Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Nicht immer kuschelig“: Operndirektorin Nicole Braunger über die Zukunft in Karlsruhe

Nicole Braunger hat ihren Vertrag doch bis 2024 verlängert.
Nicole Braunger hat ihren Vertrag doch bis 2024 verlängert.

Peter Spuhler geht, Nicole Braunger bleibt. Überraschend hat die Karlsruher Operndirektorin im Februar erklärt, das Badische Staatstheater doch nicht zu verlassen. Wir wollten wissen, wie sie die neue Freiheit nach der Entlassung des Generalintendanten nutzen und Opernfans wieder für Karlsruhe begeistern will.

Frau Braunger, wie kam es zu Ihrem Sinneswandel?
Die Faktenlage hat sich ja grundlegend geändert. Inzwischen hat ein Zukunftsprozess am Haus begonnen, in dem auch die Strukturen in Frage gestellt werden. Wir arbeiten daran, intern wieder eine Basis des Vertrauens herzustellen. In diese Zukunft gehe ich zuversichtlich – gemeinsam mit meiner neuen Stellvertreterin Rebekah Rota.

Dann lag es an der Führung von Generalintendant Peter Spuhler, der jetzt gehen muss. Wo gab es Probleme?
Sehen Sie, das Ganze ist ja nicht Schwarz und Weiß, da ist sehr viel dazwischen. Wenn ich jetzt alles emotionslos betrachte, muss ich vielleicht sagen, dass es in gewisser Weise an einer Naivität meinerseits gegenüber den Führungsstrukturen lag. Mir war nicht klar, worauf ich mich eingelassen habe mit der Übernahme der Operndirektion in Karlsruhe. An Häusern wie dem Staatstheater gibt es eine Hierarchie mit einer letzten Entscheidungsgewalt. Ich bin nicht als Opernintendantin gekommen, sondern als Operndirektorin innerhalb eines Generalintendantenmodells.

Hat Sie diese Hierarchie behindert?
Ich muss sagen, dass ich mir das vor meinem Amtsantritt nicht so bewusst gemacht habe. Ich habe schon gedacht, dass ich jetzt die Herrscherin in meinem kleinen Königreich bin. Das war dann natürlich nicht der Fall. Peter Spuhler ist wahrscheinlich einer der engagiertesten Intendanten, die ich kenne. Und dennoch war es mir nicht möglich, mit ihm weiter zusammenzuarbeiten. Ich bin in ein System hineingekommen, das ich nicht ändern kann. Wenn ich aber nicht in der Lage bin, die Aufgabe, die ich mir selbst gestellt habe, zu erfüllen, dann muss ich die Konsequenzen ziehen. Und aufgrund dieser Faktenlage habe ich mich entschlossen, Karlsruhe zu verlassen. Ich bin jemand, der da sehr klar entscheidet.

Es ist auffällig, dass es aus der Ära Spuhler wenige Inszenierungen ins Repertoire geschafft haben. Fühlten Sie sich auch in der Programmplanung beschnitten?
Oper hat lange Vorlaufzeiten, und so waren, als ich 2018 kam, die Spielzeiten 2018/19 und 2019/20 schon größtenteils geplant. Da war keine Möglichkeit mehr, mich großartig einzubringen.

Dann wäre ja jetzt endlich der Freiraum da, um eigene Akzente zu setzen.
Wir könnten mit den bereits fertigen oder vertraglich fixierten Neuproduktionen bis zur Spielzeit 2023/24 fast alles ausfüllen. Für mich bedeutet die Interimszeit, die jetzt beginnen wird, nur zu einem ganz kleinen Teil eine künstlerische Gestaltungsfreiheit. Die Herausforderung besteht darin, das Vorhandene, das fix und fertig wartet, gut einzuordnen in einen Spielplan.

Ich kann ja nicht wie am Reißbrett sagen, ich möchte diese sieben Premieren in dieser Spielzeit – einfach weil sie schon vertraglich fixiert sind. Ich muss auch einen Realitätscheck machen und schauen, ob die Regisseure und die Künstler, die angefragt wurden und denen man natürlich den Ersatztermin für den Corona-Ausfall bieten möchte, verfügbar sind. Ich kann auch nicht die Produktionen beliebig aneinanderreihen. Es muss Rücksicht genommen werden, ob die Reihung für die Solisten überhaupt leistbar ist, ob der Opernchor berücksichtigt ist, ob die Orchesterdienste machbar sind, die für manche Opern einfach größer sind, ob alles im Budget abbildbar ist, denn manche Opern benötigen Ergänzungen im Orchesterapparat.

