Rheinpfalz Pfälzisch, europäisch, tolerant

Speyer. Nochmals feiern, bevor mit der Haushaltsitzung am 16. Dezember der Ernst des Lebens wieder in den Vordergrund drängt. Zum Abschluss des Jubiläumsjahrs „200 Jahre Bezirkstag Pfalz“ gab es gestern eine Jubiläumssitzung: im Historischen Ratssaal der Stadt Speyer, ganz in der Nähe jenes Gebäudes in der Maximilianstraße 5, wo das Pfälzer Parlament am 6. Dezember 1816 zum ersten Mal tagte – 200 Jahre danach mit viel Pfalzlob, Bekenntnissen zu Toleranz, Mitmenschlichkeit und zu Europa.
Das Ganze hätte auch eine Wohlfühlveranstaltung mit verklärtem Blick auf die Historie werden können. War es aber nicht. Die mitunter hässliche Gegenwart drängte sich immer wieder dazwischen, zum Beispiel mit der Verleihung des erstmals vergebenen Ludwig-Wagner-Preises für Toleranz und Zivilcourage an den Sozialverein Kunterbunt aus Bobenheim-Roxheim. Seit 18 Jahren schon unterstützen dessen 170 Mitglieder ehrenamtlich Familien in finanziellen und sozialen Notlagen. In jüngster Zeit sind dies viele Flüchtlingsfamilien. Auch – aber nicht nur. „Wir brauchen solche Menschen … insbesondere dann, wenn politische Gruppierungen … das schreckliche Verbrechen eines einzelnen Straftäters dazu nutzen, um gegen viele tausend Menschen, die aus Kriegsgebieten und in größter menschlicher Not bei uns Schutz und Hilfe gesucht haben, mit Hassparolen zu hetzen“, erklärte der Bezirkstagsvorsitzende Theo Wieder. Der mit 5000 Euro dotierte Preis soll künftig alle drei Jahre vergeben werden und ist benannt nach dem Pädagogen Ludwig Wagner, der vor dem Ersten Weltkrieg in der Pfalz Friedensseminare organisierte und ausländische Familien einlud. Ganz besonders lag ihm dabei das deutsch-französische Verhältnis am Herzen. Es hat dann noch zwei Weltkriege und viele Jahrzehnte gedauert, bis der elsässische „Gedankenschmuggler“, Pfarrer, Autor, Journalist und RHEINPFALZ-Kolumnist Martin Graff so unverkrampft und humorvoll mit deutsch-französischen und pfälzisch-elsässischen Befindlichkeiten jonglieren konnte wie in der Jubiläumssitzung des Bezirkstags. Der hieß 1816 noch Landrath, und ohne das Vorbild der französischen Generalräte der Départements unter Napoléon hätte es ihn nicht gegeben. „Erstens, mein Herz ist französisch, zweitens, meine Seele ist deutsch (oder umgekehrt). Drittens, mein Geist ist europäisch!“, zitierte Martin Graff die Kinder pfälzisch-französischer Eltern, um hinzuzufügen: „Auf den dritten Punkt kommt es an!“ Zuvor hatte der Speyerer Alt-Oberbürgermeister Werner Schineller als Vorsitzender des Historischen Vereins der Pfalz, zwar heiter, aber wohl doch ziemlich ernst gemeint, darauf hingewiesen, dass die Pfälzer es bei aller Weltoffenheit und Toleranz gar nicht gern haben, wenn man sich in ihre ureigenen Belange einmischt. Dies zwar historisch untermauert, aber mit eindeutigem Wink nach Trier, dem Sitz der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) – womit der Bogen wieder geschlagen wäre zur nächsten Bezirkstagssitzung und aktuellen Debatten. Wer nachlesen will, wie der Bezirkstag, das Parlament der Pfälzer, nun schon 200 Jahre daran arbeitet, „das Wohl dieses Landes zu verbessern“ (so der erste Regierungspräsident des baierischen Rheinkreises, Franz Xaver von Zwackh Holzhausen), kann dies auf 700 Seiten der ebenfalls gestern vorgestellten, reich bebilderten Festschrift tun. Der Band ist zum Jubiläumspreis von 20 Euro erhältlich beim Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern. |gil