Waldsee Kein Arztroman: Eva Mirasol liest
Ob im Gesundheitssektor Humor lebensnotwendig sei, fragt eine Zuhörerin nach der Lesung, die sich durchaus gern des Galgenhumors bedient. „Das werde ich häufiger gefragt“, sagt Mirasol. „Nein. Ich habe sehr viele humorlose Kolleginnen und Kollegen. Aber auch viele mit Humor – dann ist es etwas weniger bedrohlich.“ Nach dramatischen oder traurigen Situationen würde man „gemeinsam schmunzeln, wenn sich ein lustiger Moment einschleicht. Für mich persönlich ist Humor wichtig als Überlebensstrategie.“
„Die Besetzungen sind am Limit und die Bevölkerung wird älter. Und wir auch.“ Das alles ambulant zu regeln, „sei fast nicht zu schaffen. Das System gibt es nicht her, adäquat behandelt zu werden“. Es sei „dem enormen Durchhaltevermögen und der Leidensfähigkeit“ zu verdanken, dass „es irgendwo noch funktioniert“. Dreh- und Angelpunkt hier, um dem Abhilfe zu schaffen: mehr Zeit im System. „Man kann bessere medizinische Entscheidungen treffen, wenn man Zeit zum Reflektieren hat.“ Denn die Probleme und Krankheiten der Menschen brauchen Zeit und am besten eine ganzheitliche Behandlung. Und dazu braucht es mehr Geld, damit mehr Kolleginnen und Kollegen die anderen entlasten können. Aber solange Krankenhäuser Profit machen müssen, leidet wegen Personalmangel die Gesundheit der Bevölkerung und des Personals.
Der Gender Health Gap
Hinzu kommt noch der Gender Health Gap: Da Medikamente nur an Männerkörpern getestet und Schmerzen bei Frauen nicht ernst genommen werden, steht es um die Frauengesundheit besonders schlecht. „Der Herzinfarkt ist der Klassiker“, so Mirasol, die selbst Ärztin war. „Die Symptome sind häufig unspezifisch, sodass er spät erkannt wird.“ Das hänge auch damit zusammen, dass zwar rund 60 Prozent Frauen Medizin studieren, davon aber nur 14 Prozent in leitende Positionen oder in die Forschung kommen. Da fließt das Geld nicht in die Frauengesundheit, obwohl „beide Hälften der Gesellschaft adäquat vertreten“ sein müssen. „Staying alive“ wird für Frauen also tatsächlich zum Überlebenskampf.
Sexismus im Beruf selbst ist ein weiteres, andauerndes Problem. Im Roman wird das deutlich durch Rollenklischees: Männer sind Ärzte und Frauen Krankenschwestern. So fragt ein älterer Herr die frisch gebackene Assistenzärztin Nicki, ob sie tatsächlich studiert habe. Auch das Gespräch zwischen den Frauen, die diesen familienfeindlichen Beruf mit Haushalt und Familie kombinieren müssen, lässt tief blicken. So meint Oberärztin Mareike, dass das nur geht, wenn frau „Mann, Kindermädchen und Mutter“ als tatkräftige Unterstützung hat. „Ich bin auch nur ein Mensch“ ist ihr erschöpftes Fazit für die patriarchal aufgedrückte Mehrfachbelastung. Vom Sexismus in Bewerbungsgesprächen ganz zu schweigen.
Gallig beschriebenen Situationen
Und so sind zwar alle Personen im Roman fiktiv, dafür aber speisen sich die gallig beschriebenen Situationen aus dem Krankenhaus-, speziell aus dem Rettungsdienstalltag. So wird Nicki gleich am zweiten Arbeitstag zur ersten Nachtschicht eingeteilt und insgesamt ins kalte Wasser geworfen. „Das ist ein Problem in vielen Berufen – man ist recht schnell auf sich allein gestellt“, anstatt dass vernünftig eingearbeitet wird. Nur dass im Gesundheitswesen dabei besonders viel auf dem Spiel steht, nämlich die Gesundheit beider Seiten aufgrund fehlender Zeit für ordentliche Diagnosen einerseits und Schichtdienst plus Überlastung andererseits. Nicki ihrerseits muss sich mit Patienten herumschlagen, die eigentlich nichts in der Rettungsstation zu tun haben: Jemand, der Angst vorm Lesen hat zum Beispiel, oder ein anderer, der dessen Ohrläppchen nicht zu ihm zu gehören scheinen.
Die Krone setzen dem Ganzen vier feierwütige Australier auf, die Nicki stundenlanges Arbeiten ersparen, da ihnen tatsächlich nichts fehlt – nur die komplette Kleidung. Mit knapp sitzenden rosa Höschen, der Arbeitskleidung und -farbe des Reinigungspersonals, werden sie nach Hause geschickt. Überhaupt die Kleidung: Da gibt es im Krankenhausalltag strenge Farbkodierungen. Die Hosen für Fachkräfte der Darmspiegelung sind zum Beispiel stilecht braun, während die „Schlafanzughose“ des Rettungsdienstes die Farbe Blau trägt.
„Das muss knacken!“
Und bei der Reanimation geht es alles andere als zimperlich zu: „Das muss knacken!“, meint der Experte, der den Rettungsleuten die Reanimation an der männlichen Puppe „Sven“ beibringt - die je nach Verfassung und Rettungsbemühungen der mehr oder weniger geschickten Hände lauter oder leiser stöhnen, respektive gar keinen Laut von sich geben und blau anlaufen kann. Inklusive der Belehrung, dass „auch ein Mucki-Mann nur zwei Minuten am Stück reanimiert“, so anstrengend ist das Ganze. Tja, da bleibt nur noch eine Frage: Zu welchem Rhythmus drückt es sich am besten? Ganz klar: zu „Staying alive“! Oder gern auch zu „Highway to hell“.