Karlsruhe
Metal-Battle im Substage mit Sylosis
Sylosis haben viele Fans. Aber scheinbar doch nicht so viele, um eine eigene Headliner-Tour durch Europa alleine unternehmen zu können. Darum kamen findige Tourneeveranstalter auf die Idee, mit den englischen Thrash-Metallern gleich drei weitere Vertreter ihres Genres auf die Reise zu schicken und so ein Komplettpaket zu schnüren, das mit günstigen Eintrittspreisen lockt und mehr ein kleines Festival als einen üblichen Gig darstellt.
Das erklärt auch, warum nicht nur im Karlsruher Substage, wo das Quartett am Sonntag auftrat, die Rede nicht von Sylosis und Vorbands die Rede war, sondern von Sylosis und „special guests“. Die bestanden aus den US-amerikanischen Formationen Life Cycles und Revocation sowie der niederländischen Combo Distant. Eine schöne Zusammenstellung also, und doch blieb der gewünschte Erfolg aus.
Besucherresonanz schwach
Das Substage mit einem Fassungsvermögen von rund 1000 Plätzen war mit einem Vorhang verkleinert worden, und die Empore blieb geschlossen. Trotzdem war der Rest des Raumes immer noch nur knapp zur Hälfte gefüllt. Geschäftlich gesehen war die Sache also ein Reinfall, musikalisch aber machte sie sehr viel Spaß. Denn, so viel sei vorweg gesagt, keiner der Bühnenakteure gab sich eine Blöße, und die Reihenfolge der Auftritte sagte nichts aus über die Wertigkeit der Gruppen. Den Anfang machten Life Cycles.
Das Quintett behauptet von sich, für Cross-over-Trash zu stehen, und überraschte mit sehr viel melodischem Verständnis. Mehrfach erweckte die Gruppe den Eindruck, eine ganz „normale“ Metalband zu sein, und erinnerte mit ihren doom-artigen Riffs, beispielsweise bei „The End Still Awaits“, sogar ein wenig an Black Sabbath, hätte Frontmann Travis Savoie seinen Beitrag nicht mit Growls, sondern normaler Singstimme beigetragen. Life Cycles schafften es sogar, einen Teil des Publikums zum Moshen zu bringen. Ihrem glänzenden Auftritt folgten Distant, mit der vielleicht am wenigsten auffälligen Show.
Mächtige Soundwand
Die Band knüppelte derart hart und laut, dass es ihrem Sänger schwerfiel, sich gegen diese mächtige Soundwand durchzusetzen. Trotz eines hyperaktiven Bassisten, einem Gitarristen, der ein derbes Riff nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelte, und der Headbanger-Hymne „Nothing Left to Hate“ blieb der Auftritt der Holländer recht farblos. Anders dagegen die nachfolgenden Revocation.
Ihr Sound lässt sich nur sehr schwer einordnen. Als „Technical Death Metal“ beschreiben sie ihn selbst, und obwohl die Bandmitglieder ihr Handwerk tatsächlich technisch überragend beherrschen, reicht das längst nicht aus, um darzustellen, wie sich ihre Musik präsentiert. Old-School-Prog-Death Metal trifft es eventuell am ehesten. Denn tatsächlich enthalten ihre oft ziemlich langen Songs viele traditionelle Progressive-Rock-Elemente, gehen manchmal sogar ein wenig in Richtung Spock’s Beard oder Dream Theater. Allerdings sorgt der kehlige Gesang von David „Dave“ Davidson mit seinen Growls und Howls dafür, dass Revocation trotzdem stets die Nähe zum Extreme Metal wahren.
Vorbote des neuen Albums
Nach diesem gelungenen Auftritt war es spannend, zu erleben, wie Sylosis es schaffen, noch eins draufzusetzen. Als sie nach dem Intro, einer Einspielung des Kiss-Klassikers „I Was Made for Loving You“, die Bühne betraten und mit „Erased“, der zweiten Singleveröffentlichung nach dem ebenfalls ausgekoppelten Titelstück ihres Albums „The New Flesh“, loslegten, schien es, als hätten mittlerweile wieder ein paar Besucher den Raum verlassen.
Nach dem Hammerauftritt von Revocation wäre es kein Wunder gewesen, denn eine Steigerung schien wirklich nur noch schwer möglich. Sylosis aber gaben ihr Bestes, spielten ein Set, das sich aus Stücken aus ihrer seit 26 Jahre anhaltenden Karriere zusammensetzte, und neben den beiden erwähnten Singles mit „All Glory, No Valour“ sogar einen Song beinhaltete, der bisher noch gar nicht veröffentlicht wurde. „The New Flesh“ wird ab dem 20. dieses Monats in den Läden stehen.
„All Glory, No Valour“ wurde von Sänger und Gitarrist Josh Middleton, Gitarrist Coner Marshall, Schlagzeuger Ali Richardson und dem „neuen“ Bassisten Ben Thomas, der 2024 Alex Bailey ersetzte, als Schlachtruf ausgegeben und kam sofort gut an. Die Nummer hat das Zeug, zu einem Bandklassiker zu werden, wie es heute unter anderem „Poison For the Lost“, „I Sever“ oder „Teras“ bereits sind. Sylosis gaben sich mächtig Mühe und schafften es, mit ganz knappem Vorsprung vor Revocation zu „gewinnen“.