Kandel
Phänomenales Spektakel von Licht und Orgel in der Georgskirche
Mit einer Performance von Lichtspielen rund um Orgelmusik von Robert Schumann wurde am Sonntagabend das Konzertprogramm des protestantischen Bezirkskantorat Germersheim eröffnet. Der Lichtkünstler Kurt Laurenz Theinert begleitete das Spiel der Organisten Tobias Wittmann spontan mit faszinierenden Lichtprojektionen, die ständig sich wandelnd im 360°-Modus den gesamten Raum erfüllten.
Licht-Orgel und Stiehr-Orgel auf Augenhöhe
Ein wahrer Kosmos aus geometrischen Figuren, Linien, Objekten, Schlangenlinien, überdimensionalen Blüten, gigantischen Kugeln schwebte im Raum. Die Formen verjüngten sich permanent oder verschmolzen ineinander – das alles in einem ausgeklügelten Farbenspiel zwischen Lichtgelb auf Schwarz, aber auch Blau-, Rot-, Grün- und diversen Zwischentönen. Theinert, der mit seinem „Visual Piano“ den ganzen Globus bereist, inszeniert seine Show im Handbetrieb ohne konfektionierte Clips. Mit Wittmann an der Orgel agierte er dabei wie ein gut eingespieltes Jazz-Duo. Die optischen und musikalischen Impulse bedingten einander: Licht-Orgel und Stiehr-Orgel improvisierten auf Augenhöhe.
Schon der musikalische Part brachte eine Rarität. Die sechs Canonischen Studien op. 56 von Robert Schumann sind für ein im 18. und 19. Jahrhundert vor allem im privaten Gebrauch in Mode gekommenes Instrument komponiert: den Pedalflügel; ein mit einer Pedalklaviatur und zusätzlichen Saiten ausgestattetes Klavier, das vor allem Organisten als häusliches Übe-Instrument schätzten. Und es wurde von einer Vielzahl bedeutender Komponisten auch mit eigenen Werken geadelt.
Projektionen verschmelzen mit Architektur
Schumanns teils aphoristisch anmutende Stücke, die er mit Hinweisen wie „innig“ oder „bewegt“ ausstattete, gaben reichlich Impulse zur Improvisation. Wittmann baute mit verdichteten, zuweilen schwebenden Klangclustern die Brücke zur überwältigenden visuellen Deutung. Da sprossen zuweilen endlos Tentakeln aus dem Boden in das Himmelsgewölbe, wurden schwungvoll farbige Linien zu gigantischen Architekturen an Säulen, Decken und im Altarraum aufgetürmt. Gar der Kirchenraum selbst schien aktiv beteiligt, ergänzte im Lichtspiel mit seinen Wandstrukturen, Säulen und Kreuzrippen im Gewölbe sozusagen kommentierend das phänomenale Spektakel.
Trotz seines schier unerschöpflichen Arsenals an Formen, Rhythmen, Farb- und Tempovarianten und seiner überwältigenden Größe wirkten die Lichtspiele nie überfrachtet. Geschmackvoll und einfühlsam orientierten sie sich am Gang des musikalischen Geschehens. Die außergewöhnliche Performance in Zeiten, in denen sonst nichts mehr gewöhnlich erscheint, verdiente großen Beifall.