Rheinpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Herschberg: Der alte Arbeitsplatz von „Millich-Sepp“ ist bald Geschichte

Viele Herschberger Bürger werden erfreut sein, wenn die „Alte Molkerei“ als Schandfleck gegenüber von Bürgerhalle und Kindergart
Viele Herschberger Bürger werden erfreut sein, wenn die »Alte Molkerei« als Schandfleck gegenüber von Bürgerhalle und Kindergarten endgültig verschwunden ist. Foto: Udo Wagner

Was heute am Ortseingang von Herschberg als Schandfleck gilt und bald abgerissen wird, galt vor rund 90 Jahren als ein Schmuckstück der Sickingerhöhgemeinde: Nicht nur in baulicher Hinsicht war das heute „Alte Molkerei“ genannte Gebäude für eine Landgemeinde im Jahr 1929 durchaus etwas Besonderes. Es unterstrich auch die Bedeutung der Landwirtschaft im Dorf.

Erbaut wurde die „Molkerei Sickingerhöhe“ von der 1928 gegründeten Molkereigenossenschaft. 1929 ging sie in Betrieb, sogar aus verschiedenen umliegenden Orten wurde in den Anfangsjahren Milch angeliefert und in der Molkerei verarbeitet. Gerade Herschberg war zu Beginn des 20. Jahrhunderts stark landwirtschaftlich geprägt, in nahezu jedem zweiten Anwesen standen Milchkühe im Stall. Selbst die kleinsten „Kuhbauern“, die keine Pferde für die Feldarbeit besaßen, erzeugten mehr Kuhmilch, als in der eigenen Familie verbraucht wurde. Bis dahin war es allgemein üblich, die Milch auf dem Bauernhof selbst zu entrahmen und im hölzernen Butterfass das beliebte Streichfett für den eigenen Gebrauch herzustellen.

Im Krieg auch Pirmasenser Milch

Ab den 1930er Jahren waren die Landwirte angehalten, die erzeugte Milch zentral abzuliefern. In der Molkerei in Herschberg wurden damals Butter und Käse erzeugt, und teilweise bis nach Rodalben und Waldfischbach ausgeliefert. Gustav Ritter war einer der ersten Beschäftigten. Seine heute 83-jährige Enkelin Liselotte Arzt-Neiss erinnert sich noch an die großen Zentrifugen und riesigen Schöpfkellen, mit denen ihr Großvater und andere Helfer dort hantierten.

Zu Beginn der kriegsbedingten Evakuierung der Stadt Pirmasens, verlegte die dortige Molkerei von 1939 bis 1942 ihren Sitz auf die Sickingerhöhe, weil hier eine wenn auch eingeschränkte Produktion möglich war. Danach war das Gebäude in Herschberg nur noch eine übliche Milchsammelstelle, die lange Jahre von Josef Müller, genannt „Millich-Sepp“, betreut wurde. Zwischenzeitlich waren in den Räumen sowohl ein Raiffeisen-Lager als auch die Gemeinschafts-Gefrieranlage eingerichtet worden. Ein dringend notwendiger Anbau für die eigentliche Sammelstelle wurde 1959 erstellt.

Seit 1972 kommen Tankwagen

Die von den Bauern abgelieferte Milch hat über mehrere Jahrzehnte Herschbergs ehemaliger Bürgermeister und Ehrenbürger Walter Schneider mit seinem Lastwagen nach Pirmasens transportiert – bis sie ab 1972 mittels Tankwagen an verschiedenen Sammelpunkten im Ort aus gekühlten Behältern abgepumpt wurde oder noch heute bei den Erzeugern direkt vom Hof abgeholt wird.

Hans Schneider (84), der über 50 Jahre als Landwirt einen Familienbetrieb geführt hat, erinnert sich noch gut an das tägliche Milchabliefern am anderen Ende des Dorfes. Zuerst sei man mit dem Handkarren oder dem Pferdefuhrwerk hingefahren, später dann bequemer und schneller mit dem Traktor.

63 Anlieferer alleine aus Herschberg waren Anfang der 1950er Jahre registriert. „Die abgelieferte Menge wurde jeweils in einem Milchbuch quittiert“, erzählt der 93-jährige Hermann Stoffel vom Aspenhof, dessen Sohn und Enkel mit ihren 150 Milchkühen zu den letzten vier Milcherzeugern in der Sickingerhöhgemeinde gehören. 1970, vor 50 Jahren also, hat es noch mehr als 30 gegeben.

Abriss für 23 000 Euro

Aber nicht nur gewerbliche Räume beherbergte das Molkereigebäude, sondern auch zwei Wohnungen im Obergeschoss. Besonders junge Familien mit mehreren Kindern, die kurz vor dem eigenen Hausbau standen, nutzten diese Wohnmöglichkeit. Egon Müller hat zusammen mit seinem Bruder dort einen Teil der Kindheit erlebt. Abwechslung brachte nach seinen Worten damals der abendliche Auftrieb mit Pferdefuhrwerken, wenn die Bauern aus dem Dorf ihre Milch zur Sammelstelle brachten und dabei noch ein Schwätzchen gehalten wurde. „Einmal hat mich sogar ein Pferd gebissen“, erzählt der heute 82-Jährige und ergänzt lachend: „Ich habe es überlebt.“ Nur eine Narbe an der Stirn erinnert ihn noch heute an das längst vergangene Ereignis.

„Endlich“,– wie Ortsbürgermeister Andreas Schneider betont, wird nach drei Entrümpelungsaktionen mit freiwilligen Helfern in Kürze das Gebäude abgerissen. Die Arbeiten wurden an die Firma Schäfer in Wallhalben zum Preis von 23.000 Euro vergeben.

Mehr zum Thema
x