Kultur Südpfalz Im Warteland

Der bayrische Schriftsteller Manuel Niedermaier mag seine Texte nur vage verorten. Sie tragen Arbeitstitel wie „Reise ans Ende“ oder „Warteland“ und sind noch im Schwebezustand. Er selbst ist im Juli als Stipendiat im Künstlerhaus Edenkoben angekommen, wo er an beiden Titeln weiterstricken will. Jetzt hat er sich und seine Ideen im Gespräch mit Schriftstellerkollege und Mentor Christoph Peters vorgestellt.
„Ich arbeite jetzt garantiert mehr als früher – die Tage verfliegen, die Texte fließen und abends fall ich irgendwann erschöpft ins Bett“, so beschreibt Manuel Niedermaier die ersten Wochen im Künstlerhaus, die zugleich der spannende Auftakt zum Leben eines freien Schriftstellers sind. Denn noch bis April hat der 1984 in Regensburg geborenen Autor als Buchhändler in Wien gearbeitet. Dorthin hatte es ihn nach seinem Germanistik- und Sprachwissenschaftsstudium in der Heimat zum Studium der Komparatistik getrieben. Zuvor aber ging er auf Weltreise. Zuerst nach Neuseeland, jenem „Kindergarten für Backpacker“, der „wie Europa, aber am Ende der Welt“ ist. Dann weiter nach Asien, Bangkok, Neu Delhi, Katmandu – und damit in Gegenden, „wo man auch mal das Fürchten lernen kann“. Vielleicht sind es ja die zwiespältigen „Roadmovie“-Zeiten, die sich nun in seinem neuem Text widerspiegeln und im Gegensatz zu seinem Debütroman „Durch frühen Morgennebel“ den Boden der Realität verlassen. Gewiss spielt auch sein Engagement beim Regensburger „Poetry in Motion“ eine Rolle. Dort nämlich müssen die Teilnehmern einen Text zu einem stumm geschalteten Film produzieren. Spannend wie ein Krimi, packend wie eine Leinwandszene und unheimlich wie ein Märchen ist nämlich auch der Text, mit dem Manuel Niedermaier sein Edenkobener Publikum in den Bann zog. Die „circa 25 aus etwa 80 fertigen Seiten“, die er aus dem „Warteland“ ganz im Duktus seines Ich-Erzählers vorlas, haben es wahrhaft in sich. Denn sie vermischen persönliche Gefühle mit gruseligen Hirngespinsten, Realität mit diffuser Wahrnehmung, Gegenwart mit Vergangenheit und atmen eine unheimlichen Atmosphäre, die sich doch immer wieder aufzuklären scheint. Das alles entwickelt sich aus der „Innensicht eines unzuverlässigen Erzählers“, der gleich mit den ersten Abschnitt in einer skurrilen Szene vorgestellt wird: Der alte Mediziner steht in einem Anatomietheater, wo er auf wissenschaftlich bahnbrechende Weise den Leichnam einer jungen Frau sezieren will, aber an seinem eigenen schwarzen Schatten, den die Lichtquelle über die Schnittstelle wirft, scheitert. In dieser Situation seziert er gedanklich sein 80 Jahre währendes Leben, mit vielen dramatischen Ereignissen in Estland und später Deutschland. Diese Erinnerungen sind bewusst märchenhaft, die Sprache mäandernd und der Erzählstil tastet sich vage wie das nachlassende Gedächtnis an all die Ereignisse heran, die sich nun szenenhaft wie ein Film abspulen. „Alles, was später kommen wird, ist schon in der Anatomieszene“, freut sich der junge Schriftsteller über seinen genialen Einfall, den er unter dem Arbeitstitel Warteland – eine Anlehnung an das `Wartheland“ in Estland – vermutlich als Novelle weiterentwickeln will. Die nächsten Wochen aber kommt das vielversprechende Manuskript erst mal in die Warteschleife, denn parallel hierzu arbeitet Niedermaier an seinem zweiten Roman „ Reise ans Ende“. „Ich hab hier in Edenkoben von 410 Seiten wieder 170 gestrichen – das hätte ich mich ohne das Stipendium im Künstlerhaus nicht getraut“, schmunzelt der junge Autor, dem die Schreiblust nur so aus den Augen blitzt. |ttg