Kultur Südpfalz Im Regenbogen spazieren gehen

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Ob es der Wunsch nach Internationalität war? Århus hat sich vor einigen Jahren in Aarhus umbenannt, aus dem kleinen Kreis über dem großen ,A’ ist ein zusätzliches kleines ,a’ geworden. Ein unbedeutender Schritt, könnte man meinen. Doch war er der Auftakt für eine Neuerfindung der dänischen Stadt, die mit dem Titel Kulturhauptstadt Europas 2017 ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Aarhus nennt sich gerne „kleinste Großstadt der Welt“. Das ist Untertreibung. Denn zum einen hat die Hafenstadt an der Ostküste Jütlands mehr als 300.000 Einwohner, und zum anderen besitzt sie ein hochwertiges Kulturangebot, auf das auch größere Kommunen stolz sein könnten. Das Kulturhauptstadtjahr ist mit dem Motto „Let’s rethink“ überschrieben, also: „Lasst uns alles überdenken“. Neue Überlegungen sollen angestellt, Altes neu durchdacht werden. Kultur soll Lösungen schaffen für gesellschaftliche Herausforderungen, selbstverständlich nachhaltig und „abseits ausgetretener Pfade und mit Aha-Effekt“. Die Stadt selbst ist inspirierender, als es die austauschbaren Floskeln der Marketing-Abteilungen sind. Aarhus ist jung, vital und zukunftsorientiert. Die nach Kopenhagen größte Kommune Dänemarks hat die höchste Dichte an Studierenden im Land. Der Einzelhandel ist breit aufgestellt – vom größten dänischen Shopping-Center bis zu kleinen Kunstgewerbe-Läden. Leerstand ist die Ausnahme. Und Aarhus setzt mit Neubauprojekten Zeichen für eine Neuausrichtung der Stadtentwicklung – Kultur eingeschlossen. Sichtbar wird dieser Prozess insbesondere am Hafen am Rande der Innenstadt. Mit dem polygonalen Gebäude „Dokk1“ des Aarhuser Büros Schmidt Hammer Lassen Architects soll eine Bibliothek für das 21. Jahrhundert entstanden sein. Ein Treppensystem mit Rampen und Sitzflächen führt mäandernd durch den 2015 eingeweihten, 30.000 Quadratmeter großen Bau. Laut Architekten soll er ein Ort des Austauschs und ein multikultureller Treffpunkt sein – mit Veranstaltungssälen und Ausstellungsfläche, sogenannten Maker Spaces mit Nähmaschinen, Tonstudio und 3D-Drucker, mit Computer-Spielplätzen und eigenem Parkplatz für Kinderwagen. Außerdem hat die Kommune einen Bürgerservice eingerichtet, und es gibt ein Café. Bücher treten im „Dokk1“ jedoch nur in Nebenrollen auf und werden, wenn sie binnen zweier Jahre keiner ausgeliehen haben sollte, ausgemustert. Ein paar Schritte weiter dominiert das neue, sternförmige Gebäude „Navitas“ die Hafenfront, ein Zentrum für Lehre und Forschung und wegweisend aufgrund extrem niedrigen Energieverbrauchs. Das gewaltige, freistehende Gebäude ist das Entree zu einem komplett neuen Stadtviertel, das am Wasser entsteht und von kleinen Kanälen durchzogen wird. Hamburgs Hafencity lässt grüßen. Im Unterschied zu vielen vergleichbaren Neubauprojekten ist man in Aarhus an einer sozialen Durchmischung der Bewohner interessiert. Dort gilt – etwa im preisgekrönten Isbjeget – für ein Drittel der Wohnungen die Mietpreisobergrenze. Die markanten weißen Häuser dieses Eisbergs sind mit ihren spitzen Dächern, den schrägen Fassaden und den Balkonen aus hellblauem Glas bereits ein neues Wahrzeichen der Stadt. Auch das alte Aarhus ist neu, jedenfalls zum Teil. Folgt man dem Wasserlauf