Rheinpfalz Nur durch Nichtstun ist das Ziel nicht zu erreichen

HINTERWEIDENTHAL. Sonntag, 11 Uhr. Unterhalb des Luitpoldturms beim Hermersbergerhof warten elf Leute und zwei Hunde auf einen Förster. Es sind die Teilnehmer der Exkursion in die Kernzone des Pfälzerwaldes.
Regenfeste Kleidung tragen die Herrschaften und die meisten von ihnen haben einen Rucksack dabei, schließlich steht ihnen eine Wanderung durch recht unwegsames Gelände bevor. Organisiert hat diese Expedition Ulrike Hoffrichter, die Vorsitzende vom Annweilerer und Hauensteiner Naturschutzbund. Johann Hoffmann ist mit zwölf Jahren der jüngste Exkursionsteilnehmer. Der Sechstklässler aus Annweiler ist nicht so ganz freiwillig dabei. „Mama hat mich heute morgen dazu überredet“, erklärt der aufgeweckte junge Mann. „Wir haben es aus der RHEINPFALZ erfahren und haben uns spontan entschieden mitzulaufen. Es regnet ja nicht“, erklärt Miriam Hoffmann. Gespannt und neugierig ist die Geoökologin, allein schon aus beruflichem Interesse. Um 11.03 Uhr trifft der Förster ein. Michael Grünfelder, Leiter des Forstamtes Hinterweidenthal, hat am „Holländer-Klotz“ einen weiteren Teilnehmer aufgesammelt, der am falschen Treffpunkt war. Bevor der leitende Forstbeamte zur Begrüßung ansetzt, macht sich Lilly, Grünfelders Wachtelhündin, mit einem Münsterländer und einem Griffon bekannt. Prozessschutz ist das Thema. „Der Mensch prägt die Natur, wir sind mittlerweile ein Importland beim Rohholz und wir steuern mittelfristig auch in eine Mangelsituation“, beschreibt der Förster den Ist-Zustand. Mehr denn je sei Umsicht gefragt im Umgang mit dem Rohstoff Holz. Um 11.15 Uhr setzt sich die Gruppe in Bewegung. Vier Stunden lang wird gewandert, geklettert, über Äste, Bäume und Rinnsale, aber auch rege diskutiert, hinterfragt. Der schmale Pfad ist von jungen Buchenbeständen fast zugewachsen. Bereits nach den ersten Metern wird klar, dass hier die Natur unberührt ist und auch bleiben soll, wenigstens weitestgehend. Die Kernzone selbst ist ein 2500 Hektar großes Areal. „Etwa fünfmal so groß wie die Stadt Annweiler“, macht es Grünfelder anschaulich. Es ist die Größte der zwölf Kernzonen im Biosphärenreservat Pfälzerwald/Nordvogesen. „Was ist denn eine Kernzone?“, fragt ein Teilnehmer aus der Südpfalz. „Das ist ein Gebiet, in dem die Natur Vorrang hat“, klärt Grünfelder auf und stellt es praktisch dar: „Das größte Geschenk unserer heutigen Industriegesellschaft ist es, der Natur Natur zurückzugeben.“ „Wie wahr, wie wahr“, stimmt eine Teilnehmerin zu. Immer wieder heißt es, über Bäume klettern. Grünfelder kommt auf die Gefahren im Wald im Allgemeinen und in der Kernzone im Speziellen zu sprechen. „Betreten des Waldes, insbesondere der Kernzone, erfolgt auf eigene Gefahr“, mahnt er. Nach dem Hagelunwetter im Sommer 1999 seien Kiefern wie Mikadostäbe umgefallen. „Wenn es der Kiefer beliebt, fällt sie ohne Vorwarnung um“, bringt es Grünfelder auf den Punkt. Die Eichen weichen im Waldwachstum sukzessive den Buchen. Buchen benötigen nämlich weniger Licht. „Sie sind die Mütter des Waldes. Sie sorgen sich nur um Ihresgleichen – neben ihnen gedeiht nichts außer