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Ruth Velten ist die Frau mit dem Instrument des Jahres: dem Saxofon. Foto: Vincent Stefan
Ruth Velten ist die Frau mit dem Instrument des Jahres: dem Saxofon.

Mein Monat: Welche Ausstellungen, Konzerte und Theaterstücke werden Sie diesen Monat besuchen? Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch? Das fragen wir in dieser Reihe südpfälzische Prominente mit Hang zur Kultur. Diesmal plaudert die Saxofonistin Ruth Velten über ihr Instrument des Jahres und ihre Hörenswürdigkeiten im April.

Es ist nicht Mio, der mir die Tür öffnet. Obwohl er die Klinke durchaus mit einem gezielten Sprung herunterziehen kann, wie er später demonstriert. Mio kennt die Besucherin nicht und hat sich erst einmal diskret zurückgezogen. Es dauert aber nicht lange, da scharwenzelt er um den Tisch. Dieses plötzliche Zutrauen: Da wähnt man sich kurz mit der Auszeichnung einer echten Katzenflüsterin bedacht und wird jäh gewahr, was im Zentrum dieses kreisenden, schnurrenden Interesses liegt: ein paar appetitlich angerichtete Kuchenstücke. Mio ist kein Freund von Fremden, aber eindeutig ein Freund von Lebensmitteln.

Das Zuhause von Mio und der Dame, die sich jetzt erbarmt und seinen Futternapf füllt, liegt in einer der schönsten Gassen Landaus: der Theaterstraße. In einem der alten Häuser wohnt die Saxofonistin Ruth Velten mit ihrem Ehemann Christian Syperek – so hoch oben, dass noch reichlich Sonne über die Dächer hereinblitzt. Sypereks Job als Landesposaunenwart hat das Paar vor rund fünf Jahren von Berlin in die Südpfalz geführt. Dort an der Hanns-Eisler-Musikhochschule hat die gebürtige Flensburgerin zuletzt studiert. Inzwischen sieht Ruth Velten Landau als ihr zu Hause an, obwohl die 38-Jährige eigentlich dauernd unterwegs ist: Als freischaffende Musikerin ist sie eine „fröhliche Pendlerin“ von einem Engagement zum anderen. Einmal die Woche fährt sie auch noch zum Unterrichten an die Hochschule Weimar.

Mit LUX:NM macht sie international Furore

Zumindest hat Velten bei ihren vielen Reisen Zeit zum Lesen. Obwohl sie das haptische Erlebnis eines echten Buchs eigentlich nicht missen will, hat sie sich mit ihrer Lektüre digital eingerichtet – an den Instrumenten habe sie schon genug zu schleppen, sagt die Musikerin. Derzeit hat sie sich „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari vorgenommen über die Entwicklung des Homo sapiens. Damit will sie sich noch ein bisschen Hintergrund anlesen für das Projekt „Breaking the Wall“ ihres Ensemble LUX:NM, mit dem sie am 6. April zum 20-Jährigen des Forums Neue Musik beim Deutschlandfunk in Köln auftritt. Zum Thema „Postmigrantische Visionen“ widmet sich Veltens Ensemble Mauern und Mauerfällen verschiedener Art.

LUX:NM ist auf zeitgenössische Musik aus und hat sich durch seinen energetischen, von Elektronik durchsetzten Stil internationales Renommee erworben. „Damit können wir ganz eigene Klangkonzepte umsetzen“, sagt Velten. Das Besondere ist die Besetzung mit der Akkordeonistin Silke Lange. Mit ihr hat Ruth Velten ein sechsköpfiges Ensemble aufgebaut, zu dem noch Posaunist Florian Juncker, Pianist Vitaliy Kyianytsia sowie die Cellisten Andreas Voss und Beate Altenburg gehören. Im Herbst will Velten mit LUX:NM in der Landauer Stiftskirche auftreten in einem neuen Konzertformat, das die Musik mit einem Lichtkonzept verbindet – daran werde noch getüftelt, erzählt sie. „Die Forderung nach einem Eventcharakter der Konzerte nimmt stetig zu – vor allem in Großstädten.“

