Rheinpfalz Mannheim: Erinnerungen an Kultvideothek bleiben
6000 Filme gab es in der Videothek „Mr. & Mrs. Smith“. Ein einzigartiges Archiv hatte der Inhaber seit 1988 aufgebaut. 24 Jahre später war Schluss für den Kultladen in den Mannheimer Quadraten. Die Erinnerungen an viele wundervolle Filme und einen ganz besonderen Ort bleiben aber lebendig. Auch wenn es manchmal wehtut.
„Du leihst dir diesen Film zum siebten Mal aus. Warum kaufst du ihn dir nicht endlich?“ An mir kann es nicht gelegen haben, dass die wundervolle Videothek „Mr. & Mrs. Smith“ im Spätjahr 2012 für immer aus den Quadraten verschwand. Ich war seither nie mehr in einer Videothek und werde wohl auch nie wieder eine betreten. „Casablanca“ heißt übrigens der Film, den ich zur Verwunderung des Inhabers dieses Filmmuseums immer wieder in meinen Videorekorder geschoben habe. Dass ein Mensch so edel sein konnte, auf die Liebe seines Lebens zu verzichten, weil es eine größere Sache gab, fand ich als junger Student sehr beeindruckend. Nicht weniger beeindruckt hat mich, wie viele filterlose Zigaretten Rick alias Humphrey Bogart so rauchen konnte.
Im Hintergrund lief meist unaufdringlicher Jazz
Ein Mann namens Steffen Lückehe kam 1988 auf die Idee, eine Videothek zu eröffnen – für ein anspruchsvolles Publikum. Neben Filmplakaten gab es auch eine kleine Auswahl an Literatur zu Filmen und zur Filmgeschichte. Eine Pornoecke gab es ebenso wenig wie einen Computer. Der Inhaber stand auf ein Karteikartensystem. Meine war gelb. Dafür gab es die fast komplette Sammlung von Russ-Meyer-Filmen. Den amerikanischen Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten haben Low-Budget-Filme bekannt gemacht, die – so formulieren es Experten mit einem gewissen Hang zum Euphemismus – dem Sexploitation-Genre zuzuordnen sind. Meier konnte und wollte darin jedenfalls nicht verbergen, dass er Frauen mit großen Brüste klasse findet. Sein „Meisterwerk“ heißt „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“. Da ich jeden Film zu Ende gucke, habe ich das auch bei diesem getan. Worum es ging? Keine Ahnung. Wenn ich mich richtig erinnere, sagte mir der Mann hinter der Verleihtheke, die Musik sei ganz gut. Apropos Musik. Bei „Mr. & Mrs. Smith“ lief im Hintergrund meist unaufdringlicher Jazz oder lateinamerikanische Musik. Nicht nur deswegen war es ein Ort zum Wohlfühlen. Wie es sich als ordentlicher Student gehört, habe ich in dieser Zeit geraucht. Fast so viel wie Humphrey Bogart. Auf einem Sitzbänkchen unter der Rubrik „Der besondere Film“ stand ein kleiner schwarzer Aschenbecher, der darauf wartete, gefüllt zu werden. So saß man da an einem verregneten Samstag, manchmal wirklich stundenlang, und studierte die Zusammenfassungen auf den Videorücken.
Dass es jeden Klassiker gab, konnte auch zum Problem werden
Welche großartigen Filme hätte ich ohne diese Videothek wohl niemals gesehen. Nicht alles habe ich siebenmal ausgeliehen wie „Casablanca“. „Im Rausch der Tiefe“ zum Beispiel – dieses französische Drama über zwei Extremtaucher – kann man sich gar nicht so oft ansehen, weil es so traurig ist. Natürlich gab es bei „Mr. & Mrs. Smith“ den 160 Minuten langen Director’s Cut. Der Film ist übrigens von 1988, also jenem Jahr, in dem die Kultvideothek eröffnete. Die Schauspieler waren grandios. Jean Reno, Rosanna Arquette und Jean-Marc Barr. Letzterer ist im Gegensatz zu seinen beiden Kollegen später weitgehend von der Bildfläche verschwunden. Oder „Das große Fressen“, ein Film von 1973. Nie wieder wurde Dekadenz und Lebensüberdruss so herrlich auf die Spitze getrieben wie von Marcello Mastroianni, Ugo Tognazzi, Michel Piccoli, Philippe Noiret und Andréa Ferréol. Dass es bei Steffen Lückehe wirklich jeden Klassiker gab, konnte aber auch zum Problem werden. Mit einer Studienkollegin aus Göppingen, die ich im Germanistik-Seminar kennenlernte, hatte ich damals ein Referat über Georg Büchners Woyzeck vorzubereiten. Natürlich schleppte ich sie zu „Mr. & Mrs. Smith“ , wo die Verfilmung mit Klaus Kinski im Regal stand. Weil auch sie Spaß daran hatte, in der Klassiker-Abteilung zu stöbern, verbrachten wir den ganzen Samstagnachmittag zwischen den Filmhüllen. Nun denn, und den Samstagabend schließlich in ihrer Wohnung in der Neckarstadt-West, wo wir ihren absoluten Lieblingsfilm schauten – „Vom Winde verweht“. Es war ein Erlebnis der besonderen Art. Ich hatte eine Frau vorher noch nie fünf Stunden lang heulen sehen. Zum Glück gab es reichlich Rotwein – und rauchen durfte man dort auch.
Das Internet und der Preisverfall der DVD besiegelten das Ende der Videothek
Das Jahr 2012 wird vielen Filmfans in schlechter Erinnerung bleiben. Damals nämlich besiegelten das Internet und der Preisverfall der DVD das Aus der Kult-Videothek, die sich so viele Jahre schräg gegenüber vom Blockbuster-Kino Cinemaxx in den M-Quadraten befand. Die DVDs konnte Steffen Lückehe verkaufen, mehrere hundert Videos musste er zur Müllverbrennung karren. „Filme sind gute Freunde“ hat Lückehe einmal gesagt. Ich wollte mir nie vorstellen, wie der Filmliebhaber sich an diesem Tag wohl gefühlt haben mag. Den Schwarz-Weiß-Klassiker „Casablanca“ habe ich mir übrigens immer noch nicht gekauft. Dafür freue ich mich jedes Mal wie ein kleines Kind, wenn er spätnachts im Fernsehen gezeigt wird. Der Autor Oliver Seibel (44) lebt seit 22 Jahren in Mannheim. Seit 2010 schaut er als Redakteur für die „Rheinpfalz“ über den Rhein und berichtet aus der Stadt mit den Quadraten. Er schwört auf Röhrenfernseher.