vom „Dokk1“ Richtung Innenstadt, erreicht man eine Flaniermeile mit Cafés und Restaurants am Ufer. Es war augenscheinlich eine gute Idee, das einst zubetonierte Flüsschen wieder ans Tageslicht zu bringen. Die 2009 eingeweihte neue Lebensader der Stadt führt zum Molle-Park. Eine an Alexander Calders Mobilés erinnernde Skulptur lenkt den Blick zu einer ungewöhnlichen Dachinszenierung. Auf einem Backsteinkoloss, der an Industriearchitektur erinnert, thront ein bunter, transparenter Ring. Man sieht, dass sich Menschen dort oben bewegen. Nichts wie hin. Der von außen nicht gerade anziehende Bau ist das 2004 eröffnete Museum für Moderne Kunst, ARoS, das den historischen Namen der Stadt, einer Wikinger-Gründung, ausgeliehen hat. Die zehn unter- und überirdischen Etagen – letztere wie von einer Schlucht geteilt – werden von einer runden Treppe zugänglich gemacht. Das New Yorker Guggenheim-Museum stand Pate. Große Teile des Publikums steuern direkt den Aufzug zur Dachplattform an. Sie wollen das „Rainbow Panorama“ des dänischen Überwältigungskünstlers Olafur Eliasson sehen. Der begehbare Ring mit transparenten Scheiben in den Regenbogenfarben eröffnet einen spektakulären Rundum-Blick auf Stadt, Hafen und die grüne Peripherie. Gleich neben ARoS steht ein weiteres Standbein des außergewöhnlichen Kulturlebens der Stadt, das Musikhaus, wo das städtische Symphonieorchester und die Oper residieren, aber auch Pop- und Rockkonzerte ihr Publikum unterhalten. Gegenüber ragt der Betonturm des 1941 fertiggestellten Rathauses von Arne Jacobsen und Erik Møller empor, ein Beispiel für die zunächst wenig gelittene, funktionalistische Bauweise. Mittelpunkt der Stadt ist aber die von Plätzen gesäumte Clemens-Kirche. Von dort sind es nur ein paar Meter bis zum Szeneviertel Latinerkvarteret, dem idealen Ort, um eine Kunst-Pause einzulegen. Denn eine weitere Besonderheit, das Freilichtmuseum „Den Gamle By“ (die alte Stadt), eines der ältesten seiner Art, will auch noch besucht werden. 75 wieder errichtete Häuser aus allen Teilen Dänemarks – von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert – bilden eine Kleinstadt mit Plätzen, einem Bach und kleinen Gärten, mit historisch möblierten Räumen, Handwerkern und Läden, mit Gänsemagd und Droschkenfahrt. Hier mögen diejenigen fündig werden, die im dynamisch modernen Aarhus Romantik und Idylle vermissen. Von der Zeit- zur Entdeckungsreise: Die nahe und weitere Umgebung lohnt – nicht zuletzt wegen der meist stillen Strände. Dort findet man Parks, Wälder und Schlösser wie Marselisborg, die Sommerresidenz von Königin Margrethe, mit meist frei zugänglichem Schlosspark sowie das einzigartige Moesgård Museum für Vorgeschichte. Dessen berühmtestes Exponat ist ein 50 vor Christus Verstorbener, der konserviert im Moor die Jahrhunderte überdauerte. Auf dem vom Boden aufsteigenden, begrünten Dach des Museums wird ab Mai eine Wikinger-Saga zu erleben sein. Das ist nur eine von rund 350 Veranstaltungen, die 2017 geplant sind – übrigens auch in anderen Teilen der Provinz Mitteljütland, in Städten wie Randers, Kaiserslauterns Partnerstadt Silkeborg und Viborg. Kontakt —Das Programm im Internet: www.aarhus2017.dk/de. — Tourismus-Info: Telefon 0045/8731-5010, Internet: www.visitaarhus.de

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