Rheinpfalz Hoch hinaus

Auch in Berlin will Aldi Wohnungen bauen – hier ein Projekt im Stadtteil Lichtenberg.
Auch in Berlin will Aldi Wohnungen bauen – hier ein Projekt im Stadtteil Lichtenberg.

Wie lässt sich die Wohnungsnot in Deutschland lindern? Auf Bürogebäuden, Parkhäusern und Supermärkten könnten mehr als eine Million Wohnungen entstehen, sagen Forscher. Das ist nicht so abwegig, wie es klingt. In der Pfalz sind die ersten Discounter-Häuser bereits in Planung.

In Freiburg haben sie eine ehemalige Kirche in 42 Wohnungen umgewandelt, in Nürnberg wurden die beiden obersten Decks eines Parkhauses zu einer Kita umgebaut und im angesagten Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg entstanden rund 30 Wohnungen über und neben einer Lidl-Filiale. Wohnungsnot macht erfinderisch – nicht nur in Deutschlands Ballungszentren, auch in den immer schneller wachsenden ländlichen Regionen. Eine aktuelle Studie der Technischen Universität Darmstadt und des Pestel-Instituts Hannover hat ergeben, dass mehr als eine Million neue Wohnungen hierzulande entstehen könnten, wenn auf Supermärkten und Parkhäusern weitere Etagen aufgesattelt oder leerstehende Bürogebäude umgenutzt würden. Auch in der Pfalz gibt es noch Luft nach oben. In Landau will der Discounter Aldi zwei Studentenwohnheime über seinen Filialen errichten. Die Stadt hat die Projekte in der Annweiler- und der Maximilianstraße bereits abgesegnet. In der Unistadt, wo laut der Pestel-Studie bis 2025 rund 4000 zusätzliche Wohnungen benötigt werden – die Studie eines anderen Instituts für Landau kam „nur“ auf 2500 Wohnungen bis 2030 –, könnten 359 davon auf Discountern entstehen. Immerhin neun Prozent des Bedarfs könnten damit nach Angaben der Wissenschaftler gedeckt werden. Noch mehr Entlastung würde eine solche Nachverdichtung in Ludwigshafen bringen, wo es ganze 17 Prozent wären. In ländlicheren Regionen wie dem Landkreis Südwestpfalz könnte die Wohnungslücke sogar fast geschlossen werden.

Rotes Tuch: Nachverdichtung

Denn für viele Menschen ist das Thema Nachverdichtung inzwischen ein rotes Tuch. Vielerorts gründen sich Bürgerinitiativen, die gegen neue Wohnungen in den letzten verbliebenen Lücken ihrer Stadt auf die Barrikaden gehen. Zwar bereitet die Wohnungsnot hierzulande längst nicht mehr nur Großstadtbewohnern schlaflose Nächte, aber wenn es um Neubau in der Nachbarschaft geht, heißt es immer noch: Nicht in meinem Hinterhof! Abseits der Metropolen gibt es schließlich genug Platz. Aber hier beginnt das Problem: Wir verbrauchen immer mehr Fläche für gleich viele Menschen. Vor allem in kleineren Städten und ländlichen Gebieten entstehen allerorten Neubau- und Gewerbegebiete an den Rändern, während die Ortskerne zum Teil aussterben. Allein zwischen 1992 und 2016 ist die Siedlungs- und Verkehrsfläche hierzulande um 26 Prozent von 40.305 auf 50.799 Quadratkilometer gewachsen. Ein Deutscher beansprucht laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 618 Quadratmeter für sich. Aufbauten wären ein Mittel, den ungebremsten Flächenverbrauch in Deutschland zumindest zu verlangsamen.

Der Natur Gutes tun

Mit Aufstockungen könnte man also der Natur etwas Gutes tun und gleichzeitig das Grundproblem der deutschen Wohnungsmisere lösen: Es fehlt schlicht und ergreifend an Bauland. „Die Mühlen mahlen langsam in Deutschland, da kann es schon mal zehn bis 15 Jahre dauern, bis neues Bauland ausgewiesen wird“, sagt Dieter Blome, Ingenieur und Studienautor. Die Ironie des Ganzen: Anfang des Jahrtausends baute man in Teilen Deutschlands Gebäude zurück, weil es so viel Leerstand gab. Allein der Gedanke, man benötige neues Bauland, erschien vielerorts absurd. Dieter Blome vergleicht die Situation Deutschlands 2019 mit der von New York vor rund hundert Jahren. Stadtplaner hatten vorhergesagt, dass die Straßen der Stadt wegen der Zunahme an Kutschen bis zum Jahr 1910 in meterhohem Pferdemist ersticken würden. Wie wir heute wissen, ist dieses Los an den New Yorkern vorbeigegangen. Denn ab 1908 lief das Ford Modell T vom Band, das damals meistverkaufte Auto der Welt. Bleibt die Frage, ob durch Aufstockungen am Ende auch tatsächlic hgünstiger Wohnraum entsteht. Der Vorteil an dieser Art der Nachverdichtung: Es spart den Preis für das Grundstück. Andererseits sind Dachgeschosswohnungen meist teuer aufgrund der genannten höheren Baukosten. Am Ende kommt es wie immer auf die jeweilige Umsetzung an. Baut ein Investor zwei Geschosse auf ein bestehendes Wohngebäude und verpflichtet sich im Zuge dessen, alle Bestandswohnungen auf seine Kosten zu sanieren, haben auch Menschen mit kleinen Einkommen etwas von der Aufstockung. Bauen Investoren hingegen vor allem kleine Studentenappartements, die eine hohe Rendite versprechen, hat die Normalverdiener-Familie mit zwei Kindern wenig davon. Was Aufstockungen angeht, gibt es in der Pfalz also noch Luft nach oben.

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