Rheinpfalz
„Ich schäme mich so“: Südwestpfälzerin beherbergt geflohenen Vergewaltiger
Spät wurde einer 59-Jährigen aus der Verbandsgemeinde Thaleischweiler-Wallhalben klar, dass der Mann, der mehrere Wochen in ihrem Haus verbracht hatte, ein gesuchter Sexualstraftäter ist. Sie habe der Polizei geholfen, den Flüchtigen zu fassen, erzählt sie. Seit der Nacht zum Dienstag aber scheint klar, dass der Schrecken noch nicht zu Ende ist.
„Ich habe den Boden unter den Füßen verloren“, sagt die 59-Jährige aus der VG Thaleischweiler-Wallhalben, die den flüchtigen Sexualstraftäter aus München beherbergt hatte. Am 13. Juli kam er von einem Freigang, den ihm die Forensische Psychiatrie in München-Haar gewährte, nicht mehr zurück. Der Mann ist laut Polizei wegen sexueller Nötigung und etlicher Vergewaltigungen verurteilt. Statt ins Gefängnis kam er offensichtlich schon vor mehr als 30 Jahren in die geschlossene Psychiatrie. Erst im Gespräch mit der Polizei sei ihr klar geworden, in welcher Gefahr sie wohl geschwebt hatte, als der Mann einige Wochen in ihrer Wohnung verbrachte, sagt die 59-Jährige.
Zwar wurde der 56-Jährige wieder festgesetzt, dennoch habe sie Schwierigkeiten, mit der Situation zurechtzukommen. In der Nacht zum Dienstag folgte der nächste Schock, wie die Frau im RHEINPFALZ-Gespräch berichtet. Um 0.17 Uhr habe sie zwei Whatsapp-Nachrichten von einer Handynummer des Straftäters erhalten – den Screenshot eines Fahndungsaufrufs und die Nachricht: „Ist das der, der dir fehlt?“, dahinter ein Smiley, das Tränen lacht. Die Polizei wolle prüfen, wo sich das Handy gerade befindet – ob es sichergestellt wurde oder ob es der 56-Jährige vielleicht wieder hat, weiß die Frau nicht.
„Ich habe Angst“
Im Beisein der RHEINPFALZ ruft die 59-Jährige die Kriminalpolizei in Kaiserslautern an. Eine Beamtin verspricht, sich um die Angelegenheit zu kümmern. „Das tut weh“, sagt die Frau aus der VG Thaleischweiler-Wallhalben. „Ich traue niemandem mehr.“ Sie habe Angst. Angst, dass der verurteilte Straftäter selbst sein Handy wieder hat und sie kontaktiert. Angst, dass es ein Polizeibeamter war oder jemand aus der Psychiatrie, der sich einen bösen Scherz erlaubt. Als klar wurde, dass die Bekanntschaft aus dem Internet Mitte Juli aus einer psychiatrischen Klinik bei München entkommen war, habe sie auf Bitte der Polizei weiter Nachrichten an dessen Handy geschickt – Nettigkeiten, die den Mann hervorlocken sollten. Doch dass das Telefon dem 56-Jährigen nach seiner Festnahme wiedergegeben wurde, kann sie sich kaum vorstellen.
Nichts hat ihn verraten
Angefangen hat alles ganz harmlos, erzählt die 56-Jährige. Sie sei geschieden, habe nach einem neuen Partner gesucht, auch auf einem Internetportal. „Wenn ich gewusst hätte, was er ist ...“, sagt die Frau im Nachhinein, immer noch fassungslos darüber, dass es ausgerechnet sie traf. Der Mann habe sich als selbstständiger Handwerker ausgegeben, der sich nach einem langen Arbeitsleben zurückziehen will, um seine Zeit in der Natur und mit Tieren zu genießen. „Das hat mich angesprochen“, sagt die Besitzerin von zwei Hunden. Am 13. Juli habe sie ihn kontaktiert. Der 56-Jährige habe schnell geantwortet. Noch am selben Tag hätten sie telefoniert. Der Fremde „hatte eine nette Stimme“, klang intelligent, seine Geschichte war einleuchtend, erzählt die Südwestpfälzerin. „Ich bin eine erwachsene Frau und kein Kleinkind“, betont sie. Es habe keine Unstimmigkeiten gegeben, die ihn verrieten. Er habe seinen Nachnamen und den zweiten Vornamen benutzt.
Sie hätten mehrfach telefoniert. Er habe sich als Unternehmenschef ausgegeben, schien nebenbei Anweisungen an Angestellte zu geben. Etwa, dass „Jessica“ eine Kündigung schreiben sollte, weil „Ben“ schon wieder getrunken hat. Die Frau aus Thaleischweiler-Wallhalben sagt, Jessica hieß – wie sie später erfahren habe – die Tochter eines Opfers des 56-Jährigen.
Nett, adrett, gepflegt
Er habe in Ludwigshafen geschäftlich zu tun und komme sie danach mit dem Zug besuchen, habe der neue Bekannte gesagt. Kurz bevor sie sich trafen, habe ihr der Mann eine neue Handynummer geschickt, erzählt die 59-Jährige. Er sei im Urlaub und wolle nicht von Angestellten auf seiner üblichen Nummer belästigt werden, habe der verurteilte Straftäter als Grund angegeben. Am Mittag des 17. Juli habe sie den Mann in Pirmasens am Bahnhof abgeholt. Nett, adrett und gepflegt habe er gewirkt, als er mit Reisetasche und Rucksack am Bahnhof stand. „Es war absolut nichts an ihm, was mir Angst eingeflößt hätte.“
Gemeinsame Pläne geschmiedet
Die beiden gingen in einem Supermarkt einkaufen, der Mann bestand darauf, die Rechnung zu begleichen, erzählt die Südwestpfälzerin. Danach ging es in den Wald zu einem langen Spaziergang mit den beiden Hunden. „Tiere lieben ihn.“ Sie hätten Bekannte getroffen, später zusammen gekocht. Ein schöner Tag zum Kennenlernen.
