Rheinpfalz Heute Morgen, kurz nach 7, fällt der Rekord
Die Beine werden schwerer, die Köpfe immer leerer: Im saarländischen Winterbach macht ein Hochsommer-Einbruch den Rekord-Kickern zu schaffen. Indes kommt das schwer mitgenommene Häuflein Fußball-Verrückter seinem Ziel zusehends näher.
Strammen Schrittes marschiert Erik Börgers in Richtung Spielfeld. Auch nach gut 60 Stunden wirkt der 28-Jährige erstaunlich frisch – obwohl er mutmaßlich die größte Distanz aller 36 Akteure zurückgelegt hat. Der Kilometerfresser gilt als Marathonmann. „Jetzt sind’s genau 100,5 Kilometer“, sagt Börgers, ehe er seinen Teamkameraden abklatscht und sich ins Getümmel stürzt. Nun, Getümmel ist reichlich übertrieben. Die Partie plätschert an diesem sonnigen Nachmittag vor sich hin. Im Spielerdorf fläzen sich einige auf Liegen, andere lungern am Rande des Rasens herum, sitzen auf Klappstühlen oder liegen im Schatten. Die Hitze macht nicht gerade gesprächig. 168 Stunden Dauerfußball: Damit wollen der „Thank God it’s Friday Event Club“ e.V. (TGIF-EC) aus Wallhalben und die Sportfreunde Winterbach ins Guinness-Buch Einzug halten. Ein im Grunde irres Unterfangen. Eins, das schwer an die Substanz geht, wie einige der Akteure immer mehr spüren. „Direkt überm Rasen hat es momentan 65 Grad – und nachts ist es saukalt“: Nadine Stiwitz verdeutlicht, mit welch widrigen Werten die Rekordjäger zu kämpfen haben. Der Kunstrasen heizt sich in der Sonne mächtig auf. Baseball-Cap und um den Kopf geschlungene Trikots sollen etwas Schutz vor der Strahlung bieten. Wasser ist heiß begehrt. „Kann mal einer neu auffüllen? Die Brühe ist wieder warm“, ruft einer, der an einem der Eiswasser-Bottiche an der Außenlinie Linderung gesucht hatte. Sogar eine Dusche steht am Spielfeldrand. Kleiner Guss gefällig? Kein Problem. Dauerhaft hilft das nicht. Erst nach der Auswechslung können die Spieler richtig durchschnaufen, abkühlen, die Gliedmaßen ausschütteln. Marathon-Mann Börgers macht Meter, Kevin Eicher ballert wie wild: Der Mann vom VfL Wallhalben hat großen Anteil an der Aufholjagd, schießt Tor um Tor. „Es war Zeit, dass wir mal wieder rangekommen sind“, sagt Dirk Stiwitz, seines Zeichens der Vater des Rekordversuchs. Wie berichtet, ist es der bereits dritte Anlauf: Die vorangegangene Rekordmarke hatten die Guinness-Hüter nicht anerkannt, zuvor hatten den Pfälzern englische Teams den Rekord vor der Nase weggeschnappt. Momentan liegt die Messlatte bei 108 Stunden und zwei Minuten, aufgestellt am 30. Mai 2016 in Südengland. Im St. Wendeler Stadtteil Winterbach allerdings wollen die Kicker offenbar einen Rekord für die Ewigkeit aufstellen. Dass dabei sogar noch sportlicher Ehrgeiz aufkommt, lässt staunen. Mit 50 Toren hatten die Pfälzer am Samstagmittag im Hintertreffen gelegen, sich danach – auf Stiwitz’ Weckruf hin – herangekämpft. Ein Zwischenresultat: 706:704 stand es am frühen Nachmittag. Aber wen interessiert schon das Resultat. Die Zaungäste hoch oben auf der Sportheim-Terrasse eher nicht. Dort sitzt ein Grüppchen junger Leute, bestens gelaunt. „Wir trinken bei jedem Tor einen Schnaps“, lügt einer, ohne rot zu werden. Nein. Es fließt nur Bier, und das Etikett mit den dicken Nullen kündet auch noch davon, dass die meisten der Herren die alkoholfreie Variante gewählt haben. Kluge Entscheidung bei der Hitze. „Die Tribünenplätze hier sind begehrt“, sagt einer. Langsam trudeln immer mehr Zuschauer ein, schließlich ist Familientag angesagt. Die Spieler aber, die mit dicken Knöcheln, Verkrampfungen und Verspannungen zu kämpfen haben, ficht das Drumherum nur wenig an, so wenig wie die Partie in Madrid, die weit mehr Beachtung findet: Kloppos FC Liverpool schlägt Tottenham und sichert sich den Champions-League-Titel. Was die Akteure in Winterbach leisten, ist nicht minder beeindruckend, juckt aber nur einige wenige. Aber die ziehen den Hut. Am heutigen Montag, um 7.02 Uhr, purzelt der bisherige Rekord. Bis Mittwochabend soll’s weitergehen. Damit die Marke auch ja nicht so schnell getoppt wird.