„Ich gehe wahnsinnig gerne in Konzerte“

Auch das zweite Buch auf Veltens Lesetablet hat mit ihrer Arbeit zu tun. 2018 war sie für ein Theater-Projekt einen Monat lang am Persischen Golf. Ihre Erlebnisse dort, darunter ganz ungewöhnliche, sucht sie mit dem Buch „Der neue Iran“ aufzuarbeiten. Überhaupt dreht sich bei Velten alles um die Musik. So auch in all ihren Veranstaltungstipps. „Ich gehe wahnsinnig gerne in Konzerte, weil ich da viel mehr beobachten kann als wenn ich selbst auf der Bühne stehe.“ Und nach sehr konzentrierten Momenten im Saal komme immer ein geselliger Teil mit dem gegenseitigen Austausch.

Die erste Gelegenheit dazu sieht sie schon morgen und am Montag, 1. April, im Badischen Staatstheater Karlsruhe: Da spielen Veltens Kollegen vom Raschèr Saxophon Quartett zusammen mit der Badischen Staatskapelle. Die Musiker gelten als ungekrönte Könige des Saxofons (so sieht es jedenfalls die „Wiener Zeitung“) und haben viele Komponisten inspiriert, ihnen Werke zu widmen. Dass auch ihr ein Komponist ein Stück geschrieben hat, empfindet Velten als ihre bislang größte Auszeichnung: Gordon Kampes „Konzert für Sopran-, Tenor- und Baritonsaxofon und Orchester“, das im Februar in der Landauer Festhalle mit der Deutschen Staatsphilharmonie uraufgeführt wurde. Velten hat in jedem Satz das Instrument gewechselt: von Sopran- zu Tenor- und Baritonsaxofon. Daneben spielt sie auch noch das Alt.

Das Saxofon ist selten in der sogenannten E-Musik jenseits von Jazz und Pop. Das ist wohl auch der Grund, warum es von den Landesmusikräten zum Instrument des Jahres gekürt wurde. Hat sie das auch zur Musikerin des Jahres befördert?. „Davon merke sie eigentlich nichts in meinem Terminkalender. Bei mir läuft es ohnehin gerade gut. Aber die Konzerte bekommen mehr mediale Aufmerksamkeit. Das ist sehr schön.“

Das Saxofon wurde 1842 erfunden – für Militärkapellen

Seine zwei Gesichter liebt Ruth Velten an ihrem Instrument: Die wilde Eigenwilligkeit im Jazz und die disziplinierte Ästhetik in dem Bereich, den viele Klassik nennen. Dabei hat Adolphe Sax sein Holzblasinstrument erst 1842 erfunden – ursprünglich, um Militärkapellen einen fetteren Klang zu ermöglichen. Das sei ein Phänomen des Saxofons, sagt Velten: Selbst, wenn man es selbst gar nicht heraushören kann, macht es den Gesamtsound voller.

Angesichts seines jugendlichen Alters gibt es für das Saxofon also klassische Literatur nur als Bearbeitung. „Mit Barockmusik geht das gut“, sagt Velten. Sie bevorzugt aber Stücke, die original für ihr Instrument geschrieben wurden: Neue Musik von der klassischen Moderne bis zu den Zeitgenossen. Besonders die Grenzbereiche zur improvisierten Musik findet sie interessant; wie es auch der von ihr geschätzte Minimal-Music-Komponist Steve Reich tat, der selbst in jungen Jahren in einem Bebop-Quintett spielte. Velten sagt, sie mag eigentlich alles: von Cabaret bis Kammermusik.

Ab April hat sie ein Recherchestipendium für Paris

Das Saxofon besitze eine Breite an Artikulationsmöglichkeiten und Klangfarben wie kein anderes Instrument. Die Musiker nutzen je nach Sparte andere Mundstücke und Blätter: Für das Ensemblespiel etwa wird der Klang mit einer engeren Bahn des Luftstroms fokussierter. Ohnehin sei es sehr schwierig, dass zwei Musiker mit gleichen Instrumenten auch einen gleichen Klang formen und das Ensemblespiel harmoniert. Gelingt das, entstünden jene magischen Momente, die auch Zuschauer als Aha-Erlebnis aus dem Konzert mitnehmen, glaubt Velten.

