Rheinpfalz Himmelsstürmer
Ungläubig meldet ein Pilot beim Landeanflug auf den Long Beach Airport bei Los Angeles, gerade an einem Mann im Gartenstuhl vorbeigekommen zu sein. Der Mann im Gartenstuhl ist Larry Walters, der sich am 2. Juli 1982 mit Wetterballons den Traum vom Fliegen erfüllt. Weltweit gibt es seither Nachahmer – und einige Tote.
Nein, der Pionierflug von Lawrence Richard „Larry“ Walters läuft nicht glatt. Dabei hat der Lastwagenfahrer zusammen mit seiner Freundin alles akribisch vorbereitet. 45 Wetterballons hat Walters gekauft, jeder mit einem Durchmesser von fast zweieinhalb Metern, dazu Heliumflaschen aus dem Großhandel. Allzu Neugierigen erzählt das Paar, die Ballons seien für einen Fernsehwerbespot. Wie praktisch, dass Walters für die Film-Fair-Studios arbeitet – nur eben nicht als Trickfilmspezialist oder Requisitenbauer, sondern als Fahrer. Den Gartenstuhl, der ihn schließlich berühmt machen soll, hat Walters im Versandhandel bestellt und auf den edlen Namen „Inspiration One“ getauft. Alle Ersparnisse hat der Kalifornier in sein Projekt gesteckt, 15.000 Dollar. Und „Inspiration One“ ist kein klappriger Klappstuhl, es ist ein Qualitätsprodukt aus Aluminium, das zum Himmelsapparat werden soll. Sorgfältig wird der Stuhl präpariert, 42 der Ballons daran festgebunden, Wasserkanister zur Stabilisierung des selbst gebauten Fluggeräts montiert, CB-Funkgeräte angeschafft. Am 2. Juli 1982 soll es losgehen. Ein harmloser Trip ist geplant: In 30 bis 100 Metern Höhe will Walters mit den vorherrschenden Winden nordwärts über Los Angeles driften, schließlich ein paar Ballons mit einem Luftgewehr zerschießen und sanft landen. Doch alles kommt anders. Als Kind muss Walters (Jahrgang 1949) zu viele Cartoons geschaut haben. „Looney Toons“ vielleicht mit Roadrunner, Bugs Bunny und Daffy Duck. Kojote, notorischer Gegenspieler des Roadrunners, versucht in den Trickfilmen auch immer mit abenteuerlichen Konstruktionen, den schnellen Laufvogel irgendwo in den Bergen oder der Wüste zu erwischen. Dabei hätte Kojotes Schicksal Larry Walters warnen müssen: Immer gehen seine Basteleien gewaltig nach hinten los. Meist stürzt Kojote in tiefe Schluchten, sprengt sich in die Luft oder erhält heftige Stromschläge. Der Grund für die Missgeschicke von Kojote sind oft simple Berechnungsfehler. Mit 13 hatte sich die Idee in Walters Kopf festgesetzt, mit Ballons und einem Stuhl abzuheben. Als Teenager hatte er in einem Laden Wetterballons unter der Decke hängen sehen. Er war fasziniert davon. „Das war einfach etwas, was ich machen musste“, sagte er später in einem Interview. „Ich hatte diesen Traum seit 20 Jahren und wenn ich es nicht gemacht hätte, wäre ich wohl irgendwann in der Klapse gelandet.“ Seine Bewerbung als Jugendlicher bei der Airforce wurde abgelehnt: Walters Augen waren viel zu schlecht, er musste dicke Brillengläser tragen. So war der junge Mann aus dem kalifornischen San Pedro Lastwagenfahrer geworden. Seinen Traum vom Fliegen hatte er aber nie begraben. Der 2. Juli 1982 ist der richtige Tag für Walters Jungfernflug. Zwei Tage vor dem amerikanischen Nationalfeiertag war das gerade fertiggestellte Space-Shuttle „Challenger“ an die Nasa geliefert worden und die Medien konnten nicht genug über das neuartige Wunderraumschiff berichten. Die Zeit ist in Walters Augen gekommen, um selber Luftfahrtgeschichte zu schreiben. Am frühen Morgen beginnt Walters, mit seiner Freundin Carol Van Deusen im heimischen Garten die Ballons