Karlsruhe
Schauspielerin Luisa Wöllisch will nicht Downie vom Dienst sein
Sie freut sich. Für die Schauspielerin Luisa Wöllisch ist ihr Auftritt im Rockmusical „Bed of Roses“, das am Freitagabend im Karlsruher Kammertheater Premiere hat, eine Herausforderung und wichtige Erfahrung. Sie leidet unter dem Gendefekt Trisomie 21, und ihre Mitwirkung an der Inszenierung soll nach dem Willen des Theaters im Rahmen eines inklusiven Projekts auch einen gesellschaftlichen Akzent setzen.
Die 23-jährige Schauspielerin wurde in Tutzing am Starnberger See geboren, hat schon früh beim Theaterspiel an der inklusiven Montessori-Schule in Biberkor kleinere Rollen übernommen und dabei Interesse entwickelt, auf der Bühne ihren Weg zu machen. Erste Versuche nach dem Ende der Schule 2014 mit einem Gastronomie-Praktikum und Tätigkeiten in einem Kindergarten oder Altenheim fand sie unbefriedigend. Stattdessen suchte und fand sie mit Hilfe ihrer Mutter, die als Musiklehrerin die künstlerischen Neigungen ihrer Tochter teilt und unterstützt, Anschluss im Ensemble der Freien Bühne München, einem gemeinnützigen Verein, der sich der Förderung und Ausbildung von Nachwuchsdarstellern mit und ohne Beeinträchtigungen widmet.
Mit Tom Schilling und Jella Haase gespielt
In diesem „Theater für alle“, das bei allen Erfolgen immer noch ohne einen festen Spielort ist und deshalb als „ambulantes“ Ensemble arbeiten muss, absolvierte Wöllisch eine staatlich unterstützte, berufsqualifizierende Schauspiel-Ausbildung, die sie nach drei Jahren abschloss. Neben kleineren Bühnenauftritten erhielt sie schon bald ihre erste Kinorolle in der Kriminalkomödie „Grießnockerlaffäre“ (2017), und wenig später folgte das Angebot, in dem prominent besetzten Film „Die Goldfische“ (2018) eine Hauptrolle zu übernehmen. Hier spielte sie neben Tom Schilling und Jella Haase ein resolutes Mädchen mit Down-Syndrom, das in einen heiter aufgezogenen Kriminalfall gerät.
Im Gespräch schwärmt Wöllisch von den Dreharbeiten, bei denen sie sich mit den berühmten Kollegen glänzend verstanden habe. Leider musste sie wegen des „Goldfische“-Engagements ihre Mitwirkung an einer „Woyzeck“-Produktion der Freien Bühne München absagen. Und auch ihre Pläne, aus dem Elternhaus am Starnberger See auszuziehen und in eine betreute WG in München überzusiedeln, musste sie aufgeben, weil die verbindlichen Lebensregeln dieser speziellen Einrichtung sich mit ihrem ungewöhnlichen Berufsalltag nicht vertrugen.
Flügge in Karlsruhe
Aber als die Freie Bühne, die sie als ihre künstlerische Heimat empfindet und in der sie unterdessen eine Sonderausbildung als Coach erhält, eine Einstudierung von Frank Wedekinds Drama „Lulu“ in modifizierter Fassung plante, in der sie die Titelrolle übernehmen sollte, sagte sie begeistert zu. Tatsächlich wurde die ungewöhnliche Inszenierung mit ihr im vergangenen Herbst ein großer Erfolg. Der Intendant des Karlsruher Kammertheaters Ingmar Otto, der die Produktion sah, war von Wöllischs Leistung so beeindruckt, dass er sie für seine Uraufführung von „Bed of Roses“ engagierte.
Nun ist sie also in Karlsruhe – erstmals ohne die häuslichen Obhut daheim in Tutzing und flügge für ein selbstständiges Leben als Gast-Schauspielerin in der Fächerstadt. Die Umgewöhnung auf eine neue Lebenssituation ist ihr erkennbar gut gelungen, und die Erfolge, die sie bereits errungen hat, haben sie zunehmend selbstbewusst gemacht. Beim Gespräch in einer Probenpause gibt sie mit entspannter Offenheit Auskunft zu Privatem – etwa dass sie gerne in Musicals (vor allem „Tanz der Vampire“) geht, weil ihr die Songs und der positive Ausgang zusagen, oder dass sie in ihrer Freizeit Schlagzeug spielt. Sie spricht auch von Plänen und Aufgaben, die nach Abschluss des Karlsruher Engagements auf sie warten.
„Wir gehören zur Gesellschaft“
Besonders wichtig ist ihr, dass Menschen mit Handicap in der öffentlichen Wahrnehmung öfter vorkommen – nicht, um aus ihrer Benachteiligung eine Geschäftsidee zu machen, sondern um sie in ihrer Besonderheit anzuerkennen und zu bekräftigen, dass sie zur Gesellschaft gehören wie andere auch. Insofern ist ihre Medienpräsenz im Theater oder Fernsehen auch immer ein Plädoyer gegen Ausgrenzung und für Toleranz im alltäglichen Miteinander.
Zu dieser Botschaft taugt ihre Rolle im Karlsruher Rockmusical besonders gut. Denn die beeinträchtigte Tamara, die da an einem nostalgischen Klassentreffen ihrer einstigen Schulkameraden teilnimmt und mit ihnen den Schlagern ihrer Jugend lauscht, ist eigentlich längst tot. Und doch ist sie lebendig, weil sie in den Erinnerungen ihrer Freunde und ihres Vaters in leibhaftiger Gestalt weiterlebt – nicht als Fremdkörper, sondern als voll integrierter Teil der Gemeinschaft. Und genau das ist es, was Luisa Wöllisch mit ihrer Tätigkeit als Schauspielerin bewirken will: Normalität im Umgang mit dem „anderen“ Mitmenschen. Dieses Anliegen verfolgt sie auch mit ihrem künftigen Wirken als Schauspiel-Coach an der Freien Bühne, bei dem sie Erkenntnisse aus dem Schatz ihrer Erfahrungen mit nachstrebenden Talenten teilen kann.
Ihr ist um die Zukunft nicht bang
Längst kommt sie mit den „gestandenen“ Profis, die neben ihr auf der Bühne des Kammertheaters stehen, sehr gut auf Augenhöhe zurecht, zumal sie durch die Filmerei an die gleichrangige Zusammenarbeit mit prominenten Kollegen gewöhnt ist. Da sie spätestens seit „Goldfische“ immer wieder lockende Angebote erhält und sich als vorzügliche Darstellerin bewährt hat, ist ihr um ihre berufliche Zukunft nicht bange – nicht als „Downie vom Dienst“, sondern als eigenwillige Künstlerin mit einer wichtigen Botschaft.