Landau
Meyerhoff-Roman auf der Festhallen-Bühne: bizarr und schrill
Magnetische Wirkung besitzt nicht nur der Titel, der auf ein Zitat des jungen Werther zurückgeht. Im Falle der erfolgreichen Familiengeschichte des 1967 in Homburg geborenen Schauspielers und Regisseurs Joachim Meyerhoff ist sogar der Autor selbst ein Garant für großes Publikumsinteresse. Aber die Bühnenfassung wird der Steilvorlage nicht gerecht, obwohl das Altonaer Theater Hamburg von sich sagt: „Wir spielen Bücher“.
Unter dem Übertitel „Alle Toten fliegen hoch“ erzählt Meyerhoff verschiedene Lebensabschnitte des Ich-Erzählers Joachim. Im dritten Teil mit der „entsetzlichen Lücke“, erschienen 2015, fühlt sich der Protagonist so weit von sich selbst entfernt wie weiland Goethes junge Werther. Er handelt von den holprigen Anfängen des Theaterschauspielers in der berühmten Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München und der großbürgerlichen, aber auch grotesken Welt seiner Großeltern, in die er mangels eigenem Wohnraum als Mitbewohner eintaucht.
Platte Satire statt charmanter Komik
Da prallen nicht nur Welten, sondern auch Charaktere aufeinander, und der junge Protagonist steht ungläubig staunend mit geradezu apathischer Attitüde mittendrin. In Meyerhoffs eigenen Worten ist diese Distanz mit flirrender Ironie, charmanter Komik und liebevoll-analytischer Beobachtung gefüllt – in der Inszenierung des Altonaer Theaters aber wird das eher leise Feuerwerk der facettenreichen Reflexionen durch allzu platte Satire, einfallslose Bilder und typisierte Figuren visualisiert.
Das schenkt der Inszenierung von Henning Bock zwar einige witzige Höhepunkte und fulminante Szenen. Es zerstört aber Tiefgang, Empathie und Melancholie. Alles, was auf und vor einem überdimensionierten, von Loriot entlehnten Sofa passiert, ist bizarr, abgehoben oder schrill – nur der Großvater (David Fischer) darf sich auf seine urpersönliche Aura verlassen und als emeritierter Philosophieprofessor mit den besten Sätzen und größten Sympathiewerten punkten.
Parodie auf die Theaterwelt
Die mondäne Großmutter (Jessica Kosmalla) dagegen – als ehemalige Schauspielerin und lebenslange Diva eigentlich prädestiniert für den großen Auftritt auch im eigenen Haus – geht gefühlsmäßig vollkommen leer aus. In ihrer flatterhaften Tattrigkeit und flügellahmen Verschrobenheit, wird sie zu einer enervierenden, traurigen Gestalt, die ihre Würde nur noch im Rezitieren einstiger Theaterrollen findet.
Und dann das Theater per se! Auch hier wird ordentlich auf die Tube gedrückt, sämtliche Bühnenmenschen parodieren ihre eigenen Vorbilder. Aus den Eleven wird dabei aber nicht mehr herausgekitzelt als aus Akteuren eines dörflichen Fasnachtsvereins oder einer Castingshow. Trotzdem erhascht das Publikum spannende Einblicke in die wahre Theaterwelt mit ihren Ausbildungssparten und Entäußerungsarten.
Bühnenreif: der Held, nicht das Stück
Schauspielerisch ist dieser Part flexibel und gut gelöst, Direktor Huber (Kai Hufnagel) hat seine Truppe in persiflagehafter Selbstgefälligkeit im Griff. Antje Otterson, Theresa Horeis und Tobias Schaller übernehmen lustvoll verschiedene Rollen, und Pianistin Mattie Winnitzki gibt diesem Mischmasch am Flügel eine gewisse Struktur.
Am Ende hat Joachim (Marc Laade), der Antiheld, so überrascht wie ratlos die offizielle „Bühnenreife“ erhalten und fühlt sich damit „als wär man jetzt ein Käse“. Es muss ein Schweizer Käse mit vielen Löchern sein. Den Respekt des Großvaters wird er garantiert erst gewinnen, wenn es ihm eines Tages gelingen wird, „nicht jedes Problem als Phänomen zu sehen“ und die „Welt nicht als Ereigniszirkus“ wahrzunehmen, sondern daran teilzunehmen. Ein Schnitt kann da nicht schaden. „Den konkreten Kontakt zum Koordinatensystem des Daseins“, wird der junge Mime fortan jenseits von München suchen.