mit Helium zu befüllen. Die junge Frau richtet ihrem selbsternannten Piloten ein Fresspaket mit Broten und Limonade, das er auf seine Reise mitnehmen soll. Schließlich ist es so weit: Auf seinem Gartenstuhl, noch an einem Seil gesichert, schwebt Walters auf Höhe des Hausdachs und übt sich darin, „ein Gefühl für den Stuhl“ zu bekommen. Das Seil ist an seinem Geländewagen festgebunden und Freundin Van Deusen richtet die Videokamera auf ihn. Genau in diesem Moment beginnt eine chaotische Abfolge von Pleiten, Pech und Pannen, die Walters fast das Leben kostet. Mit einem Ruck löst sich die Leine vom Geländewagen. Es zeigt sich: 42 Ballons sind viel zu viel Auftrieb für den Jungfernflug. Statt in geringer Höhe dahinzugleiten, geht Walters Gartenstuhl hoch wie eine Rakete. 300 Meter pro Minute schießt das ungewöhnliche Gefährt in den Himmel. Sekunden nach dem Blitzstart sind die ersten Verluste zu beklagen: Walters ist die dicke Brille von der Nase gerutscht, sie schlägt im Garten auf. Geradezu panisch funkt Van Deusen ihren Freund an: „Gottverdammt, komm runter! Du musst runterkommen, wenn du nichts siehst!“ Walters kann sie beruhigen. Er hat immer eine Ersatzbrille dabei. Ganz cool informiert er seine Freundin: „Ich sehe alles perfekt. Ich bin jetzt auf 1500 Fuß und kann schon Maryland sehen.“ Über die Maryland Heights, Mac Arthur Park und Hollywood will Walters eigentlich schweben. Van Deusen klingt nicht gerade sehr begeistert: „Aha, du kannst Maryland sehen. Oh, mein Gott, du wirst im Ozean landen.“ Der fliegende Walters beschwichtigt sie auch in diesem Punkt, er fliege über Land. Was er kurz danach feststellt: Er bewegt sich zwar über Land, aber in der falschen Richtung. In größerer Höhe driftet sein Gartenstuhl nicht wie geplant nordwärts, sondern nach Osten und nähert sich schnell der Einflugschneise des Long Beach Airports südlich von Los Angeles. Kein großer Flughafen, aber eben auch ein Stützpunkt der Fluglinien TWA und Delta. Eine Viertelstunde später ist Walters auf 5000 Metern angekommen, sein fliegender Gartenstuhl pendelt sich in dieser Höhe ein. Die Aussicht genießt der Flugpionier aber nicht wirklich. Es ist saukalt da oben, Walters zittert und friert. Ein Passagierflugzeug der TWA rast an ihm vorbei – geradezu ungläubig informiert der Pilot in einem der kuriosesten Funksprüche der zivilen Luftfahrtgeschichte, er sei gerade an einem Mann im Gartenstuhl vorbeigekommen. Es ist nicht überliefert, was der Tower antwortet. Walters ruft über CB-Funk die Rettungsleitstelle an. Dort will man wissen, was man dem Flughafen mitteilen soll, wo die Schwierigkeiten genau liegen, in denen Walters steckt. Der klingt nicht mehr ganz so selbstsicher: „Äh, die Schwierigkeit ist, äh, dies war ein unautorisierter Ballonstart, und, nun ja, ich weiß, ich bin in hoheitlichem Luftraum, und, äh, ich bin sicher, meine Bodencrew hat die zuständigen Behörden schon alarmiert. Aber ruft sie mal an und sagt ihnen Bescheid, dass ich okay bin“, gibt Walters durch. Zwei Stunden später: Längst plagen Walters Zweifel, ob der Abstieg auch wirklich klappt. Wie die Trickfilmfigur Kojote hat er eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt, die er nicht mehr kontrollieren kann. Das Luftgewehr in der Hand, überlegt er, was passiert, wenn er den falschen Ballon erwischt. Dass sein fliegender Gartenstuhl im Gleichgewicht bleibt, dafür sorgen nur ein paar Leinen und Ballons. Sein Sitz könnte kippen. Walters könnte vom Stuhl rutschen und