Rheinpfalz
Interview mit Ulrich Matthes über Folgen des Klimawandels in Rheinland-Pfalz
Rheinland-Pfalz ist stärker vom Klimawandel betroffen als andere Regionen in Deutschland. Was das für Wirtschaft und Arbeitnehmer bedeutet, erklärt Ulrich Matthes, Leiter des Kompetenzzentrums für Klimawandelfolgen in Trippstadt.
Die Wasserspeicher der Böden sind nach dem vergangenen Jahr schlicht leer. Die Niederschläge der letzten Monate haben zwar für eine gewisse Feuchtigkeit in den oberen Schichten gesorgt, aber bei einer Tiefe von etwa 60 Zentimetern ist bereits Schluss. Damit wären bei gleichen Wetter-Bedingungen wie im Vorjahr die Folgen ungleich schlimmer. Haben wir wieder einen Dürresommer wie 2018, rechne ich mit dramatischen Trockenschäden in den Wäldern hierzulande und massiven Ertragsverlusten auf den Feldern. Unser Bundesland zählt innerhalb Deutschlands zu den Regionen, die am meisten vom Klimawandel betroffen sind. Woran macht sich das bemerkbar? Vor allem an der Temperatur. Wir verzeichnen in Rheinland-Pfalz einen Temperaturanstieg von 1,6 Grad seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881. Dieser Anstieg liegt über dem Bundesdurchschnitt. Im Oberrheingraben, in den Flusstälern und Städten haben wir in der jüngeren Vergangenheit auch immer mehr Tropennächte, also Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt. Durch die hohen Temperaturen ist mehr Energie in der Atmosphäre und das kann zu einer Häufung extremer Wetterereignisse führen. Wir werden in Rheinland-Pfalz künftig öfter Dürresommer erleben, aber auch an feucht-warme Perioden mit Starkregen werden wir uns gewöhnen müssen. Niederschlag wird nicht mehr gleichmäßig, sondern räumlich und zeitlich konzentriert fallen. Welche Folgen hat das für die Unternehmen hierzulande? Betroffen sind vor allem Firmen, die auf eine funktionierende Logistik angewiesen sind – was auf die meisten Unternehmen zutrifft. Im vergangenen Sommer haben wir gesehen, dass in einer lang anhaltenden Trockenperiode alle Verkehrswege gleichzeitig betroffen sein können. Schiffe können wegen des Niedrigwassers manche Flüsse nicht mehr befahren, Straßen platzen auf, Bahnschienen verbiegen sich oder Bäume fallen durch Stürme auf Leitungen. All diese Probleme führen dazu, dass Just-in-Time-Logistik schwieriger wird. Es wird wieder mehr Lagerhaltung brauchen, um Verzögerungen zu überbrücken. Und das ist mit Kosten verbunden. Laut dem Klimaökonomen Nicholas Stern drohen der Menschheit durch die Erderwärmung Schäden in Höhe von bis zu einem Fünftel der jährlichen Weltwirtschaftsleistung. Sind das Zahlen, mit denen wir auch für Rheinland-Pfalz rechnen müssen? Stern geht davon aus, dass der Klimawandel jährlich Kosten zwischen 5 und 20 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung verursachen könnte. Das sind Zahlen, die man auch auf Rheinland-Pfalz übertragen kann. Doch es gab auch eine gute Nachricht in seinem Report: Jährliche Ausgaben von rund einem Prozent sollten genügen, um den Anstieg der Temperaturen zu begrenzen. Die Schäden, die der Klimawandel in einigen Jahren verursachen könnte, liegen also um ein Vielfaches höher als die Summen für Anpassungsstrategien, die man jetzt in die Hand nehmen müsste. Natürlich sind das für einzelne Kommunen immer noch Zigtausende Euro, aber die zu erwartenden Schäden werden in die Millionen gehen. Der niedrige Rheinpegel hat 2018 für hohe Verluste bei der BASF gesorgt. Haben sich die Unternehmen ausreichend auf den Klimawandel eingestellt? Große Konzerne wie die BASF setzen sich seit Langem intensiv mit den Folgen des Klimawandels auseinander. Trotzdem haben viele nicht mit einer so langen Dürreperiode gerechnet. Es sind aber eher Mittelständler, bei denen es bislang kein