Rheinpfalz Lego: 60 Jahre Plastiksteine
Heute vor 60 Jahren wurden die Lego-Steine patentiert. Fortan bauten sich Kinder ihre Welten, planten Städte und flogen ins All, waren Prinzessinnen oder Piraten. Nun erobert das Spielzeug des 20. Jahrhunderts die digitale Welt der heutigen Zeit.
Sogar die genaue Uhrzeit kennt das Unternehmen. 13.58 Uhr. Zwei Minuten vor zwei am 28. Januar 1958 stand Godtfred Kirk Christiansen vor einem Beamten des dänischen Königs und reichte einen Patentantrag ein. Sechs vergilbte Seiten, zur Hälfte Text, zur Hälfte Zeichnungen; sie werden heute im Haus des Firmengründers in einer Vitrine ausgestellt wie ein kostbares mittelalterliches Evangeliar. Ein neues Spielzeug hatte Godtfred Kirk Christiansen erfunden, einen Baustein aus Plastik mit zweimal vier Noppen oben und drei Röhren auf der Unterseite. Die Röhren ermöglichten es, dass die Klötzchen besser zusammenhafteten als diejenigen anderer Hersteller. Godtfred Kirk Christensen erhielt das Patent mit der Nummer 92683. Der Lego-Stein war geboren. Das Spielzeug des 20. Jahrhunderts. Die Firma mit Sitz in der dänischen Kleinstadt Billund war 1916 von dem Tischler Ole Kirk Christiansen, dem Vater des Tüftlers, gegründet worden. Der alte Christiansen ließ Klötzchen aus Holz fertigen, mit denen Kinder auf traditionelle Art Puppenhäuser im Miniaturstil erstehen ließen. 1934 erfand der Firmenchef für seine Spielsachen den Markennamen Lego. Er leitet sich aus dem dänischen Begriff „leg godt“ ab, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „spiel gut“. Wer seine Bildung unter Beweis stellen will, kann in Lego auch das lateinische „ich lese“ oder „ich sammle“ hineininterpretieren – es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass der biedere dänische Handwerker je daran gedacht hat.
Lego nicht Erfinder der Kunststoffsteine
Während Vater Ole zeitlebens dem hergebrachten Holzhandwerk verhaftet blieb und den Siegeszug seines Unternehmens durch die Kinderzimmer der Welt nicht mehr erlebte (er starb 1958, im selben Jahr, in dem sein Sohn den Noppenbaustein zum Patent anmeldete), war Sohn Godtfred fasziniert von einem modernen Werkstoff, der dem 20. Jahrhundert seinen Stempel aufdrücken sollte. Kunststoff war das Material, aus dem Spielsachen fortan hergestellt werden sollten. Wer hat die Sache mit den Kunststoffsteinen erfunden? Die Dänen? Falsch. Es waren die Engländer. Schon gegen Ende der 1930er-Jahre hatte die britische Firma Kiddicraft solche Spielzeuge produziert. Da die Firma ihr Patent aber nur für Großbritannien erworben hatte, konnte Lego seine Steine ohne Probleme international vertreiben. Seit 1963 werden Legosteine aus Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymerisat, kurz ABS, gefertigt, einem matt glänzenden und sehr harten Kunststoff. Als Granulat angeliefert, werden die kleinen Körnchen in Spritzgussmaschinen in dänischen, tschechischen und mexikanischen Spezialfabriken auf 232 Grad erhitzt und dann zu einer Form gepresst, die höchstens einen Tausendstel Millimeter von der Norm abweichen dürfen. Eine Noppe misst exakt 1,7 Millimeter – es muss ja schließlich alles passen. Kratz- und bissfest sind die Klötze, formbar und elastisch und doch bruchfest. Ideal für kleine Hände. Außerdem für Kleinkinder, die ihr Spielzeug gern in den Mund nehmen, völlig ungefährlich, wie der Konzern versichert.
