Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Kunsthalle Karlsruhe zeigt „Archistories“ in der wiedereröffneten Orangerie

Futuristischer Rückzugsort in der Einsamkeit des Fjords: „Wittgestein’s Cabin 10“ von Dionisio Gonzalez. (2021)
Futuristischer Rückzugsort in der Einsamkeit des Fjords: »Wittgestein’s Cabin 10« von Dionisio Gonzalez. (2021)

Mit der Sanierung hat die Kunsthalle ihr Zuhause verloren. „Archistories“ ist dennoch keine Dystopie, sie umkreist unsere Bedürfnisse an Architektur heiter in 100 Werken.

Inspiration für die Ausstellung war nicht die 2023 gestartete Sanierung des angestammten Heinrich-Hübsch-Baus der Karlsruher Kunsthalle, eines der ersten Museumsgebäude Europas, ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Malerei und Skulptur. Und auch nicht die Corona-Pandemie, die viele Menschen zum Rückzug in ihre eigenen Behausungen zwang. Es war der Zufallsfund eines Praktikanten in den Archiven: Zwei Kladden mit Ornamentstudien, die 1861 aus dem Nachlass Friedrich Weinbrenners in die Großherzogliche Sammlung kamen, entpuppten sich als Arbeiten Giovanni Battista Piranesis. Sie sind nun erstmals öffentlich zu sehen.

Das Architekturstück ist eine eigene Gattung in der Kunst. Schon im Mittelalter haben Maler mit markanten Gebäuden im Hintergrund den Schauplatz des Gezeigten verortet. Doch auf solche frühen Arbeiten aus der eigenen Sammlung hat die Kuratorin Kirsten Voigt verzichtet. Denn so froh die Kunsthalle um die wiedergewonnene Freiheit ist: Die Orangerie mit ihrer wunderschönen Rotunde bleibt auch nach der Sanierung klimatechnisch schwierig.

Ausschnitt aus Helmut Wimmers Endzeitstimmung „The Last Day“ (2018)
Ausschnitt aus Helmut Wimmers Endzeitstimmung »The Last Day« (2018)

Von Piranesis berühmten düsteren Kerkerfantasien „Carceri d’Invenzioni“, die ab 1760 entstanden, spannt die Ausstellung einen Bogen bis zu Videoinstallationen – zeitgenössische Arbeiten überwiegen sogar. Vom großen Meister der Veduten ist neben den entdeckten Studien ein Kupferstich von römischer Bogenarchitektur mit zwei Löwenreliefs im gekonnten Spiel aus Schatten und Licht zu sehen. Gleich um die Ecke meint man, vor der Vergrößerung eines Ausschnitts zu stehen, der in Flammen steht wie 2019 Notre Dame in Paris: Nicolas Daubanes’ „Planche XIV: l’arche gothique en feu“ von 2022. Der Clou: Es ist keine Zeichnung. Der Franzose ritzt seine Motive in eine magnetische Oberfläche, auf der sich Eisenspäne dann zu flauschig wirkenden Linien ballen. Auch Laurent Goldring spielt auf „Piranèse“ an, wenn er beim Eiffelturm auf das Gewirr der Stahlträger zoomt.

Der Zuschauer wird zum Voyeur

Am längsten werden Besucher wohl vor zwei Arbeiten verweilen – beides Videos. Das eine macht den Zuschauer zum Voyeur eines verbotenen Drehs: Niklas Goldbach entdeckte 2017 als Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles die Immobilienanzeige für „1550 San Remo Drive“ in Pacific Palisades. Hinter der unscheinbaren Adresse, angepriesen für seine schöne Lage, versteckt sich das Haus, das sich Thomas Mann 1942 als Zuflucht vor den Nazis bauen ließ.

Die heimlich aufgenommenen, ruhigen Kamerafahrten zeigen das schöne Anwesen mit großzügigem Pool und Bananenstauden als Lost Place mit bröckelndem Putz, in dem die eingeblendeten Zitate aus Manns Tagebuch nachhallen. Als Sitzgelegenheit und Deko erinnern Umzugskisten an das Schicksal der Exilanten. Die Geschichte nahm ein gutes Ende: Die Bundesrepublik erwarb das Haus, das nach Jahrzehnten zum ersten Mal zum Verkauf stand, und machte ein Begegnungszentrum daraus.