echtes Bewusstsein für das Thema gibt. Da ist der Leidensdruck noch nicht groß genug, um entsprechend Zeit für Anpassungsmaßnahmen zu investieren. Es braucht leider Dürresommer wie 2018, in denen der Druck so groß wird, dass die große Masse umzudenken beginnt. Für viele rheinland-pfälzische Firmen in der Automobilindustrie und im Maschinenbau bestimmt immer noch das kurzfristige Kosten-Nutzen-Verhältnis die unternehmerische Strategie. Der Klimawandel ist für die meisten noch weit weg. Themen wie der Dieselskandal oder drohende Fahrverbote in manchen Städten führen dazu, dass vorrangig in „saubere“ Verbrennungsmotoren investiert wird. Alternative emissionsarme Antriebssysteme wie E-Mobilität oder Brennstoffzelle kommen dagegen nur schleppend voran. Der vermiedene Schaden infolge von Anpassung an den Klimawandel wird sich hingegen erst in einigen Jahrzehnten zeigen. Wie könnte eine solche Anpassung konkret aussehen? Unternehmen müssen das Thema Klimawandel entlang der gesamten Wertschöpfungskette betrachten. Wo beziehe ich meine Rohstoffe? Wo lasse ich sie verarbeiten? Sind meine Betriebsanlagen und Maschinen ausreichend gegen extreme Wetterereignisse abgesichert? Wie kann ich den Energieverbrauch etwa für die Kühlung in den Gebäuden reduzieren? Wie sehen die Logistik- und Absatzwege aus? Da ist bislang noch zu wenig getan worden. Der Klimawandel muss Einfluss auf alle unternehmerischen Entscheidungen haben. Was wir brauchen, ist eine neue Unternehmenskultur. Birgt der Klimawandel auch Chancen für die rheinland-pfälzische Wirtschaft? Winzer in Rheinland-Pfalz könnten langfristig auf der Gewinnerseite stehen. Denn wir erwarten, dass die Weinbauregionen weltweit weniger werden, weil es in vielen Ländern aufgrund des Klimawandels zu heiß und trocken für die Reben sein wird. Auch in Rheinland-Pfalz werden die Huglin-Indexwerte – die Wärmesumme für die gesamte Vegetationszeit – bis Ende des Jahrhunderts deutlich ansteigen. Dieser Trend kann bedeuten, dass künftig verstärkt wärmeliebende Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot oder Syrah angebaut werden können. Dagegen könnte sich der Klimawandel negativ auf Sorten wie Müller-Thurgau oder Riesling auswirken. In wenigen Jahrzehnten könnte Weinbau, bis auf die höheren Mittelgebirgsregionen, rein klimatisch betrachtet überall in Rheinland-Pfalz möglich werden. Was bedeuten die höheren Temperaturen für die Arbeitnehmer? Hitze und schlechte Luft belasten die Gesundheit. Außerdem sinkt die Produktivität von Arbeitnehmern, auch weil man bei Hitze schlechter schläft. Insbesondere in Ballungszentren und dem Oberrheingraben könnte es künftig vermehrt zu Produktionsausfällen kommen – sei es aufgrund von Hitzestress bei Arbeitnehmern oder Maschinen, die wegen der Hitze runtergefahren werden müssen. All das produziert Kosten. Hier muss man über neue Arbeitszeitmodelle und gegen Wetterextreme robuste Produktionsanlagen nachdenken. Aber auch in den bislang angenehm kühlen Mittelgebirgslagen nimmt in extremen Jahren wie 2003 oder 2018 die gesundheitliche Belastung für die Menschen zu. Sie arbeiten mit verschiedenen Klimamodellen, um Aussagen über künftige Entwicklungen zu treffen. Was passiert in Rheinland-Pfalz, wenn die Erderwärmung global nicht auf unter zwei Grad gesenkt werden kann? Wenn alles weitergeht wie bisher, würde sich in Rheinland-Pfalz etwa der Anbau von Zuckerrüben oder Kartoffeln nicht mehr lohnen. Qualität und Erträge würden zu sehr leiden. Wir müssten mit massiven Produktionsausfällen in Unternehmen aufgrund von Niedrigwasser rechnen. Bis Mitte des Jahrhunderts unterscheiden sich die einzelnen Szenarien noch nicht sonderlich, aber ab 2050 würde es bei einem Fortschreiten der Erderwärmung heftig werden.