Karlsruhe
„Petersson und Findus“ in der Jungen Kunsthalle
Es sind Wimmelbilder von einem familiären Chaos, die zu Herzen gehen. Den schrulligen Pettersson und den anarchische Kater Findus muss man einfach lieb gewinnen: als Vorleser wie als Steppke. Wären die beiden ebenso erfolgreich geworden – Pettersson kein langer Schlacks, sondern ein dickbäuchiger Knollennasenmann oder ein wenig oberlehrerhaft mit Spitzbart? Und Findus spitzbübisch wie ein Fuchs? In der Schublade eines Sekretärs, die Besucher ausziehen dürfen, liegt die erste Bleistiftskizze Sven Nordqvists, auf der er mit dem Aussehen seiner weltberühmten Figuren experimentiert hat. Der darauf notierte Titel „Pettson och Findus“ ist kein fehlgeleiteter Versuch, sondern der schwedische Originalname des Duos.
Die Kunsthalle ist stolz, das Blatt als Leihgabe aus Schweden erhalten zu haben wie auch viele andere Aquarelle und Zeichnungen aus allen Schaffensperioden des 79-Jährigen. Obwohl die Junge Kunsthalle nur über zwei eher kleine Ausstellungsräume verfügt, ist hier die bisher größte Schau von Originalen Nordqvists zu sehen. An einem nachgestellten Schreibtisch, der ähnlich wie das echte Vorbild in Stockholm vollgestellt ist mit skurrilen alten Sachen, kann man den kamerascheuen Nordqvist sogar beim Zeichnen beobachten – wenn auch nur virtuell. Die Kunsthalle darf dafür einen schwedischen Film nutzen, der auf die Tischplatte projiziert wird.
Viel Hintergrund erfährt man ohne Führung in Karlsruhe nicht über den Werdegang Nordqvists. Etwa, wie er mit dem Nachzüglerband „Wie Findus zu Pettersson kam“ begann, weil er sich noch einmal daran erinnern wollte, wie seine beiden inzwischen erwachsenen Söhne geboren wurden und das Leben aufmischten. Nordqvist wollte eigentlich von Jugend an Zeichner werden, wurde aber von Kunstschulen abgelehnt und studierte Architektur. Seine Kunst verfeinerte er autodidaktisch mit Fernkursen – den ersten belegte er schon mit zwölf. Nordqvist arbeitete mehrere Jahre als Illustrator in der Werbebranche, zeichnete für Schulbücher, entwarf Gruß- und Weihnachtskarten sowie Küchenposter. Den Durchbruch als Kinderbuchautor brachte der Sieg bei einem Wettbewerb.
In der Ausstellung lassen sich seine Arbeiten wunderbar studieren mit all den Details, die den besonderen Witz ausmachen. Etwa wie eine Kaffeetasse der Schwerkraft trotzt und auf einer Bettkante balanciert. Wie die vielen Schichten der Pfannkuchentorte auch nicht vom Huhn in Schräglage zu bringen sind, das seinen Teil herauszupicken versucht. Die Bilder und Geschichten sind voller kleiner Mutmacher, das unmöglich Scheinende doch zu versuchen: etwa Fleischklößchenbäume zu pflanzen. Und sich von den kleinen Dinge, die im Durcheinander von Haus, Werkstatt, Hühnerstall und Garten zu finden sind, inspirieren zu lassen. Antiautoritäre Erziehung aus dem Bilderbuch.
Auch andere Bildergeschichten Nordqvists wie „Mama Muh“ feiern das idyllische schwedische Landleben. Im Frühjahr werden übrigens die Bilder der Weihnachtsgeschichten gegen Frühjahrsthemen ausgetauscht – so reichhaltig ist die Auswahl, die die Kunsthalle erhalten hat. Zu finden ist in der Jungen Kunsthalle auch ein Blatt aus „ABC – Antons Reise durch das Alphabet“, Nordqvists erstes Kinderbuch von 1983. Und Exemplare seiner Bilder für Mats Wahls „Die lange Reise“ mit von Nordqvist intensiv recherchierten historischen Details zur Ostindienfahrt des Seglers Götheborg im 18. Jahrhundert.
Der Rundgang ist liebevoll gestaltet mit einem Apfelbaum im Zentrum und Holzlattenzäunen in den typischen skandinavischen Farben Rot, Blau und Grün. Die Mucklas spitzeln um die Ecke in den Hühnerstall, der Küchentisch ist gedeckt und beim Angelspiel können sich Kinder in Petterssons Lieblingsbeschäftigung üben. Im Obergeschoss steht die Werkstatt bereitet. Wimmeln von kleinen und großen Fans dürfte es heute dort, wenn die Ausstellung mit einem großen Spielfest startet und der Duft von Zimtschnecken aus dem Backworkshop im Haus hängt.
Termin
„Pettersson, Findus & Co. Die fabelhafte Welt von Sven Nordqvist“ bis 1. März 2026 in der Jungen Kunsthalle Karlsruhe: Di–Fr 9–17 Uhr Sa/So 10–18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Im Lauf der Ausstellung sind etliche Aktionen geplant wie ein Bilderbuchkino in Kooperation mit der Mediathek – Infos dazu unter kunsthalle-karlsruhe.de.