Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Heiserer Herzschmerz mit dem skurrilen Trio Fortuna Ehrenfeld

Schlafzanzug und Federboa gehören fest zur Ausstattung von Fortuna Ehrenfeld.
Schlafzanzug und Federboa gehören fest zur Ausstattung von Fortuna Ehrenfeld.

Schlafanzug mit großem Karo, Federboa und eine Tolle irgendwo zwischen Irokese und Kokospalme: Das ist Martin Bechler, besser bekannt unter dem Namen Fortuna Ehrenfeld. Der klingt wie ein Fußballverein, doch dahinter steckt ein bemerkenswert skurriles Trio aus Köln, das am Donnerstag im Karlsruher Tollhaus für Stimmung sorgte.

„Die Rückkehr zur Normalität“ heißt das vierte Album von Fortuna Ehrenfeld, das die drei auf ihrer Tour vorstellen. Doch was ist schon normal, wenn die Zuschauer Titel wie „Arschloch, Wixer, Hurensohn“ wegen Corona nicht so mitsingen dürfen, wie sich das für echte Thekensteher gehört.

Denn an den Tresen, bestenfalls in einer Kneipe der Kölner Südstadt, da gehören diese Texte hin, diese eigenwillige und melancholische Mischung aus Hosentaschenpoesie, Bierglasphilosophie und Herzschmerz. Mit einem Unterschied: Anders als den Zecher kann man Bechlers warme Stimme trotz seines Hangs zur Heiserkeit zum Glück auch noch gegen Ende der Show verstehen. Und im Tollhaus steht kein Kölschglas, sondern eine Flasche Rotwein, für die Bechler kein Glas braucht.

Polaroids aus dem Gefühlsleben

Die Lieder wirken wie Polaroidbilder aus dem Gefühlschaos, Momentaufnahmen direkt aus dem Herzen. „Ich will doch nur, dass du endlich verstehst, was passiert, wenn du ab hier weitergehst. Denn irgendwann ist es zu spät für eine Rückkehr zur Normalität“, heißt es etwa im Titelsong des neuen Albums, und dahinter plätschert ein gechillter Reggae.

Selbstbewusst legen es diese Ohrwürmer darauf an, gern zitierte Wortschöpfungen zu prägen. Ein paar Beispiele? „Massive Turbulenzen in der Geistesgegenwart“, „50 Shades of Toastbrot“ und diese einprägsame Zeile aus dem Song „Glitzerfummel, Moonboots“: „Auf dem Weg zur totalen Erleuchtung bleibt der Körper oft hilflos zurück.“ Wen wundert’s, dass es inzwischen Songbooks gibt, die den Kult um Fortuna Ehrenfeld nach dem Motto „Such den Spruch“ befeuern.

„Wir wissen, wo dein Auto steht“

Bei den ersten Platten hat Belcher noch alle Instrumente selbst eingespielt. Jetzt gehören Keyboarderin Jenny Thiele und Schlagzeuger Jannis Knüpfer, der übrigens aus Pirmasens stammt, fest zum Trio. Akustisch jonglieren die drei selbst gerne mit Zitaten und blenden Einspieler ein, die sogleich einen ganzen Schwall an Assoziationen wecken – „Wir wissen, wo dein Auto steht“, schallt es da immer wieder aus dem Off. Manchmal lässt Belcher seine Stimme fast wie Tom Waits kratzen. Und bei „Die panamoralische Liebe“ und dem lakonischen Song „Hör endlich auf zu jammern“ blitzt der maschinelle Beat von Kraftwerk durch.

In der Tat: Jammern ist nicht ihr Ding, auch nicht, wenn sie davon erzählen, wie ihr Tourbus vor ein paar Tagen aufgebrochen und das komplette Equipment gestohlen wurde. Aber die zusammengeliehene Ausrüstung für den Auftritt in Karlsruhe will nicht so recht, wie sie wollen. Trotzdem: Nach so viel Elektro gibt’s erst mal einen satten Punk.

Kantersieg in Karlsruhe

„Wir tun jetzt mal so, als wäre das der letzte Song, und dann schauen wir mal“, kündigt Bechler nach einer normalen Konzertspanne von anderthalb Stunden an. Doch Ehrensache in Ehrenfeld, dass es dann doch noch eine ganze Weile weitergeht. Die drei scheinen sich ja gerade erst richtig warm gespielt zu haben. „Buongiorno, wildes Leben. Ich halt das nicht mehr aus. Im Kopf so viel Ideen und die müssen halt jetzt raus“, heißt es in dem Titel „Das Imperium rudert zurück“. Das klingt wie eine Hymne auf die Befreiung nach dem Lockdown.

Einstimmen dürfen die Zuschauer zwar nicht. Aber hin und wieder reißt es einen vom Sitz, um ganz verhalten und brav vor dem Stuhl ein paar Takte mitzutanzen. Wie sagt man im Fußball: ein Kantersieg in Karlsruhe.

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