Landau
Neuer Tatort: Wie der Sound der Südpfalz ins Radio kommt
„Nacht der vergessenen Sterne“ ist der dritte Radio-Tatort aus Landau nach „Terrorvögel“ und „Teufel, komm raus!“. Im Zentrum stehen zwei Ermittlerinnen: Polizeioberkommissarin King aus Landau und Kriminalhauptkommissarin Ekkelsberg aus Ludwigshafen. Gesprochen werden sie von den Schauspielerinnen Janina Fautz aus Speyer (bekannt durch die TV-Serie „Wilsberg“) und Lisa Wagner aus Kaiserslautern, die durch ihren Auftritt als ehrgeizige Pflichtverteidigerin in einem TV-„Tatort“ bekannt wurde: der mehrfach preisgekrönten Folge „Nie wieder frei sein“.
Das Hörspiel führt zu einem brennenden Gasthaus, der sogenannten L-Klause: Polizeioberkommissarin Anima King von der Direktion Landau und Kriminalhauptkommissarin Fe Ekkelsberg aus Ludwigshafen ermitteln wegen schwerer Brandstiftung - eine Zwölfjährige ist an einer Rauchvergiftung gestorben. Warum sucht niemand nach Emily? Und wer ist ihr verschwundener Begleiter? Die Geschichte enthüllt Immobilienspekulation und Vetternwirtschaft.
Ein Ort der Handlung: das Landauer Frauenhaus
Das Schicksal von Verschwundenen und Vermissten und die Suche nach ihnen ist das Hauptthema von Friedrich Ani. Der 64-jährige Schriftsteller, der mit der Fernsehjournalistin und Drehbuchautorin Ina Jung verheiratet ist und in München lebt, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Krimiautoren, bekannt vor allem durch seine Kriminalromane um den Ermittler „Tabor Süden“ und durch mehrere Drehbücher für den TV-Tatort.
Recherchiert vor Ort in Landau habe er für sein Hörspiel „Nacht der vergessenen Sterne“ nicht, erzählt Ani am Telefon. Ein Schriftsteller müsse nicht immer direkt vor Ort sein, um seine Motive zu finden. „Ich habe über eine längere Zeit jeden Tag die RHEINPFALZ gelesen“, berichtet er. Im Herbst 2022 war das. Die Zeitung habe ihn mit „super Informationen“ versorgt – „ich war glücklich über die vielen Themen, die ich gefunden habe“. Etwa, dass es in Landau ein Frauenhaus als Zufluchtstätte für misshandelte Frauen gibt, das er in sein Hörspiel aufgenommen hat. Denn es sind auch immer die Lebensverhältnisse der Menschen, von deren Schilderung seine Krimis leben.
Einsatzzentrale in der Weinstube
Die Themen seiner eigenen Dreh- und Hörbücher habe er immer selbst gewählt. Aber es komme auch vor, dass eine Redaktion ein Thema vorgebe, das sie gerade für besonders aktuell ansehe. In Landau sei er auf die existenziellen Probleme von Gastwirten gestoßen, auch alteingesessenen, sagt Ani. Und auf wachsende Leerstände in der Innenstadt. In eine verwaiste Weinstube hat der Autor auch die Einsatzzentrale der Polizei untergebracht – weil die eigentliche Direktion renoviert wird. Die echte Landauer Polizei ist allerdings schon im August 2020 in das neue Dienstgebäude in der Paul-von-Denis-Straße gezogen. Für ganz abwegig halte er ein so skurriles Ausweichquartier nicht – „das kennt man vielleicht eher aus französischen Krimis“, sagt Ani. Aber ein Radio-Tatort biete in der Tat meist mehr Freiheiten als ein Fernsehkrimi.
Angestachelt habe ihn auch die ungewöhnliche Konstellation zweier ermittelnder Kommissarinnen – einer von der Kripo, einer von der örtlichen Polizeidirektion. Allerdings habe er gleich gesagt, als er von der Redakteurin Uta-Maria Heim den Auftrag erhielt: „Ich kann auf keinen Fall Dialekt schreiben.“ Trotzdem sprechen alle Figuren Pfälzisch, wenn auch nicht alle mit Südpfälzer Einschlag – in weiteren Rollen Rainer Furch, Sierk Radzei, Cédric Cavatore und Yasmina Djaballah. Der Tatort solle den Sound der Gegend hörbar machen, sagt Ani.
Stimmen müssen die Welt erschaffen
Überhaupt: Das Besondere des Hörspiels seien für ihn die Stimmen. „Ich komme aus der Radiowelt und habe selbst früher als Journalist für den Hörfunk gearbeitet. Ich bin sehr stimmenaffin. Wenn ich mit der Stimme eines Nachrichtensprechers nicht zurecht komme, schalte ich um.“ Und beim Hörspiel müsse die ganze Geschichte durch das Sprechen erzählt werden. „Man hat kaum Möglichkeiten, eine Welt zu schaffen ohne Stimmen, nur noch Geräusche.“ Der Landauer Tatort besitze den besonderen Kniff, dass die Kommissarin King innere Monologe mit ihrem Mentor, einem gestorbenen Kollegen führt und das Hörspiel dadurch eine Erzählebene hat. Aber man könne auch einen richtigen Erzähler zu Wort kommen lassen, wie er es in seinem Krimi-Dreiteiler „Haus der aufgehenden Sonne“ angelegt hat, den der Bayerischen Rundfunk als Hörspiel produziert hat.
Anders als in Regionalkriminalromanen komme es bei einer Tatort-Folge nicht darauf an, Orte oder Straßenzüge wiedererkennbar zu machen. „Man muss es so anlegen, dass es auch für Menschen aus Husum oder Berchtesgaden interessant ist. Denn die Folgen werden von der ARD in ganz Deutschland ausgestrahlt.“ Ein Studium des Stadtplans oder gar Exkursionen mit Google Maps gehörten also nicht zur Recherche, sagt er und lacht. Aber die Recherche habe ihm definitiv Lust gemacht, Landau einmal zu besuchen, sagt Ani.
Info
Der SWR produziert für die bundesweite Kriminal-Hörspielreihe ein bis zwei Folgen pro Jahr. Regie führte bei „Nacht der vergessenen Sterne“ Maidon Bader. Die Musik stammt von der Karlsruher Band Kammerflimmer Kollektief, der Titelsong von Clemens Haas. Für ein Jahr ist die 50-minütige Folge in der ARD-Mediathek abrufbar. Ausgestrahlt wird sie am 15. Juli um 19.05 Uhr in SWR2 und am Sonntag, 16. Juli, 21.03 Uhr, SWR4 Baden-Württemberg.