Rheinpfalz „mit Gesang zum Bahnhofe“

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Hinterweidenthal. Zunächst herrschte schiere Euphorie, nachdem Kaiser Wilhelm II. am 1. August 1914 die allgemeine Mobilmachung angeordnet hatte. Es war Deutschlands Eintritt in den Ersten Weltkrieg. Als wenige Tage später die ersten Truppen Richtung Belgien ausrücken (um Frankreich zu besiegen), gibt der Kaiser ihnen diese Wort mit auf den Weg: „Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe noch das Laub von den Bäumen fällt.“ Was Wunder, dass deutsche Soldaten freudestrahlend in den Krieg zogen. Auch Männer aus Hinterweidenthal wurden zu den Waffen gerufen.

In der Heimat wurde währenddessen minutiös beschrieben, was sich im Dorf, in der Stadt oder der Region ereignete. So hat auch der ehemalige Hauptlehrer und Gemeindesekretär in Hinterweidenthal Tagebuch geführt. Teilweise aufgearbeitet hat dieses Kriegstagebuch der niederländische Staatsbürger Peter Vermeulen, der mit seiner Familie seit langem in Hinterweidenthal wohnt und bei Nachforschungen im Landesarchiv Speyer auf dieses Diarium gestoßen ist. Allerdings erhielt er jetzt Nachricht vom Landesarchiv, dass der Magazinplatz des Tagebuchs auf unbestimmte Zeit nicht zugänglich ist. Das Landesarchiv teilte mit, dass „in unserer Ausstellung Erster Weltkrieg, in welcher das Kriegstagebuch Hinterweidenthal auch eingebunden war, eine neue Signatur und einen neuen Magazinplatz gefunden.“ Er sei wegen der Bauarbeiten gesperrt. Die RHEINPFALZ veröffentlicht dennoch die Aufzeichnungen Kramers über die ersten Kriegstage und die Ereignisse in Hinterweidenthal. 209 Männer aus dem Dorf wurden damals zu den Waffen gerufen. Der erste Eintragung beginnt mit dem 25. Juli, dem Tag der Mobilmachung Österreichs, das Serbien am 28. Juli den Krieg erklärt. Bis zur deutschen Mobilmachung am 1. August beschreibt der damalige Gemeindesekretär, welche Vorkommnisse seit dem 25. Juli bis zum 1. August 1914 in Hinterweidenthal zu verzeichnen waren, welche Stimmungen und Emotionen die Bürgerinnen und Bürger beherrschten. So war natürlich an den Stammtischen der Krieg das allgemeine Gespräch. Hamsterkäufe setzten ein, Mehl war am 26. Juli schon knapp geworden, nur vier Tage später hatte Kramer notiert: „Mehl und Salz sind aufgekauft und es steigen in Preise“. Vielerlei Gerüchte schwirrten durch den Ort. So sei ein Flieger übers Dorf geflogen, dessen Insassen – Franzosen – angeblich bei Wiebelskirchen in Gefangenschaft gerieten. Am 29. Juli brachten Fuhrmann Fuhrmann Jakob Schäfer aus Pirmasens die Nachricht mit, dass der deutsche Gesandte in Paris ermordet worden sei; was sich natürlich als unwahr herausstellte. Die Fabriken in Hauenstein arbeiten nur sehr wenig. Einberufen ist noch niemand. Von Landau aus wurden heute Nachmittag Kolonialwaren hierher verbracht. Vom 10 Uhr nachmittags ab ist die Station Kaltenbach dienstlich mit zwei Bahnsekretären besetzt. Die Soldaten haben Befehl bis zum 3. Mobilisierungstag zu verbleiben. Die Nacht verlief ruhig und ohne Vorkommnis. Die Kornernte ist in vollem Gange. Die Aufregung im Dorfe hat durch die durcheinander schreiende Wiedersprechungen, oft unsinnigen Gerüchte noch nicht nachgelassen. Nachmittag 4.30 Uhr wie sich die Dinge überstürzen! Die Meldung des königlichen Kriegsministeriums und der kgl. Kreisregierung über Verfügung des Kriegszustandes mit Standrecht kam gleichzeitig mit derjenigen über „drohende Kriegsgefahr“. Die Bekanntmachungen wurden dem Bürgermeisteramte sofort erlassen, angeschlagen am Gemeindehause; bei Waldhüter Dietz; in der Mitte des Dorfes beim alten Hause Frank und bei Bürgermeister