Kultur Südpfalz Launige Schöpfungsgeschichte

Am Anfang war der Stier. Er hieß Paco und war eine französische Bulldogge. Im Karlsruher „Studio“ waren auf seinen kleinen Kopf neben den Fledermausohren mächtige Hörner montiert – ganz wie bei dem mythischen Rindvieh, in das sich in der griechischen Sage der Göttervater Zeus verwandelte, um die Königstochter Europa zu entführen.
Und um Europa geht in der Aufführung mit dem grotesken Titel „Europa flieht nach Europa“. Der drollige Paco-Stier mutiert freilich zum spanischen „toro“ im Mittelpunkt einer ironischen Bühnen-Corrida, bei der fünf elegante Toreros ein „dramatisches gedicht in mehreren tableaus“ um Utopien, Ursprung, Gang, Sinn und Segen Europas durchspielen – ein mythologischer Jux mit (bisweilen) tieferer Bedeutung von der österreichischen Autorin Miroslava Svolikova. Das Stück umkreist in wechselnden Bildern, dialogischen Szenen und ausgedehnten Tiraden die sagenhafte Entstehung, aber auch die Abgründe Europas unter historischer, mitunter ideengeschichtlicher Perspektive und berührt dabei unterschiedliche Aspekte und Ebenen. Dabei bewegt die Autorin einen ganzen Weltkreis von Problemen, den sie mit einer Mischung aus galligem Humor, provokanter Pointierung und angestrengter, auch spröder Betrachtungslust abschreitet. Das erinnert an die Textflächen von Elfriede Jelinek, erzählt keine Geschichte und gibt für die Bühne wenig her. Die Karlsruher Inszenierung von Alia Luque räumt den kunstreich brodelnden Tiefsinn dieser Vorlage resolut ab, orchestriert deren Wortfülle zu unterhaltsamer Sprachspielerei, tilgt viele düsteren Seiten des Werkes und dekonstruiert den Text so beherzt, dass vom Original wenig übrig bleibt. Schon der Auftakt mit dem putzigen Paco als Stier-Parodie setzt Signale: Hier geht es um Spaß, um fidele Respektlosigkeit, um freche Variationen des Mythos, dem so alle Schwere und Bedeutungshuberei genommen wird. Und tatsächlich macht der aufgekratzte Abend tolles Theater aus einem eher schwachen Stück. Das Quintett der Toreros entwickelt auf der halbrunden, von Vorhängen umgrenzten Bühne (Christoph Rufer) einen kreativen, animierten Spielspaß, der die Grenzen von Rollen und Zeit souverän ignoriert, mit Entsetzen Scherz treibt, Kritik in Galgenhumor kleidet, immer wieder mal die „vierte Wand“ durchbricht, listige Verfremdungen einbaut und mit „spontanen“ Improvisationen das amüsierte Publikum bei entspannter Laune hält. Dass dabei bisweilen die Kurzweil ein wenig lang gerät, manche Witzelei übertrieben erscheint, den Darstellern die Freude am theatralen Purzelbaum etwas üppig ins Kraut schießt und weniger oft wohl mehr gewesen wäre, ist ebenso wenig zu bestreiten, wie das Vergnügen der Zuschauer. Keine Requisiten, keine Videos oder sonstigen szenischen Zutaten trüben die Freude am munteren Treiben der Ensembles, das geradezu entfesselt aufspielt und dabei schöne Talente offenbart. So zeigt sich Sonja Viegener in ihrer koboldhaften Lockerheit, anmutigen Tanzfreude und energischen Lust am engagierten Mit-Spiel als mitreißende Triebkraft. Auf ebenso ergötzlichem Niveau erweist sich Heisam Abbas als komische Rundum-Begabung. Antonia Mohr überrascht mit wunderbar leichtfüßigem Humor, Claudia Hübschmann, neu im Ensemble, steuert subtil geschliffene Momente bei, und Thomas Prenn liefert das liebenswert naive Porträt eines staunenden Zeitgenossen ab. Die gut gelaunte Truppe spielt den in dieser Fassung eher belanglosen Text mit so viel Charme und entwaffnender Frische, dass das infizierte Publikum der Premiere wie befreit applaudierte. Nächste Aufführungen am 13. und 26. Oktober im „Studio“ des Karlsruher Staatstheaters. Karten unter Telefon 0721 933333 sowie im Internet, www.staatstheater.karlsruhe.de.