Herxheim
Jungsteinzeit: Herxi bekommt ein Gesicht
Bei einer paläoanthropologischen Ausstellung ab Mitte 2025 wird eine digitale Rekonstruktion seiner Gesichtszüge präsentiert, wie sie auch Forensiker bei Mordopfern erstellen. Der Zufall hat dem Herxheimer Museum die Aussicht auf das besondere Exponat verschafft. Immer wieder besuchen Fachleute die Ausstellung mit Funden der Kultstätte aus der Jungsteinzeit. Als die Teilnehmer einer Grabungstechniker-Tagung in der Südpfalz vorbeischauten, hat die auf Gesichtsrekonstruktion versierte hessische Archäologie-Firma SPAU GmbH in dem berühmten Skelett eine Gelegenheit zur Werbung in eigener Sache gesehen und angeboten, Herxis Gesicht zu rekonstruieren – gratis. Das berichtet Andrea Zeeb-Lanz, Archäologin der rheinland-pfälzischen Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE).
Der Schädel ist bereits aus der Bodenvitrine im Untergeschoss des Museums entnommen und nach Hessen geschickt worden. Bei einer solchen Gesichtsrekonstruktion werden Vergleichsdaten zur Dicke der Weichteilschicht von modernen Menschen zugrunde gelegt. Dabei bleiben Unsicherheiten wie Nasen- oder Ohrenform. Aber wir werden wohl bald einen Eindruck vom Aussehen des jungen Mannes bekommen, der etwa zwischen 5050 und 5030 vor Christus in einer Siedlung der ersten europäischen Bauernkultur starb und dessen Überreste bei der Grabung im Herxheimer Gewerbegebiet West entdeckt wurden.
Herxi gehört zu den Tätern
Der liebevoll Herxi getaufte Mann war zwischen zerschmetterten Knochen in der für die Bandkeramiker typischen Hockstellung mit stark angezogenen Beinen bestattet worden. Noch immer gibt die rituelle Grabenanlage, in der neben Scherben verzierter Keramik und anderen zerschlagenen Artefakten Skelettreste von geschätzt 1000 Menschen gefunden wurden, den Archäologen Rätsel auf. Die Entdeckung des Kultplatzes sorgte international für Aufsehen, auch weil Thesen von Kannibalismus die Runde machten, welche die Forscherin Zeeb-Lanz mit fortschreitendem Wissensstand aber für immer unwahrscheinlicher hält.
Herxi muss jedenfalls zur kleinen Bandkeramiker-Siedlung mit Langhäusern gehört haben, die schon rund 250 Jahre vor dem ungewöhnlichen Kult entstanden war. Laut Zeeb-Lanz hat die Strontiumuntersuchung der Zähne bewiesen, dass er in Herxheim gelebt haben muss und nicht wie die Kultopfer aus entfernten Gebieten stammte. Auch diese waren genetisch gesehen wohlgemerkt Bandkeramiker, keine versprengte Gruppe von Mesolithikern, die die Siedler in den Bergen zusammengetrieben haben. Herxi gehört also laut Zeeb-Lanz nicht zu den Opfern des Massakers, sondern zu den Tätern, den Akteuren. Vielleicht war er eine Art Priester, der den Ahnenkult leitete.
Untersucht wurde Herxis noch vollständig erhaltenes Skelett erst vor anderthalb Jahren von der Tübinger Paläoanthropologin Antje Langer, deren Forschungsprojekt im Herxheimer Museum die Grundlage für die große Ausstellung bilden sollen. Das Ergebnis: Herxi war ein Mann von Ende 20 oder Anfang 30, etwa 1,60 Meter groß. Sein Zahnschmelz ist – anders als bei Zeitgenossen – noch nicht völlig abgenutzt vom Lederkauen und dem Steinabrieb der Mörser im Mehl. Auch müssen die Zähne noch fest in ihren Taschen gesessen haben. Zeichen für einen gewaltsamen Tod hat Langer nicht entdeckt.
Seit 2022 arbeitet sie mehrere Tage pro Woche in Herxheim und im Depot der GDKE in Speyer. Die Anthropologin untersucht die Knochen nicht auf Spuren des Todes, sondern des Lebens: Krankheiten, Belastungen, Alter, Geschlecht, Ernährung. In den Berichten der Ausgräber werden solche Spuren bislang nicht erwähnt – hatten sich die Forscher doch zunächst vor allem auf Indizien für das Massaker wie Schnittspuren konzentriert. Daher hatte Museumsleiterin Lhilydd Frank die Anthropologin beauftragt, die Exponate im Museum noch einmal genau unter die Lupe zu nehmen – ohne invasive Methoden, also die Entnahme von Proben beispielsweise für eine DNA-Analyse. Langer geht morphologisch vor und untersucht Deformierungen und andere Auffälligkeiten. Sie kann also feststellen, ob jemand an Arthrose litt, nicht aber ob er als Albino geboren wurde.