Brügel. In Gruppen zusammenstehend, lesen und besprechen die Bewohner die Plakate. Die Nacht verlief ruhig. Am Nachmittage kam nachstehende, folgenschwere Depesche: „Aufgegeben in München No. 800 30 Blatt vom 1.8.1914 5 Uhr . Mobilmachungsbefehl Mobilmachung befohlen, erster Mobilmachungstag der zweite August 1914. Gleichzeitig ist für den Bezirk des II. Armeekorps der Landsturm aufgerufen. “ Die Bekanntmachung erfolgte durch Anschlag zu Gemeindebriefe und die Ortsschelle, gleichzeitig wurden die Schulen geschlossen. Überall stand die in ersten Augenblicke bestürzte Bevölkerung in Gruppen, um die neue Lage zu besprechen. An Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken. Die Mobilmachungs- und Führungsbefehle kamen nachts zwischen 12 und 1 Uhr an und wurden durch die Eilboten Greiner Ludwig, May Adolf und Eitel Karl I nach Hauenstein, Dahn, Erfweiler, Salzwoog etc befördert. Der Sonntag brachte eigentlich erst die patriotische Begeisterung. Eifrig studierten die gedienten Landsturmpflichtigen des Landsturmaufgebots. Ein jeder suchte sich seinen Tag zum Einrücken aus. Die Verabreichung geistiger Getränke aus den in der Nähe der Bahn gelegene Wirtschaften an Soldaten und deren Begleiter wurden verboten. Nachmittags um 3 Uhr hält der Gemeinderat eine Sitzung ab, in welcher u.a. für diejenigen Familien, deren Oberhaupt und Ernährer einrücken muß, zunächst 500 Mark bewilligt wurden zu Gaben, die jedoch nicht als Armenunterstützung gelten dürfen. In den Wirtschaften sammeln sich am Nachmittage die zukünftigen Krieger. Auch die Kämpfer von 1870 fehlten nicht. Kriegslieder erschallen überall. Zur Unterstützung der Ortspolizei wurde Karl Schüßler bestimmt, der in erster Linie die Nachtwache zu übernehmen hat. Der Feldhüter erhält zwei Mann als Gehilfen : Schenk Jakob und Hauter Friedrich. Beide haben Nachtwache. Die Brunnenkammer wird ebenfalls bewacht. Alle Wächter sind mit Gewehren, Modell 88, ausgerüstet und mit je 30 Patronen versehen. Die ersten Einquartierungen wurden angefragt (5. Feld Art. Rgt.)3. Mobilmachungstag: 28 Mann und 69 Pferde4. Mobilmachungstag: 20 Mann und 50 Pferde6. Mobilmachungstag: 13 Mann und 29 PferdeJede Gruppe umfaßt zwei Unteroffiziere und zum Anzahl einberufener Landwehrleute, welche die angekauften Pferde in Pirmasens zum Transport überkommen. Man weiß nicht mehr recht, wohin man sich wenden soll! An der Dorflinde vom Jahre 1870/71 sammeln sich die Gruppen der aus hiesiger Gemeinde einrückenden Männer und ziehen mit Gesang zum Bahnhofe. Vom Osten nach Westen rollen ununterbrochen in ganz kurzen Abständen lange Eisenbahnzüge, um unsere Truppen an die Grenze zu verbringen. Eifrig, ja übereifrig, schleppen Frauen und Jungfrauen alles herbei, den Soldaten eine Freude zu bereiten. Das „Rote Kreuz“ tritt in Kraft. Aus Pirmasens und Rodalben gekommene Mitglieder unterstützen Tag und Nacht die hiesige Landwehr; denn Hinterweidenthal-Bahnhof ist Hauptstation (Verpflegstation) neben Landau und Zweibrücken und jeder Zug hat 1/4 Stunde Aufenthalt. In großen Kesseln werden auf dem Bahnhof Kaffee und Tee gekocht und verabreicht. Die Sanitätsabteilung Pirmasens und die Wehrkräftler unterstützen und arbeiten fleißig. Auch Zigaretten etc. fehlen nicht. Helle Begeisterung hat aufgeschlagen. Aus dem Dahner Tale kommen die Bewohner in Gruppen mit allerlei essbaren und Milch, so daß die Anfuhr manchmal den Bedarf weit übersteigt, und mit den Lebensmitteln trotz schlechter Zeit durchaus nicht ökonomisch umgegangen wird. Die Vorräte werden im Bahnhofgebäude aufbewahrt. Dort stehen auch eine Anzahl Betten zum übernachten.

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