Eisenberg Schüler analysieren ihr Lebensumfeld
Womit beschäftigst du dich momentan dort, wo du lebst? Wie sieht deine Traumstadt aus? Das waren Fragen, die am Freitag in der Gemeinschaftskundestunde der Jahrgangsstufe elf am Wirtschaftsgymnasium Eisenberg im Fokus standen. Zu Gast an der Berufsbildenden Schule Donnersbergkreis waren Sophie Keller und Eileen Vogel von den Stadtraumpionieren Obermoschel, die die Lebenssituation junger Menschen unter die Lupe nehmen wollen.
Zum Aufwärmen fordern die beiden Lehramtsstudentinnen von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz die 21 Oberstufenschüler auf, sich jeweils eine bunte Foto-Karte auszuwählen und ihre Entscheidung zu begründen. Matthias, der vor sechs Jahren von Eisenberg nach Asselheim gezogen ist, hat sich gleich zwei Bilder genommen. Auf dem einem sind kaputte Basketballkörbe zu sehen, auf dem anderen Natur pur. „Ich war früher viel auf dem Sportplatz, aber seit einer Verletzung geht das nicht mehr. Deswegen gehe ich jetzt viel spazieren“, erzählt er. Die Grünstadterin Katharina hält eine Karte mit Jugendlichen beim Luftsprung hoch: „Weil es mehr Freizeitangebote für uns geben sollte.“ Auf Nachfrage von Keller sagt das Mädchen, dass sie nach Mannheim fährt, wenn sie etwas unternehmen möchte. Die meisten der Elftklässler würden lieber in einer Großstadt leben als hier auf dem Land. René aus Göllheim erklärt: „Ich frage mich immer, wie ich meine Zeit vertreiben kann.“ Der 19-jährige Yannick aus Steinbach freut sich, dass er einen Wagen hat, mit dem er zusammen mit Freunden mal nach Kaiserslautern fahren kann. Johanna Sauer-Hofmann, Jugendreferentin der Evangelischen Jugend Donnersberg in Obermoschel, nickt: „Ja, ohne ein Auto kommt man hier nur schwer weg.“ Bessere Verbindungen an den ÖPNV ist dann auch ein Kriterium, das die Gymnasiasten nennen, als sie nach ihrer Traumstadt gefragt werden. Wichtig wären ihnen zudem verschiedene Geschäfte, Shisha-Bar, Cafés, Parks und freies WLAN. Viele Ideen haben sie auch hinsichtlich der Beteiligungsmöglichkeiten in ihrem Wohnort, beispielsweise als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, als Vereinsvorstand, als Nachhilfelehrerin oder Helfer bei Benefizveranstaltungen. Keller berichtet von Obermoschel, der von der B 420 durchzogenen kleinsten Stadt in Rheinland-Pfalz, die 2012/13 von den Stadtraumpionieren im aus dem LEADER-Programm geförderten Projekt „Dorf-Leben“ erforscht wurde: Zwei Kirchen, eine Tankstelle, kein Treffpunkt für die Jugend. Vor allem ging es darum, wie ein Ort attraktiv gehalten werden kann. In dem Ort mit dem schlechten Image, dessen historischer Kern von Leerständen und maroder Bausubstanz gekennzeichnet sei, wurden mehr als 200 Bürger befragt. „Dabei haben wir in deren Wohnzimmern gute politische Gespräche geführt“, blickt die 20-Jährige zurück. Als dann aber die Ergebnisse bei einer Einwohnerversammlung präsentiert wurden, kamen gerade mal 15 Besucher. Da die Leute offensichtlich nur in ihrer guten Stube diskutieren wollten, entstand die Idee des Demokratischen Wohnzimmers. „Wir haben eine Couch, einen Tisch und eine Stehlampe auf die Straße gestellt“, so Sauer-Hofmann. Der Standort vor einem Lebensmittelgeschäft und neben einer Arztpraxis war gut gewählt. Und da auch noch der in der Region bekannte Kommunalpolitiker und Lehrbeauftragte am Geografischen Institut der Uni Mainz, Jamill Sabbagh, auf dem Sofa Platz genommen hatte, sei angeregt über Demokratie im Allgemeinen und Obermoschel im Speziellen debattiert worden. Inzwischen hat das Demokratische Wohnzimmer an vielen Orten Station gemacht. Auch am BBS-Standort Rockenhausen waren die Stadtraumpioniere, eine fünfköpfige Gruppe, die sich aus der evangelischen Jugendarbeit heraus 2012 gegründet hat und schon mehrfach für ihr Engagement ausgezeichnet worden ist. Mit der MSS elf des Wirtschaftsgymnasiums steht am nächsten Freitag, 15. Februar, zur Stadtanalyse ein Rundgang durch Eisenberg an. Zwei weitere Treffen werden folgen. Enes meint, dass er lieber Grünstadt analysiert hätte, es aber sonst ganz interessant findet. Jennifer aus Hettenleidelheim ist gespannt, wie es weitergeht. Zur Auftaktveranstaltung sagt sie: „Das war echt gut. Es ist ein Thema, über das man mit seinen Freunden oft nicht redet.“