Tag der Architektur
Hausbesuch beim Weingut Heußler & Töchter in Rhodt
Zwei Südpfälzer Weingüter präsentieren zum Tag der Architektur ihre neuen Verkaufsräume: neben Ellermann-Spiegel, einem Großen der Branche in Kleinfischlingen, auch der kleine Familienbetrieb Heußler & Töchter in Rhodt mit neun Hektar. Aussiedeln oder nicht – zwei grundverschiedene Philosophien.
Nina Heußler – sie ist neben ihrer Schwester Maike eine der „Töchter“ im Firmennamen –, findet diesen Vergleich an dem Aktionstag der Architektenkammer besonders spannend. Einen Aussiedlerhof zu gründen wie Ellermann-Spiegel hatte der Vater den beiden Töchtern auch nahegelegt, als sie sich entschieden, in den Winzerbetrieb mit neun Hektar einzusteigen. Denn die Lage des Weinguts in dem beschaulichen, weil engen Weinort Rhodt bietet kaum Möglichkeiten einer Vergrößerung.
Chancen der Verbesserung aber durchaus, wie die multifunktionale neue Probierstube zeigt. Hier heißt es, den wenigen Platz effizient zu nutzen. Cornelius Ziegler von Burkhard Architekten in Landau hat das Projekt als Beispiel für das Bauen im Bestand eingereicht. Komplett kernsaniert und umgestaltet hat er das alte Wohnhaus der Oma, das leer stand, nachdem sie vor vier Jahren hochbetagt gestorben ist.
Der Wunsch der beiden Schwestern bei der betrieblichen Sanierung war, natürliche Baustoffe wie Holz, Kalk- und Lehmputz sowie ökologische Dämmstoffe einzusetzen. Schließlich haben sie sich als Mitglied im Fair’n’Green-Verband der Mission verschrieben, ihre Weine und Obstbrände so natürlich wie möglich auf die Flasche zu bringen. Mit Hand angelegt hat Ninas Mann Robin Göbel, Ingenieur für Erneuerbare Energien.
Der Zuschnitt der Immobilie ist ungewöhnlich, besteht das Weingut doch aus zwei baugleichen Anwesen in der typischen pfälzischen Haus-und-Hof-Bauweise, die im Lauf der Jahre miteinander verwachsen sind. Erbaut habe sie um 1900 ein Brüderpaar, erzählt Nina Heußler. Ihr Großvater kaufte eines davon nach dem Zweiten Weltkrieg, als sein Bruder das elterliche Weingut im Ort übernahm, der zweite Hof kam in den 1970er-Jahren dazu. Das Zentrum des Betriebs wanderte mit dem Lebensmittelpunkt der Generation, die gerade das Sagen hatte, von Hof zu Hof. Doch jetzt soll es bleiben, wo es ist. Ihre Eltern möchten es nicht so weit haben, wenn sie mit anpacken, erzählt Nina Heußler.
Sie selbst aber wollte mehr Privatsphäre. „In einem Familienbetrieb mischen sich Arbeit und Privatleben stark“, sagt sie. Mit mehreren Generationen auf so engem Raum unter einem Dach zu leben, gefällt ihr schon. Bevor sie hier einziehen konnte, hat sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Landau zur Miete gewohnt. Aber sie betont: „Jeder braucht seine eigene Haustür.“ Sie habe die beiden Welten stärker trennen wollen, als sie es in ihrer Kindheit erlebt hat. Die Treppe, die früher vom Erdgeschoss des Wohnhauses hinauf zu den Schlafräumen der Oma führte, wurde daher komplett entfernt. Zu kurz war der Weg zwischen ihrer Arbeitsstätte im Verkaufsraum, wo auch ihr Büro eingerichtet ist, zu ihrer Wohnung. Sie ist nun über eine Außentreppe von der Hinterseite des Anwesens zugänglich.
