Rheinpfalz Maidan: Die Revolution ohne Politiker

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Es wird viel gesungen in dem Dokumentarfilm „Maidan“ des ukrainischen Regisseurs Sergei Losnitza; immer wieder die Nationalhymne, „Vitio, ciao, Vitio ciao“ (nach der Melodie von „Bella ciao“, gemeint ist der Moskau hörige Staatspräsident Viktor Janukowitsch, der verschwinden soll), Weihnachtslieder, liturgische Gesänge. Das Singen stärkt die Gemeinschaft der etwa einer halben Million Ukrainer, die ab November 2013 auf dem Maidan-Platz, dem großen Platz in Kiew, protestierten. Doch was soll ein zweistündiger Dokumentarfilm bieten, was die Fernsehbilder nicht schon erzählt haben?

Losnitza zeigt die 90-Tage-Revolution in Abschnitten. Etwa zehn Minuten dauert jede Sequenz, aufgenommen mit starrer Kamera: den Platz abends, den Platz tagsüber. Menschen gehen in ein Haus, Menschen arbeiten in der Küche, um die Demonstranten mit Essen zu versorgen. Später, wenn aus der friedlichen Demonstration eine blutige wird mit Rauchbomben und Straßenschlachten, bleibt die Kamera starr, mal aus der Sicht der Polizisten, mal aus der Perspektive der Demonstranten. Mitten unter den Demonstranten steht die Kamera und macht den Zuschauer so zum unmittelbaren Teilnehmer. Das konnten die typischen Reporter-Fernsehbilder nicht. Und deshalb braucht man auch die langen Einstellungen und die große Leinwand, damit man sich wirklich einfühlen kann in diese einmalige Atmosphäre, die Weite des Platzes und die dicht an dicht stehenden Menschen. Neu ist auch, dass man zwar Reden und Parolen irgendwo im Hintergrund hört, aber bewusst nicht gesagt und gezeigt wird, wer da spricht. Die Politiker bleiben außen vor. Es geht um das Volk, um die Ukrainer, die jeden Tag ein bisschen mehr merken, dass sie ein Volk sind. Hautnah erlebt man mit, wie sie beginnen, sich allmählich als Nation zu fühlen. Die Bilder dazu sind nicht immer einfach zu konsumieren, aber sie sind brillant fotografiert und emotional, vor allem am Ende, im Februar 2014, wenn der toten Helden gedacht wird und der Platz von spärlichen Lichtern erleuchtet wird: den roten Grabkerzen und den kleinen rechteckigen Lichtern der Handys, die alle hochhalten. Andrea Dittgen

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