Meine Arbeit ist im Moment wie ein Tetris-Spiel. Und dieses Spiel versuche ich dennoch zu gestalten: Spielzeiten zu entwerfen, die unserem Publikum die Möglichkeit geben, sich wieder neu in die Oper Karlsruhe zu verlieben.

Vom neuen Generalmusikdirektor Georg Fritzsch schienen Sie bei dessen Amtsantritt im Herbst begeistert. Was verbindet Sie?
Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass Georg Fritzsch kam. Wir hatten davor nur einmal persönlichen Kontakt: 2017 bei der Premierenfeier von „Hänsel und Gretel“ in Stuttgart, als ich die Agentin von Kirill Serebrennikov war. Wir haben ein wunderbares Gespräch geführt, was sehr selten vorkommt bei Premierenfeiern – diese bestehen sonst meist nur aus einem Small-Talk-Geplapper, bei dem Oberflächlichkeiten ausgetauscht werden. Uns verbindet, dass wir mit beiden Beinen in der Musik stehen. Das heißt nicht, dass wir immer einer Meinung sind. Aber diese Leidenschaft ist wie eine gemeinsame Sprache. Es macht wahnsinnig viel Spaß, sich mit ihm auszutauschen und Ideen zu entwickeln.

Georg Fritzsch hat auch gesagt, dass Karlsruhes Hausgötter Strauss und Wagner ihm selbst sehr nahe sind. Streben Sie ein „Back to the Future“ für die Karlsruher Oper an?
Dieses Haus hat eine Tradition, die man respektieren und ehren muss – das macht mir auch große Freude. Es gibt diesen berühmten Spruch von Jean Jaurès, der fälschlicherweise oft Mahler zugesprochen wird: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.“

Das Feuer, das im Badischen Staatstheater immer gelodert hat, hat sehr viel mit Wagner zu tun. Und die wunderbare Staatskapelle ist bestens dazu geeignet, diese Werke umzusetzen. Ich habe eine große Affinität zu Wagner, auch zu Strauss, aber die beiden sind nicht meine musikalischen Götter.

Wer dann?
Die Vielfalt und die Nuancen der Sprachen unterschiedlicher Epochen und Komponisten sind für mich das Faszinierende an der Musik. Das ist für mich tatsächlich menschliche Geschichte. Ich möchte nie vor diese Frage gestellt werden, welchen Komponisten ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Aber wenn Sie mich zwingen, würde ich mich wohl für Mozart entscheiden. Mein erstes tiefes musikalisches Erlebnis war Barockmusik: Händel. Ich hatte eine opernverliebte Großmutter und wurde an der Wiener Staatsoper quasi sozialisiert. Das Gesamterlebnis Oper hat mich sofort gepackt und bis heute nicht mehr losgelassen.

Gibt es nicht eigentlich zu wenige Wagnerstimmen im Ensemble, um diese Tradition zu pflegen?
Wir haben wunderbare Wagner-Stimmen im Ensemble. Das heißt nicht, dass wir jede Oper ohne Gastsänger besetzen können. Aber das ist ja kein Problem. Natürlich kann ich keine Oper neu inszenieren, die erst vor Kurzem aus dem Spielplan gebracht worden ist. Einen „Ring“ kann man ja nicht alle paar Spielzeiten produzieren. Wagner-Opern, die länger nicht gespielt wurden, gibt es tatsächlich nicht sehr viele: „Die Feen“, „Das Liebesverbot“, „Der fliegende Holländer“. Einer davon wird in naher Zukunft in einer Neuinszenierung am Staatstheater zu sehen sein.

Wie wollen Sie das Ensemble weiterentwickeln? Stars wie Barbara Dobranzska, Konstantin Gorny, Matthias Wohlbrecht sind ein wenig in die Jahre gekommen.
Wunderbare Sänger, nach wie vor. Es gibt unterschiedliche Abschnitte in einer Sängerkarriere. Vielleicht kann ein Sänger, der reift, nicht mehr das perfekte Pianissimo singen und das Diminuendo nicht mehr so geschmeidig bis zum Ende führen. In der Praxis bedeutet das vielleicht, dass ein Sänger eine Partie irgendwann nicht mehr singen kann, weil er die Anforderungen nicht mehr erfüllen kann. Aber dann kann er eine andere Partie singen. Eine Zerlina wird vielleicht mal eine Donna Anna. Man wandert durch die Rollen. Aber die Qualität eines Sängers hat nichts mit seinem Alter zu tun. Für mich entsteht mit der Reife oft noch mehr Qualität.

