Kultur Südpfalz Résistance der Kultur

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Zu einer Résistance gegen den Front National haben sich Kulturschaffende und Künstler in Frankreich zusammengeschlossen. Die Rechtspopulisten wollen unter anderem Fördermittel künftig nach „patriotischen Kriterien“ vergeben.

Er lebt im fernen Los Angeles. Er hat nichts zu befürchten, wenn der rechtspopulistische Front National auch in der zweiten Runde der französischen Regionalwahlen triumphieren und die FN-Chefin Marine Le Pen später zur Präsidentin der Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie gekürt werden sollte. Aber auch Dany Boon macht Front gegen den Front. Der Schauspieler und Regisseur, der mit der Filmkomödie „Willkommen bei den Sch’tis“ zu Weltruhm gelangt ist, bekundet auf seiner Facebook-Seite Sorge um den Landstrich, in dem er geboren und aufgewachsen ist. Er könne nicht glauben, dass sich die Region, deren Toleranz, Aufgeschlossenheit, Sinn für Humor, Großzügigkeit und Menschlichkeit er so oft herausgestellt habe, in ihr Gegenteil verkehre, sich einer rechtsextremen Partei ausliefere, schreibt Boon. Es folgt der an den Wähler adressierte Hinweis, dass „ein Votum für die extreme Rechte keines der aktuellen Probleme löst, im Gegenteil“. Der 49-jährige Franzose algerischer Herkunft steht nicht allein. Heerscharen von Künstlern und Kulturschaffenden haben sich der Résistance gegen die Rechtspopulisten angeschlossen, die am morgigen Wahlsonntag in drei der 13 französischen Regionen nach der Macht greifen. Ein Aufruf Marine Le Pens zu gedeihlicher Zusammenarbeit hat die Wogen nicht geglättet. „Zwischen Ihnen und uns ist nichts kompatibel“, heißt es in einem von 650 Bildhauern, Malern, Musikern, Dichtern, Schriftstellern, Schauspielern und Zirkusartisten unterzeichneten Antwortschreiben. Große Namen stehen darunter. Daniel Buren hat unterschrieben, der in analytischer Malerei und Konzeptkunst Maßstäbe gesetzt hat. Der Installationskünstler Christian Boltanski hat unterzeichnet wie auch der Fotograf und Filmemacher Raymond Depardon. Mit schlichter Verweigerung ist es freilich nicht getan. Frankreichs Künstler, die den Front National in der Vergangenheit mit Verachtung gestraft hatten, ihm erfolgreich aus dem Weg gegangen waren, müssen sich ihm notgedrungen stellen. Zu den im französischen Zentralstaat nicht eben üppigen Kompetenzen der Regionalregierungen zählt nun einmal die Kulturförderung. Im Fall der Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie weist das Budget hierfür 80 Millionen Euro aus. Sollten die Frontisten, die Frankreich vom Rest der Welt abzuschotten trachten, mit der Kunst Ähnliches vorhaben, ihr enge Grenzen setzen, sie auf Patriotismus einschwören wollen – so mancher bisher bedachte Künstler würde künftig leer ausgehen. Marion Maréchal Le Pen, die am vergangenen Sonntag ähnlich erfolgreich war wie ihre Tante Marine und in der südfranzösischen Region Provence-Alpes-Côte d’Azur gut 40 Prozent der Stimmen verbuchen konnte, hat bereits deutlich gemacht, was sie für förderungswürdig hält und was nicht: „Zwei von bürgerlichen Bohemiens bestaunte rote Punkte auf einer Leinwand“ sind es nicht. Unterstützung verdient nach Ansicht der 26-Jährigen, was „Ausdruck von Volkskultur ist, zum Kulturerbe zählt und französische Identität stiftet“. Nimmt man die aufstrebende Politikerin beim Wort, wäre es um die großzügige Förderung des Theaterfestivals von Avignon wohl geschehen. Das Festival von Cannes müsste womöglich umziehen. Dass die Großen des Films einer Rechtsradikalen strahlend die Hand reichen, ist jedenfalls schwer vorstellbar. Und für La Friche, wo sich in Marseille auf dem Areal einer ehemaligen Zigarettenfabrik die kulturelle Avantgarde einzufinden pflegt, sähe es ganz düster aus. Aber man kann die Rechtspopulisten nicht beim Wort nehmen. Sie wollen schließlich nicht nur patriotisch sein, sondern auch jung, modern, zukunftsorientiert. Womit sie sich zwangsläufig in Widersprüche verwickeln, ja selbst karikieren. So findet die Frankreichs steingewordene Vergangenheit über alles schätzende Marion Maréchal Le Pen nichts dabei, in den Diskotheken von Marseille zu Hip-Hop-Klängen die Hüften zu wiegen. Der FN-Senator und Stadtteilbürgermeister Stéphane Ravier begeistert sich öffentlich für Hardrock und Electro. Kürzlich hat er sich ein Mikrofon geschnappt und den AC/DC-Song „Sin City“ zum Besten gegeben. Auch versucht die FN-Führung, Künstler auf ihre Seite zu ziehen. Die Ausbeute ist bisher allerdings nicht groß. Die Filmschauspielerin Brigitte Bardot hat sich in die Dienste des FN gestellt. Der Rapper Youssoupha twittert der zuvor als sexy gerühmten Marion Maréchal Le Pen Bisous, Wangenküsse. Das hindert die FN-Führung freilich nicht, diejenigen zu attackieren, die zur Kulturrevolution gegen rechts aufrufen. Die Replik auf Dany Boons öffentlich artikuliertes Entsetzen ließ nicht lange auf sich warten. Einen „Millionär, der in Los Angeles residiert“, hat die sich als „Anwalt des kleinen Mannes“ verstehende Marine Le Pen den Schauspieler genannt. Sébastien Chenu, der im Fall eines Sieges von Marine Le Pen in Nord-Pas-de-Calais-Picardie das Kulturressort verwalten soll, erklärt das Aufbegehren seiner künftigen Klientel derweil entschlossen zum Strohfeuer. „Ich kenne die Künstler, sie spucken auf uns, aber Sie werden sehen, sie werden ihre Haltung schon noch ändern“, prophezeit Chenu. Das widersprüchliche Auftreten der Rechtspopulisten hat die Verunsicherung von Künstlern und Kulturschaffenden freilich noch gemehrt. Für Emmanuel Serafini, der in Avignon ein Zentrum für Choreographie leitet, ist es just die Widersprüchlichkeit, die Angst macht. Das Verstörendste an den Rechtspopulisten ist für ihn, „dass sie vollkommen unberechenbar sind“.

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