Rheinpfalz Kreis Südwestpfalz: Geschichten eines Schornsteinfegers
Ein Schornsteinfeger tut weit mehr als den Kamin zu säubern. Das Arbeitsspektrum der Herren in Schwarz hat sich erheblich erweitert in den vergangenen Jahren. Im Außendienst kann ein Schornsteinfeger so einiges erleben. Davon kann der Eppenbrunner Alexander Gruß ein Lied singen, der seit 1. Januar den Kehrbezirk Südwestpfalz 10 zugesprochen bekam. Tote Kunden, defekte Dächer und Messiewohnungen bekommen Gruß und seine zwei Mitarbeiter Timo Voos und Jürgen Kettering öfter zu sehen, als ihnen lieb ist.
Zu Gruß` Kehrbezirk gehören Lemberg, Ruppertsweiler, Hinterweidenthal, Teile von Dahn und die Ruhbank. 2700 Häuser sind dies. Die Schornsteine habe er noch nicht gezählt, meint Gruß lachend. Die Größe eines Bezirks sei immer so bemessen, dass das Trio ein Jahr braucht, bis alle Häuser durch sind. Dann können die drei wieder von vorne anfangen. Vorher war der Eppenbrunner sechs Jahre in Landau tätig. Viel Arbeit machen seit etwa zwölf Jahren die vielen Holzöfen in den Häusern. Etwa um das Jahr 2006 herum seien diese wie Pilze aus dem Boden in den Häusern aufgetaucht, zusammen mit einem munter steigenden Heizölpreis. Die Schwankungen am Heizölmarkt merken Gruß und sein Team immer an der Dreckmenge im Schornstein. Sinkt der Preis, sinkt auch die Leidenschaft der Holzofenbesitzer für das manuelle Zuheizen mit Holz.
Fegen dürfen die anderen
Gruß selbst ist nicht mehr mit dem Kehren der Schornsteine beschäftigt. Der Bezirksschornsteinfeger kümmert sich um die Feuerstättenschau, die zusätzlich zum Kehren und Messen vorgeschrieben sei. Dazu kommen andere Kontrollen wie die Gas-Hausschau oder CO-Messung. Nach Zusatzausbildungen betätigt sich der 39-Jährige inzwischen auch als Energieberater, Brandschutzbeauftragter, schaut nach Schimmelproblemen oder berät zu Rauchmeldern. 47 Kurse hat er schon absolviert. Zum Beruf des Schornsteinfegers kam er über einen Aushang an einem schwarzen Brett. Sein Ausbilder wohnte 100 Meter entfernt von ihm und suchte einen Praktikanten. „Eigentlich wollte ich ja zur Kreisverwaltung, bin jetzt aber froh. Der reine Bürojob ist nichts für mich“, erzählt Gruß. „Man war schon überall in jedem Haus und lernt so viele Leute kennen“, nennt er einen Vorteil seines Berufs.
Messies, Tote und Flinte
Wobei, so wirklich jeden wollte er auch nicht unbedingt kennenlernen. Die ein oder andere Messiewohnung war in seinem Bezirk schon mal dabei und zweimal lebte der Kunde beim vereinbarten Termin nicht mehr. Nachbarn hätten die Tür geöffnet, wo der Tote vom Schornsteinfeger aufgefunden wurde. An einen vermeintlich dritten Toten kann sich Gruß noch lebhaft erinnern. „Die Hausbesitzerin öffnete auch auf Sturmklingeln hin nicht die Tür“, erzählt er. Beim Betreten der Wohnung lag die Frau im Bett und rührte sich nicht. Erst als Gruß mit der Taschenlampe in ihr Gesicht leuchtete, sei sie mit einem gellenden Schrei erwacht. „War ich froh, dass die geschrien hat“, erinnert sich Gruß, der anschließend mit der Frau herzhaft über den Vorfall lachen konnte. Ein andermal schaute er bei einer Messung plötzlich in den Lauf einer Flinte. Der Hausbesitzer hatte geöffnet, ein Bewohner meinte jedoch, es sei ein Einbrecher im Keller.
Vom Dach ins Schlafzimmer durchgebrochen
Auf die Dächer der Kunden muss er selbst heute kaum noch. Das erledigen seine Mitarbeiter, und die müssen mitunter sehr hoch hinaus. In Hinterweidenthal muss viermal im Jahr ein 25 Meter hoher Kamin einer Firma gereinigt werden. Da braucht es eine extra große Bürste und jedes Mal fällt eine Schubkarre voll Kehrdreck an, erzählen Voos und Kettering, die diesen Job zu erledigen haben. Problematischer sind die nicht ganz so gut gepflegten Dächer, die mancherorts zu finden sind. Mehrmals sind Gruß und seine Mitarbeiter hier schon durch ein Dach eingebrochen. Voos landete so beinahe sogar im Schlafzimmer eines Kunden. Mit den Armen konnte er sich noch halten, während unten die Beine über dem Bett gebaumelt hätten, kann er sich noch lebhaft an den Vorfall erinnern. Einen sogenannten Kehrverweigerer hat Gruß nur einmal in Landau erlebt. Die offenbar verwirrte Frau weigerte sich trotz Polizei, ihn kehren und messen zu lassen. „Bis jetzt haben wir es aber immer noch durchgesetzt“, so Gruß.
Kehrbezirke werden nicht mehr lebenslang vergeben
Der neue Bezirksschornsteinfeger Gruß ist nur für sieben Jahre bestellt worden. Bis 2010 wurden Kehrbezirke auf Lebenszeit vergeben. Heute muss sich ein Schornsteinfegermeister bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion bewerben und wird in einem Auswahlverfahren ermittelt. Nach sieben Jahren muss er sich erneut bewerben.
Weniger fegen, mehr beraten
Generell hat sich das Berufsbild des Schornsteinfegers deutlich gewandelt, berichtet Gruß. Der Feger wird mehr und mehr zum Berater. Die Heizungen müssen weniger oft geprüft werden, da die vorgeschriebenen Intervalle länger sind. Und generell sei es heute nicht mehr so einfach wie früher, als in jedem Haus mindestens eine Person ganztägig vor Ort gewesen sei. Gerade in den Neubaugebieten ist die Terminfindung ein wahres Kunststück. Unerlässlich ist seine Arbeit auf jeden Fall immer noch. „Wir kosten zwar Geld, aber dafür gibt es viel weniger Unfälle als in anderen Ländern“, meint Gruß.