Karlsruhe
Konzert der Legacy of Wayne Shorter im Karlsruher Tollhaus
Eine Band, die Virtuosen besteht, muss als Kollektiv nicht unbedingt funktionieren. Die Geschichte der Jazz- und Rockmusik ist gespickt mit Negativbeispielen wie die Kollaboration der Supergitarristen John McLaughlin, Al DiMeola und Paco de Lucia, die letztlich nichts anderes hervorbrachte als eine seelenlose Aneinanderreihung technischer Kabinettstückchen.
Den Gegenpol dazu verkörperte seit seinem Gründungsjahr 2000 das Wayne Shorter Quartett. Der in Newark im US-Bundesstaat New Jersey geborene und am 2. März 2023 in Los Angeles verstorbene Tenor- und Sopransaxophonist Wayne Shorter hatte für seine Band drei Ausnahmemusiker um sich geschart: den panamaischen Pianisten Danilo Perez und die beiden US-Amerikaner John Patitucci (Bass) und Brian Blade (Schlagzeug). In den von Publikum und Kritik gefeierten Konzerten gingen die vier Musiker auf eine Entdeckungsreise. Wayne Shorters Kompositionen dienten als Grundgerüst für spannungsgeladene Interaktionen und solistische Exkursionen, die in ihrer Komplexität und ihrer eruptiven Sinnlichkeit ihresgleichen suchte.
Blindes gegenseitiges Verständnis
Aber funktioniert dieses Konzept, das jedem Musiker die maximale Freiheit bei gleichzeitiger maximal möglicher Einbindung in das Kollektiv bietet, auch ohne den großen Wayne Shorter? Es funktioniert und es funktioniert sogar hervorragend. Danilo Perez, John Patitucci und Brian Blade haben durch ihre sich über zwei Jahrzehnte erstreckende Zusammenarbeit ein blindes gegenseitiges Verständnis entwickelt, das ein Netz bildet, in das sich auch der Vierte im Bunde ohne jegliche Ängste fallen lassen kann.
Der wunderbare Tenorsaxophonist Mark Turner war bereits Mitglied der Legacy of Wayne Shorter. Auf der aktuellen Europatournee, auf der Karlsruhe die einzige Station in Deutschland war, übernimmt Ravi Coltrane den Bläserpart. Der Sohn des großen John Coltrane hat sich aus dem Schatten des Vaters herausgespielt und einen Stil entwickelt, der zwar den Geist des legendären Vaters atmet, laut Experten aber mehr dem Hardbop eines Dexter Gordon verpflichtet sei. Ravi Coltranes Spiel auf der Tollhausbühne hat aber eine derartige Präsenz und Intensität, dass sich solche Vergleiche schnell erübrigen. Er hat seinen unverwechselbaren Stil gefunden und passt in dieser Hinsicht auch perfekt zur Stammformation des Legacy-Projekts.
Klingelton improvisatorisch verarbeitet
Es ist die unbändige Lust am Improvisieren und am musikalischen Dialog, die alle Musiker auf der Bühne eint. Perez spielt zwei Akkorde, wiederholt sie mehrfach. Sie sind eine Einladung, Brian Blade ist der erste, der sie annimmt. Er streut ein minimalistisches Drumpattern ins Gespräch ein, das Patitucci mit einer griffigen Bassfigur bereichert. Dieses Miteinander sprechen beginnt meist dezent und unaufdringlich, aber die Musiker sind Meister darin, Spannung aufzubauen. Vor allem Brian Blade versteht sich vortrefflich darauf, retardierende Momente zu generieren, um dann plötzlich regelrecht zu explodieren und furios wirbelnde Rolls ins musikalische Geschehen einzustreuen.
Danilo Perez ist ein klassisch ausgebildeter Pianist, in dessen Spiel die Grooves und Harmonien der lateinamerikanischen Musik mit dem vorwärtstreibenden pulsierenden Swing des Jazz verschmelzen und das von schlüssiger Melodik geprägt ist. Grandios, wie er die Klingeltonmelodie eines Smartphones in sein melodiöses Intro einfließen ließ. Wie Perez ist auch Ravi Coltrane ein beseelter Improvisator, der sich auf lyrische Momente ebenso versteht wie auf expressive Eruptionen. Patitucci entwickelt seine Linien derart stringent, dass sie eine besonders suggestive, emotionale Kraft entwickeln. Als Zugabe spielt das Quartett Shorters Klassiker „Footprints“, dessen Intro Perez und Coltrane pfeifen. Sie hatten offenkundig großen Spaß an diesem Konzert, das vom Publikum stürmisch bejubelt wurde.