Rheinpfalz Keine Kabinenpredigt ohne Erik
«TRULBEN.» Wenn Eric Groh, Trainer der Fußballer des SV Trulben, seine Elf auf ein Spiel einstimmt, dann darf einer in der Kabine nicht fehlen: Erik Schilling. Der 46-Jährige ist mit dem Down-Syndrom zur Welt gekommen, gehört aber dennoch fest zur Trulber Mannschaft. Keiner verlässt die Kabine, ohne dass er mit „Boss“ Erik abklatscht.
Am 8. April war in Trulben Derby-Zeit: Die Kicker des SV Trulben empfingen in der C-Klasse Ost die Spielgemeinschaft Kröppen/Vinningen. Keine Frage, dass auch Erik Schilling den 7:1-Erfolg der Gastgeber vor Ort miterlebte. Seit 2006 ist der 46-Jährige stets mit von der Partie. Und zwar nicht nur als Fan am Spielfeldrand, sondern quasi als Teil der Mannschaft, wenn Trainer Eric Groh seine Elf in der Kabine für die nächste Partie einstellt und die letzten taktischen Anweisungen gibt. Niemand geht auf’s Feld, ohne dass er mit Erik abklatscht. Und geht es Erik einmal nicht gut, dann sorgen sich auch die Fußballer um ihn. Etwa beim Spitzenspiel in Erfweiler, wo Erik gesundheitliche Probleme bekam. Da seine Eltern noch nicht da waren, kümmerten sich die Reservespieler um ihn, in der Halbzeitpause gleich die ganze Mannschaft. Als er in die Notaufnahme des Pirmasenser Krankenhauses gebracht wurde, hieß es: „Jetzt spielen wir für den Erik“, erinnert sich Trainer Eric Groh. 5:1 haben die Trulber gewonnen und sich an die Tabellenspitze gesetzt. Mit den drei Punkten im Gepäck besuchte die Mannschaft Erik dann am Abend zuhause. Dem ging es da schon wieder besser. Mit 20 Mann wurde bei Schillings dann zünftig gefeiert. Eric Groh holt Erik immer zu den Spielen ab. „Inzwischen sagt er zu den Spielbesuchern, er wäre der Boss und ich sein Assistenztrainer“, berichtet Groh lachend. Kann Groh „seinen Boss“ einmal nicht mitnehmen, springt seine Ehefrau Heidi ein. Keine Frage, dass Erik die gleiche Sportkleidung bekommt wie die aktiven Spieler. Bei der Weihnachtsfeier ist er es, der den Kickern die Geschenke überreichen darf. Er selbst bekam von Eric Groh jüngst zu seinem Geburtstag einen weiteren Fanschal der Betzebuben, den er voller Stolz präsentiert. Und das obwohl er weiß, dass es beim FCK derzeit längst nicht so rund läuft wie bei den Trulbern. „Das sieht nicht gut aus“, sagt Erik mit Blick auf die Chancen auf den Klassenerhalt. Eriks Eltern, Rudi und Waltraud Schilling, freuen sich, dass ihr Sohn von den jungen Fußballern des Sportvereins an- und aufgenommen wird. Sie sind dankbar, dass er fester Bestandteil der Mannschaft ist. Die Jugend ist nicht so schlecht, wie sie oft gemacht wird, stellen sie heraus. Dass Erik mit seinen 46 Jahren noch immer am Fußballplatz steht, ist nicht selbstverständlich. Die Ärzte sagten ihm nämlich eine Lebenserwartung von nur 20 Jahren voraus. Erik wurde zwei Jahre nach seinem älteren Bruder Peter geboren. Sechs Wochen nach der Geburt in Pirmasens bekamen Rudi und Waltraud Schilling dann die niederschmetternde Diagnose: Ihr Sohn hat das Down-Syndrom. Nach dem Bekanntwerden seiner Erkrankung kam Erik bald zu den „Kimmle-Kindern“ in Pirmasens. Dort besuchte er den Kindergarten und ging dann bis zur Vollendung seines 18. Lebensjahres in die Schule der Einrichtung. In einem seiner beiden Zimmer im Haus der Eltern hängt inzwischen die Anerkennungsurkunde für 40-jährige Zugehörigkeit zu den inzwischen umbenannten „Pirminiuswerkstätten“. Aktuell arbeitet er dort auf dem Staffelhof und ist in der Produktion von Schläuchen für Bagger tätig, welche die Werkstatt für ein Zweibrücker Unternehmen fertigt. Früher regelmäßig, aktuell eher wechselnd, tritt er mit dem Pirminiuschor der Behinderteneinrichtung auf, wo er den Gesang mit einem der Rhythmusinstrumente begleitet. Morgens um 5 Uhr ist für Erik die Nacht zu Ende. Er steht selbstständig auf, macht sich fertig und wird danach von seiner Mutter zum Bus begleitet, der ihn um 6.45 Uhr in Trulben abholt. Um 16 Uhr ist er wieder in Trulben. Daheim angekommen, schaut er gleich, ob tagsüber Wäsche angefallen ist. Wäsche waschen ist laut seiner Eltern seine große Leidenschaft. Lieber einmal mehr als zu wenig schaltet er nach dem Sortieren der Wäsche die Maschine an. „Das mach ich gerne“, sagt Erik. Mit zum Haushalt gehört der siebenjährige Mischlingshund Billy, den er ausführt. Gut zurecht kommt er auch mit dem Labrador seines Bruders Peter, mit dem er ebenfalls spazieren geht. „Der hört besser auf mich als Billy“, erzählt Erik. Seine Eltern haben das Schicksal ihres Sohnes längst angenommen, kümmern sich voll und ganz um das Wohl ihres Sohnes. Als sie in Trulben noch das Busreiseunternehmen Andreas Reisen betrieben, war ihr Sohn auch mit unterwegs. „Bei Auslandsfahrten nach Irland oder Griechenland war es keine Frage, dass wir Erik mitnehmen“, sagt Vater Rudi. Auch am letzten Sonntag in den Osterferien war Erik mit seinen Eltern und Hund Billy wieder im Bus unterwegs, als dieser nach Trulben geholt wurde, damit Vater Rudi mit seinen 74 Jahren nach Ende der Osterferien wieder die Kinder zur Schule bringen konnte.