Die Forscherin konzentriert sich auf 16 mehr oder weniger vollständige Skelette. Herxi und zwei weitere Männer, die nachweislich in der Südpfalz lebten, waren in der traditionellen Hockstellung in den Ringgräben zwischen die zertrümmerten Knochen gebettet. Weitere Skelette in Hockstellung waren in Gruben bestattet, wie es bei den Bandkeramikern üblich war. Aber es lagen auch Menschen ausgestreckt in den Gräben zwischen Knochenhaufen. Und dann geben mehrere Torsi Rätsel auf, deren Beine über dem Knie abgetrennt wurden. Da stellt sich für die Forscher die Frage: Warum wurde der eine zerlegt, der andere nicht?
Schon einiges hat Langer über das Leben der ersten europäischen Siedler herausgefunden. Knochen erneuern sich etwa alle sieben Jahre komplett. Und sie passen sich den Tätigkeiten des Menschen an. So zeigen sogenannte Hockerfacetten, dass die Leute von Kindesbeinen an etliche Stunden am Tag in einer für uns ungewöhnlichen Haltung verbracht haben: in der Hocke mit den Fersen auf dem Boden, wie es heute noch manche indigenen Völker etwa in der Mongolei machen. Der Beweis: Alle Schienbeine zeigen eine Art Delle, die sich über dem Fußgelenk ins Schienbein eingeprägt hat. So wie künftige Anthropologen an unseren Knochen vielleicht einen Handy-Daumen, Smartphone-Nacken oder Maus-Arm feststellen werden, sagt Langer.
Ähnliche Dellen hat sie auch an Oberschenkelknochen gefunden – heute würde man ihretwegen auf Reiter tippen. Doch Pferde werden erst seit der Bronzezeit zum Reiten genutzt. Auf was saßen die Menschen der Jungsteinzeit also so lange Zeit mit abgespreizten Beinen? Auf Baumstämmen? Und was haben sie in dieser Haltung gemacht? Gefunden hat Langer auch abgetrennte Wirbelbögen und Knochenabsprengungen am Ellenbogengelenk: Ermüdungsverletzungen, wie sie bei starker Beanspruchung über Kopf passieren können – heutzutage kennt man das Symptom beispielsweise von Speerwerfern. Die Anthropologin hat als Ursache das steinzeitliche Hackbeil im Verdacht, mit dem die Menschen auch Bäume fällten.
Schwammartige Oberflächen hat Langer an Schädeldecken gefunden. Sie deuten darauf hin, dass die Menschen einen übermäßigen Bedarf an Blutbildung hatten, die bei Erwachsenen fast nur noch im Schädelknochen passiert. Vielleicht litten sie an Eisenmangel, Parasiten oder Malaria. „Da wünscht man sich als Anthropologin, auch das restliche Skelett sehen zu können, um mehr über die Lebensgeschichte zu erfahren“, sagt Langer. Auch zwei Kinderschädel hat sie gefunden, deren zentrale Naht verfrüht zusammengewachsen war. Heute würde man so etwas operieren. Damals führte das zu einer starken Verformung des Kopfes, da sich das Gehirn nur noch in Längsrichtung ausdehnen konnte.
Die tiefe Kerbe am Kopf eines Greises, der das für die Jungsteinzeit beachtliche Alter von 60 Jahren erreicht haben muss, zeigt, dass die Menschen schon eine Art von Wundversorgung kannten. Sonst wäre der Mann an einer solchen Verletzung sicher gestorben. Wie gut die Knochen verheilt sind, zeigt, dass er noch lange damit gelebt haben muss. Vielleicht hat er auf die antiseptische Wirkung von Birkenpech vertraut. Funde vom Bodensee beweisen, dass die Menschen es jedenfalls als eine Art Kaugummi nutzten – vielleicht gegen Zahnschmerzen. Denn auch ohne Zucker litten die Leute bereits unter Karies. Bei so manchem Besucher dürften sich die Nackenhaare stellen, wenn sie Kiefer sehen, aus denen drei Zahnwurzeln ohne jeden Schmelz ragen oder deren Knochen durch einen Abszess aufgelöst sind.