Rheinpfalz In ständigen Funktionsmodus geschaltet
Landstuhl/HOMBURG. Wer sich mit der frisch gebackenen und ersten Sozialpreisträgerin der Verbandsgemeinde Landstuhl vergleicht, kann schnell Minderwertigkeitskomplexe bekommen. Jeden Tag muss Christel Noll dafür sorgen, dass ihr Sohn weiterlebt, das eigene Geschäft läuft und ihre anderen zwei Kinder ebenfalls zufrieden sind. An ihren Grenzen scheint die 48-Jährige jedoch längst nicht angelangt zu sein.
Das Wohnzimmer ist akkurat aufgeräumt, nirgends liegt Spielzeug herum. Alles wirkt steril. Wer das Haus von Christel Noll zum ersten Mal betritt, ahnt kaum, dass auch drei Kinder darin wohnen. Sämtliche Teppiche sind verschwunden. Im Flur ist ein Desinfektionsmittelspender aufgestellt. Seit das Immunsystem von Nolls leukämiekrankem Sohn Tim durch eine mehrfache Bestrahlung stark geschwächt worden ist, gilt es, jedes Gesundheitsrisiko im Keim zu ersticken. Schon seit vielen Jahren hat Christel Noll mehrere Jobs: Mutter, Hausfrau, Bürokraft im Malergeschäft ihres Mannes und Spendenbeauftragte der Elterninitiative krebskranker Kinder in Homburg. Nachdem bei ihrem Sohn Tim zum ersten Mal im Jahr 2008 Blutkrebs diagnostiziert worden ist, habe jedes Familienmitglied auf „Funktionsmodus umgeschaltet“. Leben und Arbeit stünden „auf Messers Schneide“. Christel Noll und Ehemann Wolfgang sind fest im eigenen Geschäft eingebunden. Lange Ausfälle können sie sich nicht erlauben, auch wenn Tim im Krankenhaus die Eltern braucht. Trotzdem wirkt die 48-Jährige fröhlich. Nichts scheint ihre Laune trüben zu können. Sie ist dankbar für die stets freundlichen Krankenpfleger und Ärzte in der Onkologie des Universitätsklinikums in Homburg. Auch wenn Kinder an noch so starken Schmerzen leiden, würden sie es schaffen, ihnen ein Lachen auf die Lippen zu zaubern. Noll bewundert ihren Sohn Tim dafür, dass er nie jammere. Wie stolz sie auf ihren Sohn Max ist, kann sie kaum in Worte fassen. Unter Vollnarkosen spendet der Neunjährige Knochenmark für seinen Bruder. Dass er dafür Schmerzen ertragen und Wochenenden häufig im Krankenhaus verbringen muss, nimmt er in Kauf. „Wenn sich unmittelbar nach der Bestrahlung kein Spender findet, siegt meistens der Krebs“, sagt Christel Noll. Von ihren eigenen Leistungen erzählt sie kaum. Nicht, weil sie vermeiden möchte, überheblich zu wirken. Sie scheint sich ihrer Stärke und Verdienste nicht bewusst. Dabei würde ohne sie vermutlich nichts funktionieren. Ehrenamtlich wirkt sie als Spendenbeauftragte der Elterninitiative krebskranker Kinder in Homburg. Dass sie – ohne dafür bezahlt zu werden – fast jeden potenziellen Spender persönlich besucht, um ihm zu erklären, was mit dem Geld geschieht, hält sie für „das Mindeste“. Schließlich würden ihr viele einen Gutteil ihres hart verdienten Geldes anvertrauen. Unterdessen kommt Tim in das Wohnzimmer. Er fragt, ob er eine Schokoladenmilch trinken darf, bevor er seine Tabletten einnimmt. Obwohl Vater Wolfgang am Esstisch sitzt, sieht es aus, als ob die Frage allein an Christel Noll gerichtet ist. „Sie kennt sich mit den Medikamenten aus“, sagt Wolfgang Noll und lacht. Mutter Christel nickt derweil ihrem Sohn zu. Dieser rennt los, die Treppen hoch, in sein Zimmer. Es verwundert, dass Christel Noll so erholt und leistungsfähig wirkt. Seit acht Jahren kämpft sie jeden Tag aufs Neue darum, die Balance zwischen beruflicher Selbstständigkeit und ihren mütterlichen Pflichten zu halten. Obendrein schwebt die Krankheit ihres Sohnes wie ein Damoklesschwert über ihrem Kopf. Kürzlich war die fünfköpfige Familie in einer gemeinsamen Reha im Schwarzwald. „Wie schön das war, als wir uns um nichts kümmern mussten“, sagen Christel und Wolfgang Noll im Einklang. Wenn das Ehepaar davon erzählt, wirkt es, als hätte es sich einen teuren Luxusurlaub in einem fernen Land gegönnt. Dabei stellen sich Ambiente und Freizeitangebote als nebensächlich heraus. „Für einige Tage keine Last auf den Schultern zu haben und sich der Familie widmen zu können“, das sei am schönsten gewesen. Auch solche Aufenthalte werden von den Spenden der Elterninitiative krebskranker Kinder mitfinanziert. Mit Blick auf Christel Noll scheint es so, als würden diejenigen, die unmittelbar von den Folgen einer Krankheit betroffen sind, gute Spendenbeauftragte abgeben. Sie wissen genau, auf welche Weise Spendengelder betroffenen Familien am besten helfen können. |jrd