Natürlich verändern sich unsere Körper, und das Instrument eines Sängers ist sein Körper. Was sich aber nicht verändert, ist eine Künstlerseele. Ein richtiger großer Bühnenkünstler, der auch glücklicherweise noch eine gute Technik hat, kann mit jedem Jahr mehr mit seinem Instrument ausdrücken.

Wie das?
Da stellt sich mir immer die Frage: Warum singen wir überhaupt? Viele sagen, ach Gott, das ist so etwas Artifizielles. Nein. Wir beginnen zu singen, weil die Worte nicht mehr reichen, das auszudrücken, was wir mit Musik und Gesang tatsächlich auszudrücken vermögen. Das Faszinierende an der Oper ist, dass wir Menschen auf der Bühne haben, die Instrumente sind und mit den Menschen im Publikum kommunizieren können – das kann kein anderes Instrument leisten.

Sie scheinen wirklich verliebt in das Ensemble. Das war ja auch Ihre Begründung dafür, in Karlsruhe bleiben zu wollen.
(lacht) Wissen Sie, was das Wichtigste für mich ist: Wir leben in einer Zeit, in der alles recht schnell geht, austauschbar ist und irgendwie gefällig, wohltemperiert sein muss – nichts gegen den Herrn Bach. Aber dieses Ensemble am Badischen Staatstheater, das sind Sängerpersönlichkeiten. Ich möchte keinen neutralen Sänger X gegen jeden anderen beliebig austauschen können. Ich möchte Unverwechselbarkeit. Es muss nicht immer alles rosa und kuschelig sein.

Zum Schluss noch einmal eine unangenehme Frage. Wie geht es weiter mit der künstlerischen Leitung der Händel-Festspiele? Bleiben die in den Händen von Michael Fichtenholz, der als Operndirektor in Zürich seinen Hut nehmen musste nach Vorwürfen des Machtmissbrauchs – ähnlich wie Spuhler in Karlsruhe?
Ich weiß nicht, ob er seinen Hut nehmen musste. Ich weiß nur, dass er mit Ende dieser Spielzeit Zürich verlässt. Michael Fichtenholz ist nach wie vor künstlerischer Leiter der Händel-Festspiele in Karlsruhe, mehr kann ich im Moment dazu nicht sagen.

Der Flurfunk ist im Theater zwar immer aktiv, aber ich versuche, mich nicht über die Stille Post zu informieren, weil ich weiß, dass da sehr viele Übersetzungsfehler passieren.

Ähnlich haben Sie sich ja auch in der Causa Spuhler verhalten.
Ich habe versucht, meine Probleme immer direkt mit Peter Spuhler zu klären. Drei meiner Dramaturgen haben sich entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen: drei von mir unfassbar geschätzte Kollegen. Einer der Gründe, warum ich gehen wollte, ist, dass ich diesen Kollegen nicht das Arbeitsumfeld schaffen konnte, das ich wollte.

Zur Sache: Der Karlrsruher Theaterskandal

Nach monatelanger Kritik an Generalintendant Peter Spuhler wegen seines autoritären Führungsstils hat der Verwaltungsrat des Badischen Staatstheaters im November beschlossen, seinen Vertrag zum Ende der Saison im Juni aufzulösen. Die Vorwürfe: „Kontrollzwang, beständiges Misstrauen, cholerische Ausfälle“. Im Februar wurde dann entschieden, dass es eine Interimsintendanz geben soll, bis eine neue Struktur für das Haus mit der Belegschaft zusammen entwickelt und zur Saison 2024/2025 eine langfristige neue Führung etabliert ist. Ins Rollen gekommen war der Theaterskandal, nachdem Operndramaturgen und dann der Personalrat an die Öffentlichkeit gewandt hatten. Opernchefin Nicole Braunger erklärte im Oktober angekündigt, ihren Vertrag nicht verlängern zu wollen. Nach der Entlassung Spuhlers will sie nun doch bleiben. Bevor Braunger 2018 nach Karlsruhe kam, hat sie als Künstleragentin gearbeitet. Die Österreicherin hat Sologesang am Konservatorium und der Musikhochschule Wien studiert.

Mit einer opulenten Produktion der „Lustigen Witwe“ ist das Badische Staatstheater vor dem Lockdown in die Spielzeit gestartet.
Mit einer opulenten Produktion der »Lustigen Witwe« ist das Badische Staatstheater vor dem Lockdown in die Spielzeit gestartet.
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