Um aus dem Erdgeschoss, das früher als Wohnzimmer und Küche der Oma diente, einen großen Raum zu schaffen, hat ihr Architekt Ziegler ein Stahlgerüst aus Doppel-T-Trägern einziehen lassen, damit keine zusätzliche statische Last auf den Fasskeller wirkt. Auf dem Kappengewölbe wurde der Holzboden entfernt für eine Fußbodenheizung mit Sichtestrich, die von einer Wärmepumpe versorgt wird. Ein neuer Eingang war nötig in Richtung des Flaschenlagers, denn die alltäglichen Laufwege im Betrieb sollten kurz gehalten werden.
Die Einrichtung ist luftig, modern – ganz anders als der alte recht düstere, rustikale Probierraum in der Lagerhalle, der nach 50 Jahren ausgedient hat. Aber – das ist Nina Heußler wichtig – ihr Probierraum ist farbenfroh, gemütlich, aber jung, keinesfalls „superclean“ und „stylish-steril“. Mit roten und blauen Elementen greift er die Linie „Alla hopp“ auf, mit der die Heußlers mit hochwertigen Weinen von eher niedrigem Alkoholgehalt auf die „easy drinking“-Mode setzen. Die Stühle und die Fliesen des Thekenblocks etwa greifen das Mittelblau des Hoftors auf. Die Tischplatten sind noch die alten: Der Opa hat sie einst aus alten Fassdauben gezimmert. Mit ihren roten Metallgestellen haben sie jetzt nichts Altbackenes mehr. Die Winzerin erzählt, dass mancher Besucher der Probierstube mit den Holzfaser-Akustikplatten an der Decke fremdelt, die in dem Raum ohne Textilien unangenehmen Hall verhindern.
Auch das große Wohnzimmer im Obergeschoss und im ehemaligen Scheunenspeicher will Nina Heußler am Tag der Architektur bei Führungen zugänglich machen. Den alten Dachstuhl wollte sie unbedingt gerne erhalten, aber er hätte ein neues Dach mit dicker Dämmung nicht getragen. Also ließ Ziegler einen neuen über dem alten errichten. „Wir wollen nicht wie in einem Neubau wohnen“, betont die Winzerin. Wände aus Sandstein und Backstein blieben frei, an einer Stelle findet sich auch noch ein altes Stück Tapete der Oma, betont mit einem Bilderrahmen. Neu hinzu kam ein neuer Anbau als Aufstockung in Holzständerbauweise Holzlamellen-Fassade in Lärche mit einem begrünten Flachdach. Die Terrasse davor bietet einen Fernblick auf den Pfälzerwald.
Die abschüssige Straße und viele kleinteilige Erweiterungen der Vergangenheit brachten unterschiedliche Fußbodenniveaus in den vielen Teilen des Doppelanwesens mit sich, die sich nur mit großem Platzverlust hätten ändern lassen. Doch der ist gerade hier nicht im Überfluss vorhanden. Und nicht nur das Bauen im Bestand war eine Herausforderung bei diesem Projekt, auch das Bauen im Betrieb – ein nervenaufreibendes Unterfangen für den Architekten wie für die Winzerin. Kurz vor Beginn der Traubenlese, als die Traktoren mit dem Erntegut einfahren mussten, türmte sich im Hof ein riesiger Sandhaufen für den Estrich. Und an der Rückseite stand der Kran vor dem Hallentor. Doch 2025 wurde das Projekt nach zwei Jahren Bauzeit fertig.
Termin
Zum Tag der Architektur am Samstag, 27. Juni, 14 bis 18 Uhr, und Sonntag, 28. Juni, 11 bis 17 Uhr, ist das Haus in Rhodt, Weyherer Sraße 34, zu besichtigen. Ein Überblick über alle Projekte findet sich auf der Homepage diearchitekten.org unter dem Button Tag der Architektur 2026. Die Uhrzeiten werden kurz vor dem Architektourenwochenende aktuell eingestellt.