Apple der Spielzeugindustrie
Lego wurde so etwas wie das Apple der Spielzeugindustrie, die Noppensteine waren bei Kindern begehrt wie heute das iPhone X bei Erwachsenen. Unendlich vielseitig sind sie. Nach Angaben von Lego gibt es für sechs Steine einer Farbe mit zwei mal vier Noppen Millionen Kombinationsmöglichkeiten. Der kindlichen Fantasie sind mithin keine Grenzen gesetzt. Fortan betätigten sich Babyboomer als Stadtplaner und Verkehrslenker. Wobei sich die Legostadt der 1960er-Jahre an amerikanischen Vorbildern orientierte und eine für Fußgänger gefährliche Angelegenheit darstellte. Die Straßen waren breit, Bürgersteige gab es nicht, lediglich Zebrastreifen an kleinen Ampeln. Kein Haus wurde errichtet ohne eine Garage, die mit Zwei-Noppen-Steinen um ein Tor herum gebaut werden musste, das sich bei der Berührung des Spielzeugautos wie von Geisterhand öffnete. Mitten in den Hochhausschluchten versorgte eine Tankstelle die schicken Cabrios der jungen Stadtplaner mit Benzin, das von riesigen Tanklastern geliefert wurde. Typisch deutsch in der Legostadt waren hingegen die Eigenheime, mal mit großen, mal mit kleinen Fenstern, aber immer mit einem Jägerzaun. In modernen Versionen konnte man sie beleuchten, sie trugen Walmdächer mit knallroten Ziegeln, und es bedurfte einer ausgeprägten Fingerfertigkeit, um den First fertigzustellen, ohne dass zuvor das Dach einstürzte. Die Seele von Lego liegt im Ausprobieren, im Schaffen und im Verwerfen und in der Erkenntnis, dass beides schöpferische Prozesse sind. Nichts in dieser Welt ist von Dauer. Eine Bitte an die erwachsenen Leser: Schließen Sie, wenn Sie diesen Satz gelesen haben, für einen Moment die Augen. Denken Sie an das Geräusch, als Sie mit zwei Händen in die Kiste griffen, in der die unsortierten bunten Steine lagen. Wie Sie die unterschiedlichen Steine auf dem abgewetzten Teppich in Ihrem Kinderzimmer ausbreiteten und überlegten, was man Sinnvolles und Schönes aus dem Chaos erschaffen kann. Sie waren der Schöpfer der Welt.
Kindern eigene Welt ermöglichen
Lego machte den Kindern keine Vorschriften. Jungen und Mädchen, die mit den Steinen spielen, sind selbstbestimmt. Ihre Fantasie wird gegenständlich. Sie sind gleichzeitig Maurer, Bauherr und Architekt, sind Arbeiter der Faust und Arbeiter der Stirn, wie man in der legolosen Ostzone gesagt hätte. Karl Marx, er feiert dieses Jahr ebenfalls einen runden Geburtstag, seinen zweihundertsten, lehrte, dass der Mensch durch Arbeit sein Wesen zum Ausdruck bringt, dass er sein Selbst in die Welt stellt. Aber mit der Zeit geriet Legos heile Welt ins Wanken. Der Patentschutz, den Godtfred Kirk Christiansen am 28. Januar 1958 erwirkt hat, lief nach 20 Jahren ab, und andere Branchen können ein Lied davon singen, wie gut Asiaten kopieren können. Doch das ist nicht das Hauptproblem des dänischen Marktführers, der auf dem deutschen Spielemarkt Ravensburger und Playmobil noch immer in puncto Umsatz auf die Plätze verweist. Das Kino und die digitale Welt konkurrieren mit den Dänen um die Aufmerksamkeit der Kinder, die nun lieber vor der Playstation saßen, als Klötzchen aufeinander zu häufen. Lego reagierte und startete durch zu den Sternen. Vom Medienimperium Lucasfilm erwarb der Konzern das Recht, Figuren der Star-Wars-Filme zu produzieren. Nun tummelten sich der düstere Darth Vader, der komische Droide R2-D2 und die anmutige Prinzessin Leia neben dem Raumschiff Milleniumfalke im Kinderzimmer. Lego ist nun nicht länger der gütige Onkel, der einfach sagt: nimm und spiel’. Ein Unternehmen, das Kindern eine eigene Welt ermöglicht hat, baut einfach die erfolgreichen Modelle der Medienindustrie nach. Geschichten in der Legowelt denkt sich nicht mehr der einsame Junge, das schüchterne Mädchen in seiner Kammer aus. Harry Potter liefert jetzt die Storys. Aber die Spur der Steine ist 60 Jahre nach ihrer Patentierung noch nicht verwischt. Wer heute ein Päckchen Legosteine kauft, kann sie immer noch mit den alten kombinieren. Das tun auch viele Erwachsene, die sich ihre Kreativität nicht rauben lassen. Auf diese Steine können sie bauen.