Rheinpfalz Nicht selten springt sie aus den Schienen

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Eine Straßenbahn verkehrt in Kaiserslautern ab 19. Dezember 1916 bis zum 30. Juni 1935. Dann verkauft die Stadt das reparaturbedürftige Gefährt und setzt Dieselbusse ein. Doch erst am 1. August 2014, vor zwei Jahren, ist die von König Ludwig III. am 31. Juli 1914 auf 100 Jahre erteilte Erlaubnis zum Betrieb einer elektrischen Straßenbahn abgelaufen. Die Stadt nutzte die großzügig befristete königliche Erlaubnis nur knapp 19 Jahre lang.

Ein paar „Fahrdraht-Anker“ an Hausfassaden wie in der Bismarckstraße, bringen Lautern mit seiner „Staedtischen Strassenbahn“ in Verbindung. Und die Verkehrs AG der Stadtwerke bewahrt noch zwei Holzschilder von den früheren Haltestellen Hauptbahnhof und Friedhof auf. Die letzten Schienen hebt die Stadt in den 1960er Jahren aus den Straßen. Die Lauterer Straßenbahn ist im Zusammenhang mit der Entwicklung des Öffentlichen Personennahverkehrs zu sehen: Pferdeomnibus ab 1905, Straßenbahn ab 1916, Dieselbus ab ’35, Oberleitungsbus ab 1949, später Niederflurbusse. Der Lauterer Stadtrat beschließt am 13. März 1913, eine Straßenbahn für die Innenstadt einzurichten. Die Stadt gründet die Straßenbahngesellschaft Kaiserslautern, und die Waggonfabrik Wismar baut die Wagen. Den Betrieb überträgt die Gesellschaft der Firma Hecker in Wiesbaden. Der erste Wagen kommt am 16. Juli 1914 am Westbahnhof an, und weil die Oberleitung nicht fertig ist, ziehen Gäule des Pferdeomnibusses den Straßenbahnwagen zum Depot am Elektrizitätswerk in der Karcherstraße. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg ist kein Kupferdraht für zivilen Bedarf zu erhalten. Die Stadt denkt daran, die Wagen von Pferden ziehen zu lassen, wie aus den Akten hervorgeht. Die Gesellschaft aber richtet die Oberleitungen mit Eisendraht ein. So startet die „Staedtische Strassenbahn“ am 18. Dezember 1916 zur Premierefahrt für Prominente unter Strom, ab 19. fährt sie für das normale Publikum. Ein neues Geräusch kommt damit zum Quäken der wenigen Autohupen, dem Peitschenknallen der Fuhrleute und den Rufen der Viehtreiber. Erst zehn Jahre später, 1926, wird der Viehtrieb durch die Stadt verboten. Im Laufe der Jahre ändern sich die Streckenverläufe. Die Straßenbahngesellschaft legt sich auf die Eisenbahnspur mit 1435 Millimetern Breite fest, nicht auf die schmälere Spur mit 1000 Millimetern wie in vielen anderen Städten. Die Planer dachten auch, wie in den Akten der Verkehrs AG ersichtlich, an einen Anschluss an das Eisenbahnnetz in Richtung Lautertal, um landwirtschaftliche Produkte mit Güterwagen bis zum Wochenmarkt auf dem Stiftsplatz zu transportieren. Eisenbahn-Güterwagen mitten durch die Stadt? Kein einziger fährt jemals zum Stiftsplatz, zumal die Linie durch die Mühlstraße bereits 1922 stillgelegt wird. Schon die kleineren Straßenbahnwagen hatten mit der breiten Spur Probleme in den schmalen Gässchen wie etwa in der Schillerstraße. Die Folge: Die Straßenbahn springt in den engen Kurven wegen des ungenügend vorbereiteten Untergrunds und wegen der Steine in den Hohlkehlschienen der teilweise nur mit Schotter belegten Straßen immer wieder aus den Schienen. Zur Ausstattung gehörte jedoch eine Eisenstange, mit der das Personal – und wenn erforderlich die Fahrgäste – mit gemeinsamen Kräften den Wagen wieder in die Schiene heben konnten. Die Straßenbahn fährt auch während Wirtschaftskrise und zur Inflationszeit um 1923. Und das, obwohl eine Fahrt 150 Millionen Mark kostet statt wie zuvor zehn Pfennig. In den 1920er Jahren gehen die Fahrgastzahlen immer mehr zurück, offensichtlich eine Auswirkung der Unzuverlässigkeit: Es kommt zu permanenten Verspätungen wegen Schienen- und Motorproblemen, wie aus Notizen der Straßenbahngesellschaft zu ersehen ist. Die Linie zum Friedhof ist noch rentabel – wegen des 1925 eröffneten Ausstellungsparks (heute Volkspark) sowie dank der Friedhofsbesucher. Auch die in der 23er Kaserne stationierten französischen Soldaten benutzen die Straßenbahn. Der Vertrag mit der Firma Hecker läuft 1928 aus, und die Straßenbahn geht in den Besitz der Stadt über. Umfangreiche Reparaturen an den Wagen und am Gleissystem sind fällig, werden aber nur schleppend ausgeführt. Die Fahrleistung liegt 1928 bei 300.700 Kilometern, im Jahr 1932 bei 196.000 Kilometern. „Es ist Endzeitstimmung bei der Straßenbahn“, steht im Januar 1933 in der Pfälzischen Volkszeitung zu lesen. In Tagesberichten hält die Stadt fest: „Wie bei den Probefahrten 1916 legen die Lausbuben wieder Zündhütchen auf die Gleise, um die Leute zu erschrecken. In gefahrdrohender Weise legen sie Steine und Hölzer auf die Schienen, und sie werfen mit Steinen nach den Wagen.“ Die Stadt lässt 1934 ein Gutachten über die Rentabilität der Straßenbahn erstellen. Das Papier liegt am 11. Juni 1934 vor, und am 15. August 1934 beschließt der Stadtrat, die Straßenbahn abzuschaffen. Doch die Motorwagen mit 32 PS und der Eisenbahnspur sind schlecht zu verkaufen. Ein Altmetallhändler aus Bingen übernimmt die Wagen und verschrottet sie. Fünf davon sind noch so gut erhalten, dass sie wieder flottgemacht werden. Die Binger Schrottfirma verkauft sie 1940 nach Dessau. Das städtische Elektrizitätswerk verwertet die Oberleitungen, und an Ersatzteilen ist die Pfälzer Oberlandbahn in Edenkoben interessiert. Im Juli 1958 schickt ein damaliger DDR-Fotograf aus Dessau ein Foto des offensichtlich letzten Kaiserslauterer Straßenbahn-Motorwagens an die Pfälzische Volkszeitung.

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