Auch die nächste Zeit sei angenehm gewesen. Der neue Freund habe das Haus in der Verbandsgemeinde gemocht, Pläne geschmiedet für eine gemeinsame Renovierung. „Er würde mich auf Händen tragen, hat er gesagt.“ Da habe sie ihn gebremst, das sei ihr zu schnell gegangen. „Mein Geld verdiene ich selbst“, sagt die 59-Jährige. Sie habe keinen Partner gesucht, der sie aushält.
Nichts an der Beziehung sei unanständig gewesen, er habe ihr Komplimente gemacht, sie hätten gelacht und herumgealbert. „Sex hatten wir keinen“, sagt sie. Nur Umarmungen und Küsschen habe es gegeben. Er sagte, er brauche Zeit.
„Ich bin da reingefallen“
Der 56-Jährige habe sich als wohlhabender Mann ausgegeben. „Das hat mich nicht interessiert. Mir ging’s um den Menschen.“ Er habe viele ihrer Freunde, Nachbarn und Arbeitskollegen kennengelernt und bei allen einen guten Eindruck gemacht. Der Mann habe sie morgens zur Arbeit gefahren und immer wieder Handwerker ins Haus bestellt, um Arbeiten zu beauftragen. „Gott sei Dank wurde nichts gemacht“, sagt die Südwestpfälzerin heute. Auf den Kosten wäre sie sitzen geblieben. „Ich bin da reingefallen. Ich mochte ihn.“
Am vergangenen Donnerstag, als der Fahndungsaufruf veröffentlicht wurde, setzte der Gesuchte sich ab – im Auto der Frau aus Thaleischweiler-Wallhalben. Als er sie nicht von der Arbeit abholte, fuhr ein Kollege die Bürokauffrau heim. „Ich hatte ein ungutes Bauchgefühl.“ Das Auto und 350 Euro Haushaltsgeld waren verschwunden, erzählt die 59-Jährige. Kleidung und Schuhe zum Wechseln, die die Hundebesitzerin stets im Fahrzeug hat, hatte der Mann ausgeräumt und dagelassen – wie auch den Haustürschlüssel.
Auto in Schleswig-Holstein holen
Mit ihrem Kollegen fuhr sie zur Polizei. Auch da ahnte sie noch nicht die Wahrheit – den Fahndungsaufruf habe sie nicht gesehen. Erst als sie Pirmasenser Polizisten ein Foto des Mannes auf ihrem Smartphone zeigte, wurde diesen klar, wer der Autodieb ist. „Dann kam alles in Fahrt.“ Nachts seien Beamte in der Nähe ihres Hauses gewesen, um sie zu schützen, sagt die 59-Jährige. „Die hatten Angst, er kommt wieder.“ Mit aufs Präsidium habe sie nicht gewollt. „Ich war total geschockt.“
Am Freitag sei sie bei der Kriminalpolizei in Kaiserslautern stundenlang verhört worden. „Wir sind erst am Nachmittag wieder raus. Ich hatte unglaublich Hunger.“ Die Beamten fragten nach vielen Details. Samstagnacht kam dann der Anruf, der sie informierte, dass der 56-Jährige in Schleswig-Holstein gefasst wurde.
Ihr Auto müsse sie im Norden Deutschlands abholen – mehrere hundert Kilometer entfernt. Sie wolle aber nicht so lange Zeit allein in dem Auto verbringen, sagt die 59-Jährige. „Ich habe Angst, dass dort noch was passiert ist.“
Anfeindungen im Umfeld
„Ich schäme mich so“, sagt die Betrogene. Sie habe nur einen ernsthaften, netten Partner gesucht. Und schließlich verlange niemand von einer neuen Bekanntschaft gleich die Ausweispapiere und ein Führungszeugnis.
Nun sei in ihrem Umfeld bekannt, dass es die 59-Jährige war, die den gesuchten Sexualstraftäter beherbergte. Das schaffe große Probleme. Sie sei angefeindet worden. Andere hätten Verständnis gezeigt und selbst von Betrugsfällen per Internet erzählt. „Ich hätte ihn genauso gut auf einem Weinfest kennenlernen können“, betont die Frau.
Sie suchte Hilfe beim Weißen Ring, einer Hilfsorganisation für Opfer von Gewalttaten. Die empfahlen ihr eine Psychotherapie, um das Trauma zu überwinden, berichtet die 59-Jährige. Und sie will andere Frauen warnen, sie darüber aufklären, wie schnell aus einer neuen Bekanntschaft eine Gefahr entstehen kann.
Für die Vorgehensweise der Behörden habe sie nur bedingt Verständnis. „Ich will wissen, wer hat ihn herausgelassen?“ Und warum wurde die Fahndung erst über einen Monat nach Flucht des Sexualstraftäters veröffentlicht? Teilweise habe eine Polizeidienststelle nicht gewusst, was die andere tut, so die Erfahrung der 59-Jährigen. „So ein Mensch zerstört Leben“, sagt die Pfälzerin. Immer wieder beschreibt sie ihn als gewieft. Er habe alle getäuscht. Das Internet wolle sie für die Partnersuche nach dieser Erfahrung nicht mehr nutzen.