In der Region ist sie wieder am 16. August zu hören, wenn sie beim ZDF-Fernsehgottesdienst in der Neustadter Stiftskirche auftritt, den Simon Reichert musikalisch gestaltet. Ihr nächstes großes Projekt ist ab April ein Recherchestipendium der Cité Internationale des Arts, das sie für ein halbes Jahr nach Paris führt, wo 300 Künstler aus aller Welt und allen möglichen Sparten Appartements gestellt bekommen und gemeinsam frei arbeiten dürfen.

„Am 6. April sollten die Landauer einen kompletten Kulturtag einlegen“

Velten will aber unbedingt dabei sein, wenn die Stiftskirchenkantorin Anna Linß das Verdi-Requiem an Karfreitag dirigiert (wir berichteten mehrfach). Und mit ihren Mann ist sie am Samstag ab 22 Uhr zur Osternacht in der Marktkirche von Bad Bergzabern, wenn der Landesposaunendienst einen Bläsergottesdienst gestaltet. „Am 6. April sollten die Landauer einen kompletten Kulturtag einlegen“, findet Velten: Erst zur Zeitsprungpassion von Horst Christill in die Marienkirche gehen und die Synthese von alter und neuer Technik an Synthesizern und Orgel erleben. „Davon bin ich ganz begeistert.“ Und um 20 Uhr zur „Bohemian Rhapsody“ in die Landauer Festhalle mit dem Kammerorchester Prague Philharmonia und dem Trompeter Gábor Boldoczki – da seien gewiss wenigstens noch Stehkarten zu haben.

Wer dann immer noch nicht genug hat, kann tags drauf um 18 Uhr zu den Kontrapunkten in den Alten Ratssaal Speyer. Dort spielen die beiden Pianisten Christine und Stephan Rahn „Meilensteine für diese Literatur“ wie Olivier Messiaens monumentale „Visions de l’Amen“. Karten hat Velten auch für eins der beiden Sinfoniekonzerte am 3. und 4. April im BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen. Sie möchte den charismatischen Nabil Shehata als Dirigenten erleben, nachdem sie mit ihm bei einem Projekt des Schleswig-Hostein-Musikfestival zu zusammengearbeitet hat – damals war er als Bassist dabei. „Ein toller Musiker“, schwärmt Velten. „Jetzt kennt er beide Seiten.“

Veltens Liebe zum Kabarett spiegelt sich in der Empfehlung der „Lachblütentherapie“ am 4. April um 18 Uhr in der Landauer Bücherei, wenn Alexander Finkel Rezepte gegen den alltäglichen Wahnsinn verteilt: mit Texten etwa von Kurt Tucholsky und des Kabarettisten Fritz Grünbaum, der mit einer Melange aus Wiener Schmäh und jüdischer Chuzpe ausgestattet war. Er trat mit seinem Kollegen Farkas regelmäßig im Simpl auf. Als dort mal der Strom ausfiel und es zappenduster war, extemporierte er: „Ich seh’ rein gar nichts mehr, ich muss in der nationalsozialistischen Kultur angekommen sein.“

Doch jetzt muss sie los, sagt Ruth Velten, und eilt auch schon zum nächsten Treffen mit dem Komponisten Stefan Pohlit, mit dem sie auch etwas auf die Beine stellen will. Mio hat die Wohnung wieder ganz für sich.

Könige des Saxofons: Die Raschérs spielen in Karlsruhe. Foto: Felix Broede
Könige des Saxofons: Die Raschérs spielen in Karlsruhe.
Alexander Finkel verordnet Ruth Velten eine Lachblütentherapie. Foto: Finkel
Alexander Finkel verordnet Ruth Velten eine Lachblütentherapie.
Charismatischer Kollege: Nabil Sheheta.  Foto: Stephan Zwickirsch
Charismatischer Kollege: Nabil Sheheta.
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