler beim Führen der Figuren sieht, und dass er sogar eine eigene Rolle hat. Das ist einfach fantastisch, denn so hat man den direkten Kontakt zum Publikum“, schwärmt der Mime, während er mit lebhafter Gestik die Doppelfunktion umreißt.

Da ist es nur logisch, dass auch seine Figuren immer freier wurden. Marionetten sind zwar was Tolles, hängen aber an zu vielen Fäden, sodass man kaum alleine spielen kann. Bernhard entwickelte deshalb eine vereinfachte Technik. „Bei meinen Stücken brauch’ ich die Beine nicht, die Figuren kommen auch so von A nach B – das geht wusch-wusch.“ Bernhard strahlt. Bald nahm er auch Hand- und Handstockpuppen, Stab- und Tischfiguren und sonstige Masken in sein „Ensemble“ auf.

Sein Anspruch ist, mit einfachsten Mitteln große Wirkung zu erzielen und das Publikum einzubeziehen. Bei seiner Bearbeitung von Theodor Storms Kinderbuchklassiker „Der kleine Häwelmann“ beispielsweise, mit der Billy Bernhard seinen Einstand in der Südpfalz gab, werden auch die Zuschauer zu Mitspielern. „Die Kinder sind dann der Wind und das Meer“, erläutert der Theatermann, bläst seine Backen auf und schickt ein Heulen und Rauschen durch die Küche. „Der Häwelmann und sein Bett sind ein Kissen mit Rollen, sehr clownesk, stark stilisiert. Und ich bin der gute alte Mond.“

„Drei Wünsche“ hat er noch in petto und ein eigenes Bilderbuch

Schon ist er wieder in seinem Element und bekommt – und da ist er seinem kleinen Protagonisten sehr ähnlich – nicht genug. „Mehr, mehr! Leuchte, alter Mond, leuchte. Und so fuhren sie zum Wald hinaus und dann über die Heide bis ans Ende der Welt und dann gerade in den Himmel hinein …“ Aber halt, wir sind ja jetzt nicht im Theater, sondern mitten im Werkstattgespräch, und da fordern noch mehr Protagonisten Beachtung.

Die „Super-Elli“ beispielsweise, ein selbst geschriebenes Stück, Senkrechtstarter vor zig Jahren und Dauerbrenner bis heute. Und ganz aktuell „Die drei Wünsche“ nach einem uralten Märchen, das im Sommer Premiere feiern soll und dessen Figuren in Bernhards Werkstatt auf ihre Vollendung warten. Gut ausgestattet ist dieser ehemalige Kuhstall mit großer Werkbank, Standbohrmaschine, Bandsäge, Schleifmaschine, Frästisch, guten Scheinwerfern und gemütlichem Bollerofen.

Das „arg geschundene Pferd“ ist noch in Arbeit . Das reiche, geizige Ehepaar, der arme Mann und der König, der für diese Inszenierung zum Weihnachtsmann umfunktioniert wurde, sind schon fertig. Ihre Köpfe sind in Gipsnegativformen aus Ton modelliert, die Körper aus Schaumstoff geformt, das Schultergelenk aus Holz montiert. Dergestalt entwickeln die charismatischen Tischfiguren ohne große Mechanik eine erstaunliche Dynamik.

Ein volles Dutzend Stücke hat Bernhard aktuell im Repertoire, viele schon für Kinder ab vier, alle mit dem Anspruch pädagogisch wertvoller Arbeit. Das ganze Jahr tourt er durchs Land, spielt in Stadtbüchereien und Gemeindehallen, Kindergärten und Schulen. Einen Beitrag will der Puppenspieler mit seinem mobilen Chaussée Theater aber auch dort leisten, wo er zu Hause ist. Deshalb sind die Dorfkerwe und der erste Advent seine Fixtermine in Schweighofen, wo er auch ein Puppenmuseum für alle ausgedienten Spielgefährten eingerichtet hat.

Und mit seinem ersten Bilderbuch, das vor wenigen Wochen im Eigenverlag erschien, hofft Bernhard nun auch Zugang zu den Kinderzimmern der Nation zu bekommen. Es erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen „Hümek und Gnubbel“ nach dem Marionettenspiel „Kleine Lügen“.

Infos online unter

Seine Figren fertigt Billy Berhard selbst in einer gut ausgestatteten Werkstatt, die früher ein Kuhstall war. Foto: van
Seine Figren fertigt Billy Berhard selbst in einer gut ausgestatteten Werkstatt, die früher ein Kuhstall war.
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