Tannen“, erfahren die Teilnehmer. Sie haben aus lichtökologischer Sicht eine besonders erfolgreiche Evolutionsentwicklung hinter sich gebracht. „Mittelfristig wird die Eiche untergehen, die Buche gewinnt die Lufthoheit“, zeigt Grünfelder anhand von Beispielen. Die klimatischen Bedingungen in der Kernzone sind optimal für die Buchenwaldentwicklung. Der Mann kennt nicht nur den Weg, er hat auch einen Plan. Keine Antwort bleibt er auf die vielen Fragen der interessierten Teilnehmer schuldig. 35 Jahre Zeit hat die Politik eingeräumt, um den Prozessschutz zu 100 Prozent zu realisieren. Grünfelder sieht es gelassen. „Wir sind schon bei mehr als 90 Prozent und haben noch bis 2035 Zeit. Das stellt kein Problem dar.“ Er räumt zugleich mit Missverständnissen auf. Kernzone bedeute nicht, zwingend Artenvielfalt zu gewährleisten. Er zeigt auf eine große, alleinstehende Douglasie. Sie sticht inmitten groß gewachsener Buchen heraus. Douglasien werden verschwinden, sie werden, wie Fichten und Lärchen, sogar bewusst entnommen aus der Kernzone. Diese wird aber stehen bleiben. „Hier fehlt die Walderschließung; wir können sie nicht mit dem Hubschrauber herausholen“, zeigt er die Grenzen des Einsatzes von Technik auf. Warum dieser scheinbare Widerspruch zutage tritt, liegt darin begründet, dass diese drei Holzarten nicht in den Pfälzerwald gehören, nicht Bestandteil der natürlichen Vegetation sind. „Ziel ist es, langfristig hier einen Laub-Mischwald zu erhalten und Nadelholzreinbestände in laubholzgeprägte Mischwälder umzubauen“, so Grünfelder. Ganz konsequent, das räumt er ein, könne man dieses Ziel durch „Nichtstun“ nicht erreichen. „Das geht vielleicht in Kanada, aber nicht bei uns“, vergleicht er. So idyllisch dieses Gebiet „Schmaler Hals“, in dem wir uns heute bewegen, ausschaut, die Spuren der Technisierung des 21. Jahrhunderts sind vorhanden. Eine Starkstromleitung und eine Erdgaspipeline laufen mitten durch die Zone. Ein weiteres Problem stellt der Mensch selbst dar. Die Exkursionsteilnehmer treffen beispielsweise im Bereich des imposanten Felsbandes „Schmaler Hals“ auf zwei junge Männer, die dort ohne Sicherung klettern. „Bouldern“ nennt man das – und es ist verboten. Edeltraud und Paul Winnwa sprechen ein Papiertaschentuchproblem an. „Mir fällt auf, dass auf vielen Wegen diese Papiertaschentücher rumliegen, einfach weggeworfen werden“, stellt die Pirmasenserin fest. Grünfelder kommt auf die Bejagung der Kernzone zu sprechen. Seit 2013 ruht die Jagd; auch sie ist als Form der Landnutzung in der Kernzone nicht vorgesehen. Er macht keinen Hehl daraus, dass er anderer Auffassung ist und wirft provokativ die Frage in den Raum. „Wollen wir wirklich in den Zonen der natürlichen Entwicklung ohne die Lenkungsfunktion der Jagd vergleichsweise artenärmere Wälder, nur weil diese besonderen Schutzgebiete unter dem Diktat des Wildes stehen?“ Zum Abschluss der Wanderung unter dem dichten Laubdach der Wälder in der Kernzone im Quellgebiet der Wieslauter ist bei den meisten Teilnehmer das Bedürfnis groß, vom Luitpoldturm aus den fantastischen Blick über den noch von Windrädern unverschandelten Pfälzerwald zu genießen.