Der zweite Film – eine Stunde lang – stammt von Hito Steyerl, die 2023 den Pirmasenser Hugo-Ball-Preis erst ablehnte und dann nach Aufarbeitung antisemitischer Schriften des Dadaisten doch annahm. Die Wahlberlinerin hat sich 1998 in ihrer einstündigen Dokumentation „Die leere Mitte“ mit dem urbanen Raum befasst, der nach dem Mauerfall plötzlich wieder zum Zentrum einer Hauptstadt wurde. Der Film geht den Spuren der deutschen Geschichte nach, die sich hier wie in einer Zeitkapsel verdichtet haben, und deren Souvenirjägern.

Futuristischer Rückzugsort

Wer im Februar über die Art Karlsruhe geschlendert ist, dem ist höchstwahrscheinlich Dionisio González’ visionäre „Wittgenstein’s Cabin 10“ ins Auge gefallen, mit dem die Kunsthalle für die Schau warb. Der deutsche Philosoph hatte sich 1914 in der Abgeschiedenheit eines norwegischen Fjords eine spartanische Hütte bauen lassen, um seinen berühmten „Tractatus Logico-Philosophicus“ zu schreiben. Der spanische Künstler hat diesen Rückzugsort zukunftstauglich gemacht: Autark wirkende Kabinen, die an amorphe Raumkapseln erinnern, scheinen selbst dem Klimawandel trotzen zu können.

„Archistories“ – das lässt sich je nach Silbentrennung lesen als Geschichten oder Geschichte, und darin steckt nicht nur Architektur, sondern auch das englische Arch. Dem Bogen ist eine eigene Ecke der Ausstellung gewidmet. Hier ist neben klassischen Darstellungen auch eine Textil-Arbeit von Nevin Aladag zu sehen, die in diesem Jahr mit dem Landespreis für Bildende Kunst Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde.

Kunst aus der Vorratskammer

Das Bauen scheint dem Menschen in den Genen zu stecken. Schon die Kleinkinder üben sich an Brücken oder Türmen aus Bauklötzen. Für humorvolle Momente sorgt in der Ausstellung Alain Delorme in seinen Corona-Arbeiten „Quarantine“ von 2020, für die er Produkte, die Menschen daheim horteten – Klopapier, Weinflaschen, Fischstäbchen, Nudeln – zu Skulpturen stapelte.

Natürlich bietet der Rundgang auch junge und ältere Beispiele für die magische Anziehungskraft von Architektur, von Reihungen in Säulengängen oder Fensterfronten. Zu Beginn des vergangenen Jahrtausends waren viele Künstler vom Fortschritt und vor allem der Geschwindigkeit fasziniert, die in Großstädten zu ungewohnt hektischem Treiben kulminierte. Heute triggert den Betrachter mehr, wenn eine im Wortsinn verrückte Perspektive ihn befremdet. Wenn sich eine wie Beate Gütschow den Gesetzen des Sehens verweigert wie in ihrem „Hortus conclusus #4“, in dem alle Linien parallel verlaufen, was Bäume und Mauern zusammenhanglos, verloren wirken lässt.

Julia Oschatz’ Videoinstallation „Unter Tagen“.
Julia Oschatz’ Videoinstallation »Unter Tagen«.

Julia Oschatz irritiert in ihrer großen Videoinstallation „Unter Tagen“ den Besucher gleich am Eingang: Sie treibt ein illusionistisches Spiel mit unserer Wahrnehmung, wenn sie durch das imaginäre Fenster eines mit weißen Strichen auf schwarzem Grund skizzierten Raums rutscht und eine unsichtbare Treppe hinaufsteigt. Das absurde Theater auf dieser Art Guckkastenbühne endet in Slapstickmanier in einer Lache weißer Farbe. Minimalistischer sind die Videos von Samuel Beckett, in denen der Raum erst als solcher erkennbar wird, indem Menschen ihn abschreiten.

Und schließlich geht es in Karlsruhe auch um die Zerstörung von Lebensraum – erst romantisch verklärt in Bildern malerischer Ruinen. Dann aber auch bedrohlich wie in Erwin Spulers Ölgemälde „Zerbombte Häuser“ oder in Laurent Goldrings Video davon, wie Bagger in zehn Minuten ein Sinti-Hüttendorf dem Erdboden gleichmachen. Dass einem die Intimität des eigenes Heims auch klaustrophobisch zu Leibe rücken kann, zeigt Artur Peter Stolls hypnotisches Gemälde seiner Atelierwand: „Für Kafka und meinen toten Bruder“.

Die Ausstellung

Bis 12. April in der Orangerie der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, Hans-Toma-Straße 6: Di-So 11-18 Uhr, Do bis 20 Uhr.

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