ein paar Tausend Meter tief fallen. Es hilft nichts. Mit kaltgefrorenen Fingern zielt Walters auf einen Ballon – und trifft sieben Stück. Ruckartig beginnt der Abstieg von „Inspiration One“, die Flinte rutscht Walters aus den Fingern, trudelt durch die Luft und zerschellt unter ihm. Jetzt hat er keine Kontrolle mehr über sein Fluggefährt. Er kann noch etwas Wasser aus den Kanistern lassen, um wieder langsamer zu sinken, auf die Flugrichtung hat er ohnehin keinen Einfluss. Und Walters treibt mit seinem Gartenstuhl genau auf eine Überlandleitung zu. „Ich dachte: Das war’s! Bitte, Gott, mach, dass ich nicht gebraten werde.“ Doch Walters hat noch einmal Glück. Die tückische Leine, die sich mit einem Ruck von seinem Auto gelöst und seinen rasanten Start eingeleitet hatte, baumelt noch unten am Gartenstuhl. Die Leine löst einen Kurzschluss aus; in einem Teil des Nobelvororts Long Beach gehen Klimageräte und Fernseher aus. Das ist die Rettung für Walters, sein schwebender Untersatz wird nicht zum elektrischen Stuhl. Der Bruchpilot kann sich die letzten zwei Meter bis zum Boden hangeln, dort erwartet ihn bereits die Polizei und nimmt Walters fest. 1500 Dollar Strafe muss er schließlich zahlen, die erste Anklage wegen „unangemeldeten Führens eines Flugzeugs im gesicherten Flugraum“ wird fallengelassen. Schließlich ist ein Gartenstuhl ja gar kein Flugzeug, was auch dem Richter einleuchtet. Die Medien berichten weltweit über den Flug und Walters wird in den USA als „Lawnchair Larry“, als Gartenstuhl-Larry, eine Berühmtheit. Glück hat es ihm nicht gebracht. Er arbeitet als Motivationstrainer, doch er ist nicht gefragt. Schließlich muss er sich mit Aushilfsjobs durchschlagen. Die Welt hat ihn schon fast wieder vergessen. „Inspiration One“ schenkt Walters einem Nachbarsjungen, kurz bevor unter anderem das berühmte Smithsonian Institute danach fragt – wieder Pech für Walters. 1993 erschießt sich der gefallene Held im Los Angeles National Forest an seinem Lieblingsplatz. Er ist inzwischen Park-Ranger geworden. Walters Idee, englisch „Cluster Ballooning“ getauft, hat überdauert und fasziniert Lebensmüde bis heute. Mehrere Rekorde wurden inzwischen aufgestellt. Der US-Amerikaner Kent Couch legte in zwei Flügen mit einem Gartenstuhl jeweils 390 Kilometer zurück. Beim zweiten Mal schaffte er es sogar, nach mehr als neun Stunden die Landesgrenze von Oregon nach Idaho zu überqueren. Jonathan Trappe, ein weiterer US-Amerikaner und lizensierter Pilot, driftete 2010 mit einem Stuhl bequem über den Ärmelkanal vom englischen Dover ins französische Dünkirchen. In Anlehnung an den Disney-Film „Oben“ stieg Trappe zudem 2012 mit einem fünfeinhalb Meter hohen Holzhaus, das an Ballons hing, in den Himmel über Mexiko auf. Alles ging gut. Weniger Glück hatte der Japaner Yoshikazu Suzuki, der 1992 vom Ufer des Biwa-Sees auf Honshu startete. Suzuki wurde drei Tage später von einem Flugzeug der japanischen Küstenwache gesichtet, 800 Kilometer vor der Küste über dem Pazifik schwebend. Vermutlich war er da bereits tot. Pech hatte auch der brasilianische Priester Adelir Antonio de Carli 2008: Beim Versuch, Spenden für eine christliche Fernfahrer-Raststätte zu sammeln, schwebte er mit rund 1000 Spielzeug-Ballons auf mehr als 6000 Metern Höhe – ein Rekord für den Gartenstuhl-Ballonfahrer. Doch über dem Atlantik geriet Carli in ein Gewitter. Die Reste des Gartenstuhls und sein Leichnam wurden zwei Monate später bei einer Ölbohrinsel aus dem Meer gefischt.