Karlsruhe
Junge Gründer tüfteln an neuem App-Universum für Musiker
Auch wenn seit der Eröffnung des Kreativ-Gründerzentrums Perfekt Futur auf dem Alten Schlachthof in Karlsruhe schon einige Jahre vergangen sind, ist das Ambiente noch immer originell. Gleich im Erdgeschoss hat sich ein nettes Café etabliert, während sich in der weitläufigen Halle das Panorama von auf aufstapelten Schiffscontainern öffnet.
In der Blechbüchse A4 ist die 2018 gegründete Klangio GmbH von Sebastian Murgul und Alexander Lüngen untergebracht. Beide sehen aus wie Studenten, was sie vor noch nicht allzu langer Zeit in der Tat noch waren. Der Erfolg mit einer eigenen Software kam recht plötzlich.
Bereits eine halbe Million Nutzer
Angefangen hat alles damit, dass Murguls Schwester auf dem Piano ihr Lieblingslied spielen wollte, trotz aufwendiger Recherche jedoch nirgends die entsprechenden Noten fand. Also fragte sie den großen Bruder, der in Karlsruhe Elektrotechnik studierte. „Da machte es Klick. Denn es gab ein Problem, das ich lösen wollte“, erinnert sich Murgul. Da die „Deep-Learning-Welle“ da aber gerade erst ins Rollen kam, fand er keine passende Anwendung, die ihm seine Idee hätte übersetzen können.
Über einen Kommilitonen kam er mit dem Informatikstudenten Lüngen in Kontakt, zusammen machten sie sich an die Arbeit. Murgul: „Ich mache zwar die Forschung, aber ich brauchte jemanden, der diese technisch in ein Produkt umsetzen kann.“ Es passte. Und wie! Seit vier Jahren arbeiten die beiden jetzt zusammen und können nach eigenen Angaben weltweit bereits rund eine halbe Million Nutzer verzeichnen, die sich Notenblätter erstellen lassen. 40.000 sollen es im Monat sein.
Ideen-Wettbewerb des Landes gewonnen
Nur im eigenen Land sind die Propheten noch nicht so bekannt. Immerhin haben sie aber im vergangenen Jahr den Ideenstark-Award des Landes Baden-Württemberg gewonnen. Ein Jahr lang können sie jetzt kostenlos an Workshops und Mentoring-Programmen teilnehmen, was beide als großen Gewinn sehen. Gerade sind sie auf der Suche nach einem Investor und kooperieren dafür mit dem ebenfalls in Karlsruhe ansässigen Cyber-Forum, das Kontakte herstellen soll.
Dafür, dass sie erst vor einem Jahr ihren Master-Abschluss gemacht haben, stehen sie mit ihrem Unternehmen schon blendend da. Und denken längst an mehr. „Wir wollen ein App-Universum schaffen“, sagt Murgul. Werkzeuge zum Komponieren, für Gesang, Gitarre oder auch Arrangements. Momentan sind sie laut Lüngen weltweit mit ihrem „kleinen, feinen Tool“ noch die einzigen. Und jetzt müsse man halt daran arbeiten, dass der Vorsprung gewahrt bleibt.
„Wir sind Schaffer“
Geld stehe nicht im Vordergrund, sagen beide nahezu synchron. Lüngen: „Wir sind nicht die Typen, die Kohle abgreifen und dann schnell weg wollen. Wir sind Schaffer!“ Auch Murgul kann der Gedanke an Karibik, Strand und Meer nicht in Nervosität versetzen. „Nein, ich könnte nie die Füße still halten“, sagt er und lacht.
Dass sie mit ihrer Idee noch kein sicheres Terrain erreicht haben, verdeutlicht die Frage nach den Urheberrechten. Denn schließlich dürfte kein Musikkreativer jubilieren, wenn seine Melodien so einfach unters Volk gebracht werden können. Murgul und Lüngen haben sich hierzu bereits Unterstützung über einen Rechtsbeistand geholt und sind zuversichtlich. Murgul: „Es findet ja keine Vervielfältigung statt. Das Tool ist nur für den privaten Nutzer gedacht, nicht für massenhafte Kopien.“ Hüstel, die Musikkassettenindustrie dürfte seinerzeit ähnlich argumentiert haben, als sich Abermillionen Jugendliche weltweit an der Plattenindustrie vorbei eigene Hit-Sampler zusammenschnitten.
Wollen nicht zur Datenkrake werden
Murgul und Lüngen wiederum sehen sich auf der sicheren und vor allem richtigen Seite. Beide sind zudem reflektiert und schauen auch gerne aus ihrer Blase hinaus in die Welt und zu den Menschen. Man wolle niemandem Geld aus der Tasche ziehen und niemals zur Datenkrake werden, sagt Murgul. Er ist stolz, mit 26 Jahren sein Hobby zum Beruf machen zu können. Auch der zwei Jahre ältere Lüngen ist froh, dass man ihm weder Arbeit noch Projekte vorschreiben könne.
Große Musiker sind beide übrigens nicht. Murgul spielt immerhin Gitarre und setzt sich „seit ein paar Jahren mit dem Synthesizer auseinander“. Bei Lüngen hat es nur zum leidenschaftlichen Flötenspieler in ganz jungen Jahren gereicht. Vom Kompagnon gab es zu Weihnachten ein Daumenklavier Calimba. Künstliche Intelligenz wird Lüngen dabei hier nicht weiterhelfen. Nur schnöde Fingerfertigkeit und ganz viel Geduld.
Im Netz: https://klangio.com/de