Rheinpfalz „Nicht verstanden, wie man Leute hier hält“

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«DAHN/BUNDENTHAL.» Im Dahner Felsenland sind knapp 50 Prozent der Allgemeinmediziner über 60 Jahre alt. Nachfolger für die bestehenden Praxen sind kaum zu finden. Mittelfristig droht ein Versorgungsengpass. Anna Ulrich, Jahrgang 1985, und Christoph Brubach, Jahrgang 1981, die ihre Facharztausbildung in Allgemeinmedizin in Bundenthal und Dahn absolvieren, erläutern Gründe und zeigen auf, was sich ändern müsste, um das Landarztleben für junge Mediziner attraktiv zu machen.

Familie und Beruf

Waren es früher hauptsächlich Männer, die in den Arztberuf strebten, sind heute 70 Prozent der Medizinstudenten und Jungmediziner Frauen. Insbesondere als Allgemeinmediziner mit eigener Praxis lassen sich Familie und Beruf nur schwer vereinbaren, findet Anna Ulrich. „Es ist nun einmal so, dass Frauen immer noch die Kinder kriegen, und wenn man Familie will und sich auch selber um seine Kinder kümmern möchte, ist das als Allgemeinmediziner in einer Praxis kaum zu machen“, sagt die Medizinerin, die ihre Facharztausbildung in der Praxis ihres Vaters Stefan Mainberger absolviert. „Ich habe das als Kind erlebt. Meine Klassenkameraden haben meinen Vater als Patienten öfter gesehen als ich“, erinnert sich Ulrich. Zurzeit sehe sie ihre Tochter nur morgens beim Frühstück und abends beim zu Bett gehen. „Das ist mir definitiv zu wenig, so kann ich mir das nicht für immer vorstellen“, sagt sie. In den Städten gebe es zudem ausreichend Angebote, Teilzeitarbeit sei an den Kliniken mittlerweile normal. Die Praxis ihres Vaters möchte sie daher nicht übernehmen. Vorteile des Landarztes Allerdings hat das Leben auf dem Land auch Vorteile: In die Praxis in Bundenthal ist Anna Ulrich gekommen, weil sie für ihre Tochter einen Platz in der Kindertagesstätte gefunden hat. „Das ist ein großes Plus dieser Region, in den Städten sind Kita-Plätze Mangelware“. Auch Christoph Brubach, der zuvor als Anästhesist in einer Klinik gearbeitet hat, kennt die Vorteile eines Landarztes. In der Gemeinschaftspraxis in Dahn, in der er nun arbeitet, müsse er weder Nachtschichten noch Wochenenddienste machen. In der Klinik leistete er oft 50 Wochenstunden und zusätzlich sechs bis acht 24-Stunden-Dienste im Monat. „Da merkt man dann irgendwann, dass der Körper das nicht so mitmacht, wie man es sich vorstellt.“ Landarzt zu sein, hat für beide auch eine emotionale Komponente. „Die Leute wachsen einem schon ans Herz. Man hat eine persönlichere Beziehung, weil man einfach mehr am Krankheitsverlauf teilnimmt“, sagt Ulrich. Das empfinde sie als sehr befriedigend. Im Krankenhaus sei das Ziel eher, den Patienten so schnell wie möglich wieder entlassen zu können. Brubach erzählt, für ihn sei entscheidend gewesen, zu sehen, wie die Versorgung im Dahner Tal aussehe. „Ich habe natürlich eine emotionale Bindung an die Region und ich dachte mir, wenn du nicht hier-bleibst und anfängst, wer soll es dann machen.“ Gemeinschaftspraxis oder MVZ Ulrich kann sich durchaus vorstellen, als Allgemeinmedizinerin zu arbeiten, allerdings im Angestelltenverhältnis, mit mehreren Ärzten zusammen und mit flexiblen Arbeitszeiten, die den Bedürfnissen der Familie entgegenkommen. Auch Brubach sieht seine Zukunft in der Gemeinschaftspraxis. „Wir sind selbst die Geschäftsführer, natürlich mit allen Vor- und Nachteilen, aber wir können die Arbeitsverteilung und den Urlaub planen, wie wir wollen. Diese Freiheit hat man in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) mit Geschäftsführer natürlich nicht“, ist er überzeugt. Brubach fügt jedoch an: „Ein MVZ ist in jedem Fall eine Alternative, das Ganze entspannter und in gesicherten Verhältnissen anzugehen.“ Für ihn steht außer Frage, dass ein Umdenken erfolgen muss – auch bei den Kommunen. Er habe den Eindruck, dass die Kassenärztliche Vereinigung (KV) und die Gemeinden den Ball hin- und herschieben, anstatt die Sache anzupacken. Dabei gebe es Beispiele für gelungene kommunale Lösungen, etwa in Büsum oder Katzenelnbogen, so Brubach. Persönliche Ansprache Brubach wäre eigentlich nicht auf die Idee gekommen, seine Arbeit in der Klinik aufzugeben. „Aber Gerd Köhler hat mich angesprochen. Er sagte, er werde demnächst in Rente gehen, und fragte, ob ich nicht Lust habe, einzusteigen“, erzählt er. Obwohl Brubach mehrere Angebote für eine Oberarztstelle vorliegen hatte, entschied er sich für den Wechsel. „Allgemeinmedizin hat mich schon immer interessiert. Zudem hatte ich die Option, zurück in die Klinik zu können, wenn es mir nicht gefällt oder es nicht funktioniert“, sagt der Arzt. Solch eine persönliche Ansprache wünscht er sich auch von kommunaler Seite. Er sei etwas enttäuscht, dass ihn noch kein verantwortlicher Politiker gefragt habe, ob er hier bleiben wolle. „Die Politik hat es noch nicht so ganz verstanden, wie man die Leute hier hält“, so Brubach. „Rundschreiben der KV bringen nichts. Man muss aktiv werben.“ Jemanden, der nicht von hier ist, werde man sonst nur schwer dazu bewegen können, zu bleiben. Studium anpassen Eine Ursache für fehlenden Nachwuchs bei den Allgemeinmedizinern sieht Anna Ulrich darüber hinaus in der Ausbildung. „Es wird viel mehr Wert auf universitäre und Klinikmedizin gelegt, die Hausärzte fallen oft hinten runter“, sagt sie. „Hier müsste man sich überlegen, wie man Anreize schaffen kann, zum Beispiel mit Weiterbildungsplänen, bei denen man nicht nur die Klinik, sondern auch die Allgemeinarztpraxis durchläuft, um vielleicht auf den Geschmack zu kommen“, regt die junge Medizinerin an. Ihr fehle auch ein betriebswirtschaftlicher Ansatz im Studium, um die Dinge zu lernen, die man als Selbstständiger braucht. All das helfe allerdings nur, wenn der Verdienst im Vergleich zu einer Klinikstelle attraktiv sei. Und letztlich brauche es deutlich mehr Studienplätze für Medizin. Die Serie Die Serie „Mangelware Landarzt“ beleuchtet die ärztliche Versorgung im Dahner Tal. Mediziner im Ruhestand und praktizierende Ärzte kommen ebenso zu Wort wie Politiker und die Kassenärztliche Vereinigung. Weitere Teile sind am 14. März und 3. Mai erschienen.

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